Harnblasenkarzinom: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das Harnblasenkarzinom ist der zweithäufigste urologische Tumor in Deutschland mit ca. 28.000 Neuerkrankungen jährlich.
- •Rauchen ist ein validierter Hauptrisikofaktor; das Risiko steigt mit Dauer und Dosis.
- •Berufliche Expositionen gegenüber aromatischen Aminen (z.B. bei Malern, in der Gummiindustrie) sind anerkannte Risikofaktoren.
- •Medikamente wie Cyclophosphamid und Phenazetin sowie Aristolochiasäure erhöhen das Karzinomrisiko signifikant.
- •Ein generelles Screening auf genetische Syndrome zur Früherkennung wird nicht empfohlen.
Hintergrund
Das Harnblasenkarzinom ist mit ca. 28.000 Neuerkrankungen jährlich der zweithäufigste Tumor im Fachgebiet der Urologie in Deutschland. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 73 Jahren (Männer) bzw. 77 Jahren (Frauen). Bei Männern ist es der vierthäufigste, bei Frauen der vierzehnthäufigste Tumor. Die Inzidenz nimmt ab dem 25. Lebensjahr mit zunehmendem Alter kontinuierlich zu, wobei der Anstieg bei Männern stärker ausgeprägt ist.
Genetische Prädisposition
Außerhalb spezieller genetischer Syndrome (z. B. Lynch-Syndrom / HNPCC) lässt die Datenlage keine generelle Aussage zur genetischen Prädisposition zu.
- Empfehlung: Es soll kein Screening auf das Vorliegen spezieller genetischer Syndrome erfolgen.
Validierte Risikofaktoren
Die Entstehung eines Urothelkarzinoms ist stark mit exogenen Noxen und Lebensgewohnheiten assoziiert.
Rauchen
Das Rauchen von Zigaretten ist ein validierter Hauptrisikofaktor.
- Das Risiko steigt mit der Dauer des Rauchens und der Anzahl der gerauchten Zigaretten.
- Das Beenden des Rauchens vermeidet den weiteren Anstieg des Risikos.
Medikamente und Toxine
Bestimmte Medikamente und chemische Substanzen sind gesicherte Auslöser für Harnblasenkarzinome:
| Substanz | Bemerkung / Risiko |
|---|---|
| Cyclophosphamid | Dosisabhängiges Risiko (z.B. >50 g Gesamtdosis führt zu stark erhöhtem Risiko). |
| Phenazetin | Vermehrtes Auftreten von Urothelkarzinomen (Medikament ist nicht mehr zugelassen). |
| Aristolochiasäure | Erhöhtes Risiko für Urotheltumoren, oft nach Einnahme von bestimmten Kräutermedizinen. |
| Chlornaphazin | Erhöht das Risiko für die Entstehung eines Harnblasenkarzinoms. |
Chronische Entzündungen
Chronische Entzündungen der Harnblase können die Entstehung eines Karzinoms begünstigen.
- Wiederkehrende Harnwegsinfekte und Blasensteine erhöhen das Risiko.
- Mehrjährige Harnableitung mittels Dauerkatheter (z.B. bei Querschnittsgelähmten) ist mit einem erhöhten Risiko assoziiert.
- Bilharziose: Führt zu einem erheblich erhöhten Risiko, insbesondere für Plattenepithelkarzinome der Harnblase.
Strahlentherapie
Eine Strahlentherapie im kleinen Becken (z.B. bei Zervixkarzinom) kann mit einer Latenzzeit von mehreren Jahren (oft 10 bis >40 Jahre) zur Entwicklung eines Harnblasenkarzinoms führen.
Berufsbedingte Risikofaktoren und aromatische Amine
Bestimmte aromatische Amine können Harnblasenkarzinome auslösen. An Arbeitsplätzen ist oft die Exposition gegenüber wasserlöslichen Azofarbstoffen relevant, aus denen im Körper aromatische Amine freigesetzt werden.
| Kategorie (DFG) | Beispiele für aromatische Amine |
|---|---|
| Kategorie 1 (beim Menschen krebserzeugend) | 4-Aminodiphenyl, Benzidin, 4-Chlor-o-toluidin, 2-Naphthylamin, o-Toluidin |
Bei Patienten mit Harnblasenkarzinom soll eine ausführliche Berufsanamnese erhoben werden. Folgende Berufsgruppen weisen ein gesichert erhöhtes Risiko auf (oft als Berufskrankheit BK 1301 anerkannt):
- Maler und Lackierer
- Beschäftigte in der Gummiindustrie
- Bergleute
- Bus- und LKW-Fahrer
- Friseure (insbesondere männliche Friseure, limitierte Evidenz)
- Arbeiter mit hoher Exposition gegenüber Verbrennungsprodukten (z.B. Aluminiumproduktion, Kohlevergasung)
💡Praxis-Tipp
Erheben Sie bei jedem Patienten mit Harnblasenkarzinom eine ausführliche Berufsanamnese, da bestimmte Tätigkeiten (z.B. Maler, Gummiindustrie) als Berufskrankheit anerkannt werden können. Denken Sie zudem bei älteren Patientinnen mit stattgehabter Beckenbestrahlung auch nach Jahrzehnten an ein strahleninduziertes Karzinom.