Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Ein psychologisches Debriefing (psychologically-focused debriefing) darf weder zur Prävention noch zur Behandlung angeboten werden.
- •Die individuelle trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist die psychologische Therapie der ersten Wahl für alle Altersgruppen.
- •EMDR ist eine Behandlungsoption bei Erwachsenen und bei Kindern (ab 7 Jahren), die nicht auf CBT ansprechen.
- •Medikamentöse Therapien (z. B. SSRI, Venlafaxin) sollen bei Erwachsenen nicht als Erstlinientherapie und bei Kindern gar nicht eingesetzt werden.
- •Bei subschwelligen Symptomen innerhalb des ersten Monats nach dem Trauma wird ein aktives Beobachten (Active Monitoring) empfohlen.
Hintergrund
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann nach extrem bedrohlichen oder katastrophalen Ereignissen (z. B. schwere Unfälle, körperliche/sexuelle Übergriffe, Krieg, traumatische Geburten) auftreten. Die vorliegende NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Erkennung, Beurteilung und Behandlung von PTBS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Symptome und Erkennung
Bei der Beurteilung auf PTBS (inklusive komplexer PTBS) sollte gezielt nach folgenden Symptomkomplexen gefragt werden:
| Symptomkategorie | Beispiele und Merkmale |
|---|---|
| Wiedererleben | Flashbacks, Albträume, intrusive Erinnerungen |
| Vermeidung | Vermeidung von trauma-assoziierten Reizen, Gedanken oder sozialen Kontakten |
| Hyperarousal | Hypervigilanz, Wut, Reizbarkeit, Schlafstörungen |
| Negative Stimmung/Kognition | Emotionale Taubheit, Dissoziation, negative Selbstwahrnehmung |
| Interpersonelle Probleme | Schwierigkeiten in Beziehungen, emotionale Dysregulation |
Wichtig: Bei Patienten mit unerklärlichen körperlichen Symptomen, die häufig medizinische Dienste in Anspruch nehmen, sollte aktiv nach traumatischen Ereignissen in der Vorgeschichte gefragt werden.
Allgemeine Therapieprinzipien
- Active Monitoring: Bei subschwelligen PTBS-Symptomen innerhalb eines Monats nach dem Trauma wird ein aktives Beobachten mit einem Follow-up innerhalb eines Monats empfohlen.
- Psychologisches Debriefing: Ein psychologisch fokussiertes Debriefing darf nicht zur Prävention oder Behandlung der PTBS angeboten werden.
- Sichere Umgebung: Die Exposition gegenüber trauma-induzierenden Umgebungen (z. B. laute Stationen, Fixierungen) muss vermieden werden, da dies Symptome verschlimmern kann.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Medikamentöse Behandlungen dürfen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zur Prävention oder Behandlung der PTBS angeboten werden. Die Therapie stützt sich ausschließlich auf psychologische Interventionen:
| Zeitfenster / Indikation | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 1 Monat (Prävention) | Active Monitoring ODER individuelle trauma-fokussierte CBT | Bei akuter Belastungsstörung oder klinisch relevanten Symptomen |
| < 1 Monat (Großschadensereignis) | Gruppen-trauma-fokussierte CBT | Für Alter 7-17 Jahre, typischerweise 5-15 Sitzungen |
| 1 - 3 Monate | Individuelle trauma-fokussierte CBT | Für Alter 7-17 Jahre erwägen |
| > 3 Monate | Individuelle trauma-fokussierte CBT | Therapie der Wahl (6-12 Sitzungen) |
| > 3 Monate (Non-Responder) | EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) | Nur für Alter 7-17 Jahre, wenn CBT nicht wirksam oder nicht toleriert wird |
Therapie bei Erwachsenen
Psychologische Interventionen
Die individuelle trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist die primäre Behandlungsstrategie.
| Intervention | Zeitfenster | Indikation & Bemerkung |
|---|---|---|
| Trauma-fokussierte CBT | < 1 Monat UND > 1 Monat | Therapie der Wahl. Typischerweise 8-12 Sitzungen. Umfasst kognitive Verarbeitungstherapie, narrative Expositionstherapie etc. |
| EMDR | > 3 Monate | Empfohlen bei nicht-kampfbedingten Traumata. (Bei 1-3 Monaten auf Patientenwunsch erwägen). |
| Computergestützte CBT | > 3 Monate | Mit therapeutischer Unterstützung erwägen, wenn Präferenz besteht und keine schweren dissoziativen Symptome vorliegen. |
Medikamentöse Therapie
Medikamente (inklusive Benzodiazepine) dürfen nicht zur Prävention der PTBS eingesetzt werden.
| Wirkstoffklasse | Beispiele | Indikation | Evidenz & Bemerkung |
|---|---|---|---|
| SSRI / SNRI | Sertralin, Venlafaxin | PTBS bei Erwachsenen | Erwägen bei Patientenpräferenz. Keine Erstlinientherapie. Regelmäßige Überprüfung erforderlich. |
| Antipsychotika | Risperidon | Schwere Hyperarousal- oder psychotische Symptome | Nur als Zusatz zur psychologischen Therapie, wenn andere Behandlungen versagen. Start durch Spezialisten. |
Komplexe PTBS und Komorbiditäten
- Depression: Bei komorbider Depression sollte in der Regel zuerst die PTBS behandelt werden, da sich die Depression durch eine erfolgreiche Traumatherapie oft bessert. Nur wenn die Depression zu schwer ist, um eine psychologische Behandlung der PTBS durchzuführen, wird diese zuerst behandelt.
- Substanzmissbrauch: Patienten dürfen nicht allein aufgrund eines komorbiden Drogen- oder Alkoholmissbrauchs von der Behandlung ausgeschlossen werden.
- Komplexe PTBS: Es sollte mehr Zeit für den Vertrauensaufbau eingeplant werden (z. B. längere oder mehr Sitzungen). Barrieren wie emotionale Dysregulation oder Dissoziation müssen aktiv gemanagt werden.
💡Praxis-Tipp
Bieten Sie niemals ein psychologisches Debriefing zur Prävention an. Setzen Sie stattdessen im ersten Monat nach dem Trauma auf 'Active Monitoring' bei leichten Symptomen oder direkt auf trauma-fokussierte CBT bei klinisch relevanter Symptomatik.