Probiotika bei Frühgeborenen: Prävention der NEC
Hintergrund
Sehr früh geborene Säuglinge (unter 32 Schwangerschaftswochen) und Kinder mit sehr niedrigem Geburtsgewicht (unter 1500 g) haben ein hohes Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC). Diese schwere Darmerkrankung ist mit einer hohen Sterblichkeit, schweren Infektionen und langfristigen neurologischen Komplikationen verbunden.
Eine intestinale Dysbiose wird als wesentlicher Faktor bei der Entstehung der NEC vermutet. Die enterale Gabe von Probiotika soll das intestinale Mikrobiom modulieren, nützliche Bakterien ansiedeln und die Barrierefunktion des Darms stärken.
Der vorliegende Cochrane Review (2020) untersucht die Wirksamkeit und Sicherheit der prophylaktischen Probiotika-Gabe bei dieser vulnerablen Patientengruppe. Es wurden 56 randomisierte kontrollierte Studien mit über 10.000 Säuglingen ausgewertet.
Empfehlungen
Der Review fasst die Evidenz zur prophylaktischen Gabe von Probiotika bei sehr unreifen Frühgeborenen zusammen.
Klinische Endpunkte
Die Meta-Analyse zeigt, dass die enterale Supplementierung mit Probiotika das Risiko für verschiedene schwerwiegende Komplikationen senken kann. Für die Hauptendpunkte ergeben sich laut Review folgende Effekte:
-
Reduktion des Risikos für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) (Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit)
-
Wahrscheinliche Reduktion der Gesamtmortalität vor Krankenhausentlassung (Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit)
-
Wahrscheinliche Reduktion von späten invasiven Infektionen (Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit)
Extrem unreife Frühgeborene
Für extrem früh geborene Säuglinge (unter 28 Wochen) oder Kinder mit extrem niedrigem Geburtsgewicht (unter 1000 g) ist die Datenlage begrenzt. In dieser Subgruppe konnte kein signifikanter Effekt auf NEC, Mortalität oder Infektionen nachgewiesen werden.
Langzeitentwicklung
Bezüglich der neurologischen Langzeitentwicklung zeigt die Auswertung keinen signifikanten Einfluss der Probiotika. Es gibt laut Review keine Evidenz für einen Effekt auf schwere neurologische Entwicklungsstörungen, Zerebralparese oder Seh- und Hörbeeinträchtigungen.
Präparate und Anwendung
Die in den Studien verwendeten Präparate variierten stark. Am häufigsten kamen Stämme von Bifidobacterium, Lactobacillus, Saccharomyces und Streptococcus allein oder in Kombination zum Einsatz.
Der Review weist darauf hin, dass die optimale Zusammensetzung, Dosierung und Dauer der Probiotika-Gabe für den routinemäßigen Einsatz noch unklar ist. Größere Effekte zeigten sich tendenziell bei Kombinationen aus Bifidobakterien und Laktobazillen.
Dosierung
Der Review gibt keine eigene Dosierungsempfehlung ab, beschreibt jedoch die typischen Anwendungsschemata der eingeschlossenen Studien:
| Parameter | Beschreibung laut Studienlage |
|---|---|
| Beginn der Gabe | Innerhalb der ersten Lebenswoche (meist mit erster enteraler Nahrung) |
| Dosierung | 10^8 bis 10^9 koloniebildende Einheiten (KBE) pro Dosis |
| Häufigkeit | Ein- bis zweimal täglich über eine Magensonde |
| Dauer | Meist mindestens 6 Wochen (oder bis 34-36 Wochen postmenstruelles Alter) |
Kontraindikationen
Obwohl die Daten aus den eingeschlossenen Studien bezüglich der Sicherheit beruhigend sind, wird in der Literatur über seltene Fälle von Bakteriämie oder Fungämie durch die verabreichten Probiotika-Stämme bei Frühgeborenen berichtet.
Der Review betont, dass die routinemäßige Anwendung durch Bedenken hinsichtlich der Produktqualität, möglicher Kontaminationen mit Pathogenen und fehlender Zulassungen limitiert wird.
💡Praxis-Tipp
Der Review hebt hervor, dass trotz der nachgewiesenen positiven Effekte auf NEC und Mortalität weiterhin Unklarheit über das optimale Probiotika-Regime besteht. Es wird darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse durch Publikationsbias und methodische Schwächen kleinerer Studien überschätzt sein könnten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Cochrane Review kann die Gabe von Probiotika das Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis bei sehr unreifen Frühgeborenen reduzieren. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Evidenz wird jedoch aufgrund methodischer Einschränkungen der Studien als niedrig eingestuft.
Der Review kann keine definitive Empfehlung für einen spezifischen Stamm aussprechen. Es wird jedoch beschrieben, dass Kombinationen aus Bifidobakterien und Laktobazillen tendenziell größere Effekte zeigten.
Die Meta-Analyse zeigt keinen signifikanten Effekt der Probiotika-Gabe auf schwere neurologische Entwicklungsstörungen. Die Raten für Zerebralparese oder sensorische Beeinträchtigungen unterschieden sich laut Review nicht von der Kontrollgruppe.
Für diese spezifische Subgruppe reicht die aktuelle Datenlage laut Review nicht aus, um einen Nutzen zu belegen. Es zeigten sich in den Analysen keine signifikanten Effekte auf NEC, Mortalität oder Infektionen.
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Quelle: Cochrane Review: Probiotics to prevent necrotising enterocolitis in very preterm or very low birth weight infants (Cochrane, 2020). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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