Paukenerguss (OME) bei Kindern: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Bei OME ohne Hörverlust ist keine Behandlung erforderlich, da eine spontane Besserung häufig ist.
- •Antibiotika, Kortikosteroide, Antihistaminika und Dekongestiva werden zur Behandlung ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Bei beidseitigem Paukenerguss mit Hörverlust muss nach 3 Monaten eine Reevaluation erfolgen.
- •Hörgeräte (Luft- oder Knochenleitung) sind eine empfohlene Option bei OME-bedingtem Hörverlust.
- •Paukenröhrchen (Grommets) können bei Hörverlust erwogen werden, ggf. kombiniert mit einer Adenotomie.
Hintergrund
Die Otitis media with effusion (OME), im Deutschen oft als Paukenerguss bezeichnet, ist eine häufige Erkrankung bei Kindern unter 12 Jahren. Sie ist durch Flüssigkeit im Mittelohr ohne akute Entzündungszeichen gekennzeichnet. OME führt häufig zu fluktuierendem Hörverlust, was die Sprachentwicklung, das Verhalten und die schulischen Leistungen beeinträchtigen kann. Die aktuelle NICE-Leitlinie fokussiert sich auf die Diagnostik, das Management von Hörverlust und die Indikationsstellung für chirurgische Eingriffe.
Diagnostik und klinische Präsentation
Ein Paukenerguss sollte bei bestimmten Symptomen und Risikofaktoren vermutet werden. Die formale Diagnostik umfasst eine klinische Untersuchung (Fokus auf Otoskopie und obere Atemwege), einen Hörtest sowie eine Tympanometrie.
| Kategorie | Merkmale und Symptome |
|---|---|
| Leitsymptome | Hörprobleme, verzögerte Sprachentwicklung, Ohrenbeschwerden, Tinnitus |
| Assoziierte Zeichen | Verhaltensauffälligkeiten (z. B. mangelnde Konzentration), sozialer Rückzug, schlechte schulische Leistungen, Gleichgewichtsstörungen |
| Erhöhter Verdacht bei | Rezidivierenden Atemwegsinfekten (URTI), akuter Otitis media (AOM), Down-Syndrom, Gaumenspalte, Asthma, Atopie/Ekzem, Schnarchen |
| Geringerer Verdacht bei | Fehlender nasaler Obstruktion, fehlender Rhinorrhoe, fehlender (oder fehlender Historie von) Adenoidhypertrophie |
Reevaluation und Watchful Waiting
Da OME häufig spontan ausheilt, ist ein abwartendes Vorgehen ("Watchful Waiting") zentraler Bestandteil der Strategie.
- Beidseitige OME mit Hörverlust: Gehör nach 3 Monaten reevaluieren.
- Einseitige OME mit Hörverlust: Reevaluation nach 3 Monaten erwägen.
- OME ohne Hörverlust: Keine Behandlung erforderlich. Patienten können entlassen werden, mit dem Hinweis, sich bei künftigen Hörproblemen erneut vorzustellen.
Nicht-chirurgische Therapie
Die Leitlinie spricht sich klar gegen den Einsatz der meisten medikamentösen Therapien aus.
| Maßnahme | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Auto-Inflation | Erwägen | Nur bei Kindern, die aktiv mitarbeiten können. |
| Hörgeräte | Erwägen | Luftleitung (bei stabilem Hörverlust) oder Knochenleitung (bei fluktuierendem Hörverlust oder Kontraindikationen wie Otorrhö). Warnung vor Verschluckungsgefahr bei Knopfbatterien! |
| Antibiotika | Nicht empfohlen | Weder oral noch topisch zur primären OME-Therapie. |
| Kortikosteroide | Nicht empfohlen | Weder oral noch nasal (als Spray). |
| Weitere Medikamente | Nicht empfohlen | Keine Antihistaminika, Mukolytika, Leukotrienrezeptor-Antagonisten, PPI oder Dekongestiva. |
| Alternative Methoden | Nicht empfohlen | Keine Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie, Massage oder Ernährungsumstellung (inkl. Probiotika). |
Chirurgische Therapie
Wenn der Hörverlust signifikant ist oder persistiert, kommen chirurgische Maßnahmen in Betracht.
| Intervention | Indikation / Empfehlung | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|
| Paukenröhrchen (Grommets) | Bei OME-bedingtem Hörverlust erwägen. | Aufklärung über Risiken: Trommelfellperforation, lokale Atrophie, Tympanosklerose, Infektion. |
| Adenotomie | Als adjuvante Maßnahme bei Paukenröhrchen-Einlage erwägen. | Kontraindiziert bei Gaumenanomalien. Aufklärung über Blutungsrisiko und velopharyngeale Insuffizienz. |
| Otorrhö-Prophylaxe | Einzeldosis Ciprofloxacin-Ohrentropfen intraoperativ erwägen. | Ohren postoperativ für 2 Wochen trocken halten (z. B. beim Baden/Schwimmen). |
Postoperative Nachsorge und Komplikationen
- Hörtest: Standardmäßig 6 Wochen nach der Operation durchführen.
- Bei isolierter Otorrhö nach OP: Ohren trocken halten (Wasserschutzmaßnahmen).
- Bei rezidivierender Otorrhö: Ohrstöpsel oder Stirnbänder bei Wasserkontakt verwenden.
- Medikamentöse Therapie der Otorrhö: Nicht-ototoxische topische Antibiotika (z. B. Ciprofloxacin) für 5 bis 7 Tage erwägen.
- Therapieversagen: Bei persistierender Otorrhö, die nicht auf topische Antibiotika anspricht, die Entfernung der Paukenröhrchen erwägen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Paukenergüssen auf die Verordnung von Antibiotika, Kortikosteroiden oder abschwellenden Nasentropfen. Setzen Sie stattdessen auf Aufklärung der Eltern, ein 3-monatiges 'Watchful Waiting' und bei Bedarf auf Auto-Inflation oder Hörgeräte.