Nierenzellkarzinom: S3-Leitlinie (AWMF/DKG)
📋Auf einen Blick
- •Rauchen, Adipositas, Hypertonie und Trichlorethen-Exposition sind gesicherte Risikofaktoren für das Nierenzellkarzinom.
- •Standard in der Primärdiagnostik ist die Mehrzeilen-CT (nativ, früharteriell, venös). Bei Verdacht auf Cavazapfen sollte eine MRT erfolgen.
- •Eine Nierentumorbiopsie (Stanzbiopsie) ist obligat vor ablativen Verfahren, bei zystischen Tumoren jedoch kontraindiziert.
- •Das WHO-ISUP-Grading wird für klarzellige und papilläre Karzinome angewendet, chromophobe Tumoren werden nicht gradiert.
- •Bei Verdacht auf Knochenmetastasen ist eine Ganzkörper-CT (Low-Dose) oder MRT der Skelettszintigraphie vorzuziehen.
Hintergrund
Das Nierenzellkarzinom ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters (mittleres Erkrankungsalter: Männer 68 Jahre, Frauen 71 Jahre). Die Prognose ist stark vom Tumorstadium abhängig. Während die relative 5-Jahres-Überlebensrate im Stadium I bei 98 % liegt, sinkt sie im Stadium IV auf 18 % ab. Etwa drei Viertel der Tumoren werden in den Kategorien T1 und T2 diagnostiziert.
Risikofaktoren und Prävention
Neben genetischen Dispositionen gibt es gesicherte modifizierbare Risikofaktoren für die Entstehung eines Nierenzellkarzinoms:
| Risikofaktor | Evidenz / Bemerkung |
|---|---|
| Rauchen | Risikoerhöhung um 54 % (Männer) bzw. 22 % (Frauen). Dosis-Wirkungsbeziehung vorhanden. |
| Adipositas | Risikoerhöhung pro 5 kg/m² BMI-Anstieg um 24 % (Männer) und 34 % (Frauen). |
| Hypertonie | Erhöhter Blutdruck steigert das Risiko. Adäquate Einstellung kann das Risiko senken. |
| Trichlorethen (TRI) | Sehr hohe berufliche Exposition ist ein gesicherter Risikofaktor (Anerkennung als Berufskrankheit BK Nr. 1302 möglich). |
| Niereninsuffizienz | Terminale Niereninsuffizienz erhöht das Risiko um das Vierfache. |
Zudem gibt es hereditäre Tumorsyndrome (z. B. von Hippel-Lindau-Syndrom, Birt-Hogg-Dubé-Syndrom), bei denen Patienten auf die Möglichkeit einer genetischen Beratung hingewiesen werden sollen.
Bildgebende Diagnostik
Für das lokale Staging und die Resektionsplanung gelten klare Empfehlungen:
- Computertomographie (CT): Soll (Empfehlungsgrad A) als Standardverfahren durchgeführt werden (nativ, früharteriell und venös von Leberkuppe bis Symphyse).
- Magnetresonanztomographie (MRT): Sollte (Empfehlungsgrad B) bei Verdacht auf Venen- oder Cavabeteiligung erfolgen, da die MRT den Tumorthrombusrand besser abgrenzen kann.
Indikationen zur Biopsie
Eine Biopsie unklarer Raumforderungen sollte nur erfolgen, wenn das Ergebnis die Therapiewahl beeinflusst.
| Indikation / Situation | Empfehlung (Expertenkonsens) |
|---|---|
| Vor ablativer Therapie | Biopsie soll durchgeführt werden. |
| Vor systemischer Therapie | Biopsie soll erfolgen, falls noch keine histologische Sicherung vorliegt. |
| Vor zytoreduktiver Nephrektomie | Biopsie kann durchgeführt werden. |
| Zystische Raumforderungen | Sollten nicht biopsiert werden (Gefahr des Tumor-Seedings). |
Technische Durchführung: Die Biopsie soll als Stanzzylinderbiopsie (mindestens 2 Biopsien, 18-Gauge-Nadel) unter Ultraschall- oder CT-Kontrolle in koaxialer Technik erfolgen.
Pathologie und Klassifikation
Die histologische Typisierung soll nach der aktuellen WHO-Klassifikation unter Berücksichtigung der ISUP-Modifikationen erfolgen.
- Grading: Der Tumorgrad soll bei klarzelligen und papillären Nierenzellkarzinomen nach dem WHO-ISUP-Grading angegeben werden.
- Ausnahme: Chromophobe Nierenzellkarzinome sollten nicht gradiert werden.
- Zusatzangaben: Der prozentuale Anteil von Tumornekrosen sowie eine sarkomatoide und/oder rhabdoide Differenzierung sollen im Befund angegeben werden.
- Papilläres Karzinom: Sollte in Typ 1 (günstige Prognose) und Typ 2 eingeteilt werden.
Ausbreitungsdiagnostik (Staging)
- Bei asymptomatischen Patienten mit Tumoren > 3 cm sollte ein Thorax-CT durchgeführt werden.
- Bei klinischem Anhalt für Knochenmetastasen soll eine Ganzkörper-CT (Low-Dose) oder MRT erfolgen. Diese sind der Skelettszintigraphie vorzuziehen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei zystischen Nierenraumforderungen keine Biopsie durch, da die diagnostische Aussagekraft unsicher ist und das Risiko einer Tumorzellverschleppung besteht. Nutzen Sie bei Verdacht auf einen Cavazapfen primär die MRT zur exakten Ausdehnungsbestimmung.