Myeloproliferative Neoplasien (MPN): Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •MPN sind klonale Erkrankungen der hämatopoetischen Stammzelle, die nach der WHO/ICC-Klassifikation 2022 eingeteilt werden.
- •Bei der CML (BCR::ABL1-positiv) wird der Begriff der akzelerierten Phase nicht mehr verwendet; es gibt nur noch chronische und Blastenphase.
- •Die Diagnosesicherung erfordert zwingend den Nachweis molekularer Klonalitätsmarker (z.B. JAK2, CALR, MPL) und eine Knochenmarkhistologie.
- •Zusätzliche somatische Mutationen (z.B. ASXL1, TP53) gelten als Hochrisikomutationen und treiben die Krankheitsprogression voran.
- •Medikamentöse Therapien sind nicht kurativ; eine Heilung ist nur durch allogene Stammzelltransplantation bei Hochrisikopatienten möglich.
Hintergrund
Myeloproliferative Neoplasien (MPN) sind klonale Erkrankungen der hämatopoetischen Stammzelle, die lebenslang persistieren. Sie sind gekennzeichnet durch die klonale Proliferation einer oder mehrerer terminal differenzierter Zellreihen im peripheren Blut. Die meisten Fälle werden in der chronischen Phase diagnostiziert, jedoch ist bei allen Entitäten eine Transformation in eine Blastenphase möglich.
Klassifikation nach WHO/ICC (2022)
Die aktuelle Einteilung der MPN umfasst folgende Entitäten:
| Entität | Abkürzung | Charakteristikum |
|---|---|---|
| Chronische Myeloische Leukämie | CML | BCR::ABL1-positiv |
| Polycythaemia Vera | PV | Erythrozytose im Vordergrund |
| Essentielle Thrombozythämie | ET | Thrombozytenerhöhung, reife Megakaryozyten |
| Primäre Myelofibrose | PMF | Abnormale Megakaryozyten, Knochenmarkfibrose |
| Chronische Neutrophilen-Leukämie | CNL | Granulozytäre Proliferation, oft CSF3R-Mutation |
| Chronische Eosinophilenleukämie | CEL | Eosinophilie >1.5 x 10^9/l |
| MPN, unklassifiziert | MPN, NOS | Kriterien erfüllt, aber nicht spezifisch zuzuordnen |
Hinweis zur CML: Der Begriff der akzelerierten Phase wird in der WHO-Klassifikation 2022 nicht mehr verwendet. Es wird nur noch zwischen chronischer Phase und Blastenphase unterschieden.
Molekulare Pathogenese und Treiber-Mutationen
Die Entdeckung erworbener "Driver"-Mutationen ermöglicht die sichere Abgrenzung gegenüber reaktiven Zuständen. Diese Mutationen führen zu einer autonomen, vom Bedarf losgelösten Zellproliferation.
| Erkrankung | JAK2-Mutation | CALR-Mutation | MPL-Mutation | "Triple negative" |
|---|---|---|---|---|
| Polycythaemia Vera (PV) | 98% | - | - | 2% |
| Essentielle Thrombozythämie (ET) | 55% | 25% | 5% | 15% |
| Primäre Myelofibrose (PMF) | 55% | 30% | 8% | 7% |
- JAK2: Meist V617F-Punktmutation (Exon 14). Bei der PV in ca. 2% der Fälle auch Exon-12-Mutationen.
- MPL: Meist Punktmutationen im Codon 515.
- CALR: Verschiedene Insertionen/Deletionen im Exon 9.
Zusätzlich zu den Treiber-Mutationen können somatische Zusatzmutationen (z.B. TET2, ASXL1, EZH2, TP53) auftreten. Sogenannte Hochrisikomutationen (wie ASXL1, EZH2, TP53) beeinflussen den Verlauf ungünstig und erhöhen das Risiko einer Leukämie-Transformation.
Diagnosesicherung
Die Diagnose basiert auf der WHO/ICC-Klassifikation (2022). Zwei Aspekte sind hierbei essenziell:
- Klonalitätsnachweis: Molekulargenetische Untersuchung auf Treiber-Mutationen.
- Knochenmarkhistologie: Ein Hauptdiagnosekriterium. Sie ist unverzichtbar für die Abgrenzung der ET von einer präfibrotischen PMF sowie der JAK2-positiven ET von einer PV.
Therapieziele
Die medikamentöse Therapie der MPN ist nicht kurativ. Eine Heilung ist ausschließlich durch eine allogene Stammzelltransplantation in Hochrisikosituationen möglich.
Ziele der Behandlung:
- Prävention von Komplikationen (vaskulär, thromboembolisch, hämorrhagisch)
- Erhalt der Lebensqualität durch Kontrolle der Myeloproliferation
- Vermeidung der Transformation in Leukämie oder Myelofibrose
Therapieansätze:
- Zytoreduktion (z.B. Hydroxycarbamid, Anagrelid)
- Zielgerichtete Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI)
- Interferon-alpha (kann den natürlichen Verlauf positiv modifizieren)
- Hemmstoffe der Blutgerinnung/Thrombozytenaggregation zur Prävention vaskulärer Ereignisse
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei der Diagnostik von MPN niemals auf die Knochenmarkhistologie. Sie ist das entscheidende Kriterium, um eine Essentielle Thrombozythämie (ET) sicher von einer präfibrotischen Primären Myelofibrose (PMF) oder einer JAK2-positiven ET von einer Polycythaemia Vera (PV) abzugrenzen.