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Onkopedia/DGHOOnkologie

MDS (Myelodysplastische Neoplasien): Leitlinie (Onkopedia)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Onkopedia/DGHO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik erfordert zwingend eine zyto-histo-morphologische Knochenmarkuntersuchung kombiniert mit Zytogenetik und Molekulargenetik.
  • Die Risikostratifizierung erfolgt primär über den IPSS-R Score, zunehmend ergänzt durch den molekularen IPSS-M Score (31 Gene).
  • Bei Niedrigrisiko-MDS steht die supportive Therapie (Transfusionen, ESF, Luspatercept, Lenalidomid) im Vordergrund.
  • Für Hochrisiko-MDS ist die allogene Stammzelltransplantation die einzige kurative Option; alternativ kommt die epigenetische Therapie mit Azacitidin zum Einsatz.
  • Aufgrund der Dynamik der Erkrankung (Karyotyp- und molekulare Evolution) ist ein regelmäßiges Verlaufsmonitoring mittels Knochenmarkpunktion empfohlen.
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Hintergrund

Myelodysplastische Neoplasien (MDS) sind klonale Erkrankungen der hämatopoetischen Stammzelle. Sie sind gekennzeichnet durch Dysplasien von Blut- und Knochenmarkzellen, eine hämatopoetische Insuffizienz und ein erhöhtes Risiko für den Übergang in eine akute myeloische Leukämie (AML). Das mediane Erkrankungsalter liegt bei ca. 75 Jahren. Neben primären Formen gibt es therapieassoziierte MDS (ca. 10 % der Fälle nach Chemo-/Strahlentherapie).

Vorstufen und Frühformen der MDS werden anhand von Zytopenien und genetischen Veränderungen klassifiziert:

EntitätZytopenieDysplasieKM-BlastenZytogenetikMolekulargenetik
ICUS (Idiopathic cytopenia)JaNein<5 %NeinNein
CCUS (Clonal cytopenia)JaNein<5 %+/-Ja
IDUS (Idiopathic dysplasia)NeinJa<5 %+/-Nein
CHIP (Clonal hematopoiesis)NeinNein<5 %NeinJa

Diagnostik

Leitbefund ist meist eine Anämie (70-80 % der Erstmanifestationen), oft in Kombination mit einer Bi- oder Panzytopenie. Der Goldstandard der Diagnostik umfasst:

Peripheres BlutKnochenmark
Blutbild, Differenzialblutbild, RetikulozytenZytologie mit Eisenfärbung (Ringsideroblasten)
Serum-LDH, SerumferritinHistologie (Zellularität, Fibrose)
Erythropoetinspiegel (sEPO)Zytogenetik (20 Metaphasen), ggf. FISH
Folsäure, Vitamin B12, BlutgruppeMutationsanalyse (z.B. SF3B1, TP53, IPSS-M Panel)

Klassifikation und Risikostratifizierung

Die WHO-Klassifikation 2022 teilt MDS in morphologisch definierte und genetisch definierte Typen ein (z.B. MDS mit del(5q), MDS mit SF3B1-Mutation, MDS mit bi-allelischer TP53-Inaktivierung).

Zur Prognoseabschätzung ist der IPSS-R (International Prognostic Scoring System-Revised) etabliert:

Parameter0 Pkt0,5 Pkt1 Pkt1,5 Pkt2 Pkt3 Pkt4 Pkt
KaryotypSehr gut-Gut-IntermediärSchlechtSehr schlecht
KM-Blasten (%)<=2->2-<5-5-10>10-
Hb-Wert (g/dl)>=10-8-<10<8---
Thrombozyten (/nl)>=10050-<100<50----
Neutrophile (/nl)>=0,8<0,8-----

Risikogruppen IPSS-R: Very Low (<=1,5), Low (2-3), Intermediate (3,5-4,5), High (5-6), Very High (>6).

Zukünftig gewinnt der IPSS-M (Molecular) an Bedeutung, der 31 molekulargenetische Variablen integriert und bei 46 % der Patienten zu einer präziseren Restratifizierung führt.

Therapie der Niedrigrisiko-MDS

Bei Patienten mit IPSS-R Very Low, Low und Intermediate steht die Verbesserung der Lebensqualität und die Behandlung der Zytopenien im Fokus.

