Tinnitus Leitlinie: Diagnostik & Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Tinnitus ist ein häufiges Symptom, das sich oft von selbst zurückbildet und selten auf schwere körperliche Erkrankungen hindeutet.
- •Bei Tinnitus in Kombination mit einem plötzlichen Hörverlust (innerhalb von 3 Tagen) muss eine Überweisung innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
- •Psychoakustische Tests (wie Pitch- und Loudness-Matching) sowie die Bestimmung der Unbehaglichkeitsschwelle werden nicht empfohlen.
- •Eine Bildgebung (bevorzugt MRT) ist indiziert bei pulsatilem, einseitigem oder von neurologischen Symptomen begleitetem Tinnitus.
- •Die psychologische Therapie bei Tinnitus-bedingtem Leidensdruck folgt einem Stufenschema, beginnend mit digitaler kognitiver Verhaltenstherapie (CBT).
- •Betahistin darf nicht zur Behandlung von Tinnitus angeboten werden.
Hintergrund
Tinnitus ist ein häufiges Symptom, das bei Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen auftritt. Oft ist es mit einem Hörverlust assoziiert, jedoch selten mit anderen zugrunde liegenden körperlichen Problemen. Die NICE-Leitlinie betont die Wichtigkeit einer frühzeitigen Aufklärung und Beruhigung der Patienten, da eine negative Prognosestellung durch den Arzt den Leidensdruck signifikant verschlechtern kann.
Überweisungskriterien und Dringlichkeit
Die Leitlinie definiert klare Zeitfenster für die fachärztliche Überweisung, abhängig von den Begleitsymptomen des Tinnitus:
| Dringlichkeit | Klinische Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Sofort | Hohes Suizidrisiko | Überweisung an psychiatrisches Krisenteam |
| Sofort | Plötzliche neurologische Ausfälle (z.B. Fazialisparese), akuter unkontrollierter Schwindel, Verdacht auf Schlaganfall | Neurologische/Stroke-Abklärung |
| Innerhalb 24 Stunden | Tinnitus mit plötzlichem Hörverlust (entstanden in ≤ 3 Tagen) innerhalb der letzten 30 Tage | HNO-ärztliche Notfallvorstellung |
| Innerhalb 2 Wochen | Starker Leidensdruck trotz Basis-Support, plötzlicher Hörverlust vor > 30 Tagen, rasch fortschreitender Hörverlust (4-90 Tage) | Beschleunigte fachärztliche Abklärung |
| Regulär | Anhaltend störender Tinnitus, objektiver Tinnitus, asymmetrischer Hörverlust, persistierender einseitiger oder pulsatiler Tinnitus | Standard-Überweisungsweg |
Diagnostik und Fragebögen
Eine ausführliche Anamnese und audiologische Basisdiagnostik sind essenziell. Bestimmte etablierte Tests werden jedoch explizit nicht empfohlen, da sie keinen therapeutischen Nutzen haben oder den Tinnitus verschlimmern können.
- Empfohlen: Audiologische Untersuchung (Hörtest) für alle Patienten.
- Empfohlen: Tympanometrie bei Verdacht auf Mittelohr- oder Tubenfunktionsstörung.
- Nicht empfohlen: Psychoakustische Tests (Pitch- und Loudness-Matching).
- Nicht empfohlen: Stapediusreflexmessung und Unbehaglichkeitsschwelle (ULL/LDL).
- Nicht empfohlen: Otoakustische Emissionen (außer bei weiteren spezifischen Symptomen).
Zur strukturierten Erfassung des Leidensdrucks sollten Fragebögen eingesetzt werden:
- Tinnitus Functional Index (TFI): Primärer Fragebogen für Erwachsene.
- Insomnia Severity Index: Bei schlafbezogenen Beschwerden.
- Tinnitus-Fragebogen (TQ / mini-TQ): Zur tiefergehenden Erfassung der psychologischen Belastung.
Bildgebung (MRT/CT)
Die Indikation zur Bildgebung richtet sich nach der Art des Tinnitus (pulsatil vs. nicht-pulsatil) und den Begleitsymptomen. Das MRT ist aufgrund der besseren Weichteildarstellung und fehlenden Strahlenbelastung dem CT vorzuziehen.
| Tinnitus-Art | Begleitsymptome | Empfohlene Bildgebung |
|---|---|---|
| Nicht-pulsatil, symmetrisch | Keine | Keine Bildgebung |
| Nicht-pulsatil, einseitig/asymmetrisch | Keine | MRT des inneren Gehörgangs (IAM) erwägen |
| Nicht-pulsatil | Neurologische oder otologische Ausfälle | MRT des inneren Gehörgangs (IAM) anbieten |
| Pulsatil, synchron | Keine (Normaler HNO-Befund) | MR-Angiographie oder MRT (Kopf/Hals/IAM) erwägen |
| Pulsatil, asynchron | z.B. Gaumensegelmyoklonus | MRT des Kopfes erwägen |
Therapie und Management
Hörhilfen (Amplifikation)
- Anbieten: Bei Tinnitus mit Hörverlust, der die Kommunikation beeinträchtigt.
- Erwägen: Bei Tinnitus mit Hörverlust ohne subjektive Kommunikationsprobleme.
- Nicht anbieten: Bei Tinnitus ohne nachweisbaren Hörverlust.
Medikamentöse Therapie
- Betahistin darf nicht zur Behandlung von Tinnitus angeboten werden.
Psychologische Therapie
Für Erwachsene, deren Tinnitus trotz Basis-Support weiterhin den Alltag und das emotionale Wohlbefinden beeinträchtigt, wird ein Stufenschema empfohlen:
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Stufe 1 | Digitale Tinnitus-spezifische CBT | Durch Psychologen betreut, zeit- und ortsunabhängig |
| Stufe 2 | Gruppenbasierte Interventionen | Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT), ACT oder CBT |
| Stufe 3 | Individuelle Tinnitus-spezifische CBT | Bei anhaltendem Leidensdruck nach Ausschöpfen von Stufe 1 und 2 |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf psychoakustische Tests (wie Pitch-Matching) und die Bestimmung der Unbehaglichkeitsschwelle. Diese Untersuchungen haben keine therapeutische Konsequenz, können den Tinnitus verschlimmern und verhindern die wichtige Habituation des Patienten.