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Essentielle Thrombozythämie (ET): Leitlinie (Onkopedia)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Onkopedia Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die ET ist eine myeloproliferative Neoplasie, die meist durch Mutationen in JAK2, CALR oder MPL getrieben wird.
  • Vor der Diagnosestellung muss eine reaktive Thrombozytose (z. B. durch Entzündung oder Eisenmangel) ausgeschlossen werden.
  • Die Diagnose erfordert zwingend eine Knochenmarkbiopsie und erfolgt nach den WHO/ICC-Kriterien.
  • Die Therapie richtet sich nach dem Risikoprofil (Alter > 60, stattgehabte Thrombosen, Thrombozyten > 1.500.000/µl).
  • Bei Hochrisiko-Patienten ist eine zytoreduktive Therapie (z. B. Hydroxyurea, Anagrelid) mit einem Zielwert von < 400.000/µl indiziert.
  • Ab Thrombozyten > 1.000.000/µl ist ASS wegen der Gefahr eines erworbenen von-Willebrand-Syndroms häufig kontraindiziert.
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Hintergrund

Die Essentielle Thrombozythämie (ET) ist eine chronische myeloproliferative Neoplasie (MPN), die durch eine persistierende Erhöhung der Thrombozytenzahl und eine Vermehrung großer, reifer Megakaryozyten im Knochenmark gekennzeichnet ist. Die Erkrankung verläuft oft asymptomatisch, kann jedoch zu Mikrozirkulationsstörungen (z. B. Erythromelalgie, Sehstörungen) sowie zu lebensbedrohlichen arteriellen und venösen Thrombosen führen. Seltener kommt es zu hämorrhagischen Komplikationen.

Genetik und Pathogenese

Die ET ist eine Erkrankung der hämatopoetischen Stammzelle. Durch klonale Mutationen kommt es zu einer Daueraktivierung des JAK-STAT-Signalweges.

GenHäufigkeit bei ETBemerkung
JAK2 (V617F)50 - 60 %Höheres Thromboserisiko
CALR30 - 35 %Höhere Thrombozytenzahlen, geringeres Thromboserisiko
MPL3 %Ggf. höhere Rate an Progression
Triple negative10 - 12 %Keine der drei Mutationen nachweisbar

Diagnostik und Differentialdiagnose

Vor der spezifischen Diagnostik muss eine sekundäre (reaktive) Thrombozytose (z. B. durch Infekte, Entzündungen, Traumata oder Eisenmangel) mittels CRP- und Ferritin-Bestimmung ausgeschlossen werden. Die Diagnose der ET erfordert eine Knochenmarkbiopsie und wird nach den WHO/ICC-Kriterien (2022) gestellt.

KriteriumBeschreibung
Hauptkriterium 1Anhaltende Thrombozytenzahl > 450.000/µl im peripheren Blut
Hauptkriterium 2Knochenmarkhistologie: Proliferation der Megakaryozyten (vergrößert, hyperlobuliert). Keine signifikante Vermehrung der Granulo-/Erythropoese. Retikulinfasern Grad 0-1.
Hauptkriterium 3Ausschluss anderer myeloischer Neoplasien (CML, PV, PMF, MDS)
Hauptkriterium 4Nachweis einer JAK2-, CALR- oder MPL-Mutation
NebenkriteriumKlonaler Marker vorhanden ODER kein Hinweis auf reaktive Thrombozytose

Für die Diagnose müssen alle 4 Hauptkriterien ODER die ersten 3 Hauptkriterien + 1 Nebenkriterium erfüllt sein.

Risikostratifizierung

Die Therapieplanung basiert auf dem individuellen Risiko für thromboembolische und hämorrhagische Komplikationen. Der konventionelle Score bewertet folgende Risikofaktoren mit je 1 Punkt:

  • Alter > 60 Jahre
  • Stattgehabte Thrombose oder schwere Blutung
  • Thrombozyten > 1.500.000/µl
RisikogruppePunkteKlinische Konsequenz
Niedrigrisiko0Watch & Wait, allgemeine Maßnahmen
Intermediärrisiko0 (aber kardiovaskuläre Risikofaktoren)Individuelle Abwägung, meist ASS low-dose
Hochrisiko≥ 1Zytoreduktive Therapie indiziert

Therapie

Ziel der Therapie ist die Prävention von Komplikationen. Eine kurative Therapie existiert nicht. Bei zytoreduktiver Therapie wird eine Thrombozytenzahl < 400.000/µl angestrebt.

TherapieformWirkstoff / MaßnahmeIndikation & Bemerkung
AllgemeinGewichtsnormalisierung, Bewegung, Exsikkose vermeidenBasistherapie für alle Patienten
AntiaggregierendASS (50-100 mg/Tag)Bei Mikrozirkulationsstörungen. Kontraindiziert bei Thrombozyten > 1.000.000/µl (Gefahr des erworbenen vWF-Mangels).
Zytoreduktion (1. Wahl)Hydroxyurea (20-40 mg/kg)Standard bei Hochrisiko. Vorsicht bei jungen Patienten (potenziell leukämogen).
Zytoreduktion (Alternative)Anagrelid (0,5-2,0 mg/Tag)Hemmt Thrombozytenbildung. Gut bei jüngeren Patienten.
Zytoreduktion (Off-label)Pegyliertes Interferon-alphaSehr gut belegt, Mittel der Wahl bei Schwangerschaft.

Besondere Situationen

  • Schwangerschaft: Eine erfolgreiche Schwangerschaft ist bei ca. 70 % möglich. Bei zwingender Indikation zur Zytoreduktion ist pegyliertes Interferon-alpha am besten geeignet.
  • Labor-Artefakte: Bei stark erhöhten Thrombozytenzahlen kann es im Serum-Röhrchen zu einer Pseudo-Hyperkaliämie kommen. Der wahre Kaliumwert muss im Heparin-Blut bestimmt werden.

💡Praxis-Tipp

Bei extrem hohen Thrombozytenzahlen (> 1.000.000/µl) kann ein erworbenes von-Willebrand-Syndrom auftreten. Bestimmen Sie vor der Gabe von ASS zwingend die vWF-Aktivität (Ristocetin-Kofaktor) – bei Werten < 30 % ist ASS kontraindiziert! Denken Sie zudem bei Hyperkaliämie an eine Pseudo-Hyperkaliämie und kontrollieren Sie den Wert im Heparin-Röhrchen.

Häufig gestellte Fragen

Am häufigsten ist die JAK2 V617F-Mutation (50-60%), gefolgt von CALR (30-35%) und MPL (3%). Etwa 10-12% der Patienten weisen keine dieser Mutationen auf ('triple negative').
Eine zytoreduktive Therapie ist bei Hochrisiko-Patienten indiziert. Dies betrifft Patienten, die älter als 60 Jahre sind, bereits eine Thrombose oder schwere Blutung hatten oder Thrombozytenwerte über 1.500.000/µl aufweisen.
Unter einer zytoreduktiven Therapie (z. B. mit Hydroxyurea oder Anagrelid) wird eine Absenkung der Thrombozytenzahl auf unter 400.000/µl angestrebt.
Durch Bestimmung von CRP und Ferritin zum Ausschluss von Entzündungen oder Eisenmangel sowie durch den Nachweis klonaler Marker (JAK2, CALR, MPL) und eine obligatorische Knochenmarkbiopsie.

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