Dysphonie Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Stimmstörungen (Dysphonien) werden in organisch-strukturelle und regulative (funktionelle) Ursachen unterteilt.
- •Funktionelle Dysphonien zeigen keine primär organischen Veränderungen, können aber sekundär zu Stimmlippenknötchen führen.
- •Organische Dysphonien umfassen akute/chronische Entzündungen, gutartige Veränderungen (Polypen, Zysten, Reinke-Ödem) und Malignome.
- •Bei älteren Patienten muss zwischen physiologischer Altersstimme (Vox senium) und pathologischer Presbyphonie unterschieden werden.
- •Chronische Heiserkeit bei Kindern und Jugendlichen soll stets ärztlich abgeklärt werden.
Hintergrund
Die Stimmbildung (Phonation) ist ein komplexer physiologischer Prozess, der auf der Interaktion von Atmung (Kompressor), Kehlkopf (Oszillator) und Vokaltrakt (Resonator) beruht. Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien) können vielfältige Ursachen haben und erfordern eine differenzierte Betrachtung von organischen und regulativen Faktoren.
Einteilung von Stimmstörungen
Traditionell wird zwischen funktionellen und organischen Stimmstörungen unterschieden. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt die präzisere Unterscheidung in organisch-strukturelle und regulative Dysphonien.
| Klassifikation | Beschreibung | Beispiele |
|---|---|---|
| Organisch-strukturell | Strukturelle Veränderungen der stimmbildenden Organe | Entzündungen, Fehlbildungen, Tumoren, Stimmlippenpolypen |
| Regulativ (Funktionell) | Fehlregulation der Stimmgebung ohne primäre organische Pathologie | Hypofunktionelle/Hyperfunktionelle Dysphonie, Muscle tension dysphonia |
Funktionelle (malregulative) Dysphonien
Funktionelle Dysphonien sind durch Stimmklangveränderungen und Leistungseinschränkungen ohne primäre organische Ursache gekennzeichnet. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
- Hypofunktionelle Dysphonie: Äußert sich in einer leisen, verhauchten Stimme und herabgesetztem Körpertonus. Stroboskopisch zeigt sich oft ein Glottisspalt in der Schlussphase.
- Hyperfunktionelle Dysphonie (Muscle tension dysphonia): Führt zu einer rauen, gepressten Stimme, Räusperzwang und Globusgefühl. Oft besteht ein sichtbarer muskulärer Hypertonus im Bereich der Artikulation und der äußeren Halsregion.
Kernaussage: Als Folge einer funktionellen Dysphonie können durch mechanische Überbelastung (Kollisions- und Scherkräfte) sekundär organische Veränderungen wie Stimmlippenknötchen entstehen. Diese sind meist im mittleren Stimmlippendrittel lokalisiert.
Organische Stimmstörungen
Organische Dysphonien basieren auf strukturellen Veränderungen des Kehlkopfes oder der Stimmlippen.
| Pathologie | Ursachen / Risikofaktoren | Klinisches Bild / Symptome |
|---|---|---|
| Akute Laryngitis | Meist viral, oft mit Atemwegsinfekt | Heiserkeit, Aphonie, geschwollene/gerötete Stimmlippen |
| Chronische Laryngitis | Rauchen, Stimmfehlbelastung, inhalative Steroide | Morgendliche Heiserkeit, tiefe Sprechstimmlage, walzenförmige Stimmlippen |
| Laryngitis posterior | Laryngo-pharyngealer Reflux (LPR) | Tiefe Stimme, Granulationen/Erythem der hinteren Glottis |
| Kontaktgranulom | Mechanische Reibung (Hammereffekt), Reflux, Räuspern | Globusgefühl, oft keine Stimmklangveränderung, Granulation am Processus vocalis |
| Stimmlippenpolyp | Stimmüberlastung, Nikotin, Reflux (meist Männer) | Raue Stimme, umschriebene Schleimhauthyperplasie |
| Reinke-Ödem | Rauchen, Stimmüberlastung (meist Frauen 40-60 J.) | Tiefe, raue Stimme, gallertiges Ödem im Reinke-Raum |
Stimmveränderungen im Alter
Die Stimme unterliegt physiologischen Altersveränderungen durch Gewebeumbau (z. B. Reduktion von Hyaluronsäure, Abbau der Larynxmuskulatur). Es muss differenziert werden:
- Vox senium: Physiologische Altersstimme.
- Presbyphonie: Pathologische Altersstimmstörung.
Empfehlung: In jedem Fall von Presbyphonie sollte eine Hörtestung erfolgen. Eine großzügige Hörgeräteversorgung verbessert die auditive Rückkopplung und Stimmsteuerung. Bei Vokalisatrophien kann eine Stimmlippenaugmentation erwogen werden.
Stimmstörungen bei Kindern und Jugendlichen
Stimmstörungen im Kindesalter (z. B. durch Stimmlippenknötchen) bilden sich nicht immer in der Pubertät zurück und können bis ins Erwachsenenalter persistieren.
- Starke Empfehlung: Ursachen für chronische Heiserkeit oder Leistungsminderung bei Kindern sollen abgeklärt werden.
- Sind organische Veränderungen ausgeschlossen, sollen psychische und funktionelle Faktoren evaluiert werden.
- Mutationsstörungen: Treten während des Stimmwechsels auf. Die Hauptphase der Mutation dauert ca. 9-12 Monate und geht oft mit einer vorübergehenden Einschränkung der stimmlichen Leistungsfähigkeit einher.
💡Praxis-Tipp
Bei älteren Patienten mit Presbyphonie (Altersstimmstörung) sollte stets das Gehör überprüft werden. Eine unerkannte Schwerhörigkeit stört die auditive Rückkopplung der Stimmsteuerung – eine Hörgeräteversorgung ist hier oft ein essenzieller therapeutischer Schritt.