Antiemese bei Tumortherapie: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die Einteilung der Emesis erfolgt in akut (< 24h), verzögert (> 24h bis 5 Tage) und antizipatorisch.
- •Die Prophylaxe richtet sich primär nach dem emetogenen Potenzial der Tumortherapie (hoch, moderat, gering, minimal).
- •Standard bei hochemetogener i.v.-Therapie ist die Kombination aus 5-HT3-RA, NK1-RA und Dexamethason, oft ergänzt durch Olanzapin.
- •Bei moderatem Risiko wird primär eine Zweifachkombination (5-HT3-RA + Dexamethason) empfohlen, bei Carboplatin AUC ≥ 4 jedoch eine Dreifachkombination.
- •Die Dexamethason-Dosis muss bei gleichzeitiger Gabe von NK1-Rezeptor-Antagonisten halbiert werden (CYP3A4-Interaktion).
Hintergrund
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen nach medikamentöser Tumortherapie sind ein zusammenhängender Symptomkomplex. Nach dem Zeitpunkt des Auftretens werden empirisch drei Formen unterschieden:
| Form | Zeitraum | Auslöser / Merkmal |
|---|---|---|
| Akut | Innerhalb von 24h | Periphere Serotonin-Freisetzung (5-HT3-Rezeptoren) |
| Verzögert | > 24h bis zu 5 Tage | Zentrale Substanz P-Freisetzung (NK1-Rezeptoren) |
| Antizipatorisch | Vor/während Therapie | Klassische Konditionierung, Angst, externe Reize |
Risikoklassifikation
Das Risiko wird primär durch das emetogene Potenzial der Tumortherapie bestimmt. Patientenindividuelle Faktoren (z.B. weibliches Geschlecht, junges Alter, Reisekrankheit) können das Risiko zusätzlich erhöhen.
| Stufe | Wahrscheinlichkeit (ohne Prophylaxe) |
|---|---|
| Hoch | > 90 % (i.v.) / ≥ 30 % (oral) |
| Moderat | 30-90 % (i.v.) / ≥ 30 % (oral) |
| Gering | 10-30 % (i.v.) / < 30 % (oral) |
| Minimal | < 10 % (i.v.) / < 30 % (oral) |
Prophylaxe bei intravenöser Therapie
Die Erstlinienprophylaxe richtet sich nach der Risikostufe der geplanten Therapie. Vor jedem neuen Zyklus muss die Wirksamkeit evaluiert werden.
| Risikostufe | Empfohlene Prophylaxe (Tag 1) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Hoch | 5-HT3-RA + NK1-RA + Dexamethason (+ Olanzapin) | Olanzapin (5-10 mg) für 4 Tage empfohlen. NK1-RA und Dexa an Tag 2-4 fortführen (substanzabhängig). |
| Moderat | 5-HT3-RA + Dexamethason | Ausnahme: Bei Carboplatin AUC ≥ 4 wird zusätzlich ein NK1-RA empfohlen. |
| Gering | Dexamethason ODER 5-HT3-RA ODER Metoclopramid | Keine generelle Kombination erforderlich. |
| Minimal | Keine Primärprophylaxe | Prophylaxe erst ab dem 2. Kurs bei Auftreten von Symptomen. |
Prophylaxe bei oraler Therapie
| Risikostufe | Empfohlene Prophylaxe |
|---|---|
| Hoch / Moderat | 5-HT3-RA (Tag 1-7) + Dexamethason (Tag 1-3) |
| Gering / Minimal | Nur bei individuellen Risikofaktoren: Metoclopramid ODER 5-HT3-RA ODER Dexamethason |
Medikamentöse Therapieoptionen
- 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten: Granisetron, Ondansetron, Palonosetron, Tropisetron. Weitgehend äquieffektiv. Palonosetron weist als einziger eine Wirksamkeit in der verzögerten Phase auf.
- NK1-Rezeptor-Antagonisten: Aprepitant, Fosaprepitant, Netupitant. Besonders wirksam bei verzögertem Erbrechen. Achtung: Moderate CYP3A4-Inhibition erfordert Dosisreduktion von Dexamethason (bei der 20 mg Dosierung).
- Kortikosteroide: Dexamethason ist Standard. Bei Checkpoint-Inhibitor-Monotherapie nicht notwendig, in Kombination mit emetogener Chemotherapie jedoch klar empfohlen.
- Olanzapin: Atypisches Neuroleptikum, fester Bestandteil der Vierfachprophylaxe bei hohem Risiko (Off-label use).
Zweitlinientherapie (Rescue)
Bei rezidivierendem Erbrechen trotz leitliniengerechter Prophylaxe können folgende Substanzen interventionell eingesetzt werden:
- Olanzapin (höchste Wirksamkeit im Vergleich)
- Haloperidol
- Metoclopramid (Tageshöchstdosis max. 30 mg bzw. 0,5 mg/kg KG beachten!)
- Levomepromazin
- Benzodiazepine (z.B. Lorazepam, besonders bei antizipatorischem Erbrechen)
💡Praxis-Tipp
Halbieren Sie die Dexamethason-Dosis (bei der 20 mg Dosierung), wenn Sie es mit den NK1-Rezeptor-Antagonisten Aprepitant, Fosaprepitant oder Netupitant kombinieren, da diese CYP3A4 moderat inhibieren.