TherapieoptionIndikationBemerkung
Watch & WaitGeringe Zytopenie, asymptomatischAlters- und komorbiditätsabhängig
SupportivTransfusionsbedarf (EK/TK)Eisenchelatoren erwägen bei >20 EK oder Ferritin >1000 ng/ml (Lebenserwartung >2 Jahre)
ESF (+/- G-CSF)Anämie, sEPO <500 U/lNordic Score zur Prädiktion des Ansprechens nutzen
LuspaterceptMDS-RS oder SF3B1-MutationNach ESF-Versagen oder bei geringer ESF-Ansprechwahrscheinlichkeit
Lenalidomiddel(5q), transfusionspflichtigDosis: 10 mg/Tag. Vorab TP53-Mutationsstatus prüfen
ImmunsuppressionHypozelluläres KM, geringer TransfusionsbedarfATG + Cyclosporin (nur an hämatologischen Zentren)

Therapie der Hochrisiko-MDS

Für Patienten mit IPSS-R High und Very High ist die Lebenserwartung deutlich eingeschränkt. Ziel ist die Lebensverlängerung.

  • Allogene Stammzelltransplantation: Einzige kurative Option. Sollte bei jedem geeigneten Patienten (auch >70 Jahre) in einem Transplantationszentrum geprüft werden.
  • Epigenetische Therapie: Standard für nicht-transplantable Patienten. Azacitidin (75 mg/m² an 7 Tagen subkutan oder i.v., alle 28 Tage). Es müssen mindestens 4-6 Zyklen verabreicht werden, bevor das Ansprechen beurteilt wird. Bei Ansprechen Therapie bis zum Progress fortführen. Alternativ kann Decitabin eingesetzt werden.
  • Intensive Chemotherapie: Keine Standardoption, nur im Einzelfall zur Remissionsinduktion vor geplanter Transplantation.

Verlaufsmonitoring

MDS sind dynamische Erkrankungen. Eine prospektive Diagnostik ist essenziell, da bis zu 30 % der Patienten eine Karyotypevolution und bis zu 70 % eine molekulare Evolution zeigen.

VerfahrenMaterialIntervall
ZytomorphologieKnochenmarkAlle 12 Monate
Zytogenetik / FISHKnochenmarkAlle 12 Monate
MolekulargenetikBlut und KnochenmarkAlle 12 Monate
Follow-up MutationenPeripheres BlutAlle 3-6 Monate

💡Praxis-Tipp

Warten Sie bei MDS-Patienten nicht erst auf signifikante Blutbildveränderungen, um eine Re-Evaluation durchzuführen. Führen Sie prospektiv alle 12 Monate eine Knochenmarkpunktion (inkl. Zytogenetik) durch, um eine Karyotypevolution oder molekulare Progression frühzeitig zu erkennen.

Häufig gestellte Fragen

Luspatercept ist indiziert bei transfusionsbedürftiger Anämie bei MDS mit Ringsideroblasten (MDS-RS) oder SF3B1-Mutation, wenn Erythropoese-stimulierende Faktoren (ESF) versagt haben oder der endogene Erythropoetin-Spiegel ≥200 U/l liegt.
Etwa 60 % der Niedrigrisiko-MDS-Patienten mit einer singulären Deletion am Chromosom 5 (del(5q)) und transfusionspflichtiger Anämie erreichen darunter Transfusionsunabhängigkeit. Die empfohlene Dosis liegt bei 10 mg/Tag.
Der Effekt der epigenetischen Modulation tritt langsam ein. Es sollten zwingend mindestens 4-6 Zyklen Azacitidin verabreicht werden, bevor eine abschließende Beurteilung des Ansprechens vorgenommen wird.
Der IPSS-R basiert auf Blutwerten, dem Knochenmark-Blastenanteil und der Zytogenetik. Der neuere IPSS-M (Molecular) integriert zusätzlich den Mutationsstatus von 31 Genen und führt bei fast der Hälfte der Patienten zu einer präziseren Risikoeinstufung.
Eine Therapie mit Eisenchelatoren (z.B. Deferasirox) kann erwogen werden bei Patienten mit einer Lebenserwartung von >2 Jahren, die bereits mindestens 20 Erythrozytenkonzentrate erhalten haben oder einen Serumferritinspiegel von >1000 ng/ml aufweisen.

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