Neurologische Symptome: Leitlinie zur Überweisung (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Plötzlich auftretende neurologische Defizite (z.B. Schwindel mit fokalen Ausfällen, Paresen) erfordern eine sofortige Überweisung zum Ausschluss eines Schlaganfalls.
- •Bei rasch progredienter symmetrischer Schwäche oder Taubheit muss umgehend neurologisch abgeklärt werden.
- •Funktionelle neurologische Störungen können rezidivierende Symptome verursachen; bei bekannten Diagnosen ist ohne neue Zeichen keine Re-Überweisung nötig.
- •Bei Kindern mit akuter Verwirrtheit, neu aufgetretenem Schielen mit Begleitsymptomen oder plötzlichen Paresen ist eine sofortige Notfallvorstellung indiziert.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie bietet Nicht-Spezialisten eine Entscheidungshilfe, wann Patienten mit neurologischen Symptomen an einen Spezialisten überwiesen werden müssen. Ziel ist die rasche Identifikation von Red Flags, die auf schwerwiegende Erkrankungen wie Schlaganfälle, Tumore oder akute Neuropathien hindeuten.
Schwindel und Vertigo (Erwachsene)
Die Dringlichkeit der Überweisung richtet sich nach der Begleitsymptomatik und dem zeitlichen Verlauf.
| Symptomatik | Begleitumstände | Empfehlung |
|---|---|---|
| Plötzlicher Schwindel | Mit fokalen Defiziten (Nystagmus, Taubheit) | Sofortige Überweisung (Schlaganfall-Pfad), falls Hypoglykämie ausgeschlossen |
| Akutes vestibuläres Syndrom | HINTS-Test zeigt Schlaganfall-Hinweise oder keine HINTS-Expertise vorhanden | Sofortige Überweisung (Schlaganfall-Pfad) |
| Transitorischer Drehschwindel | Bei Kopfbewegung | Hallpike-Manöver; bei BPPV Epley-Manöver anbieten |
| Rezidivierender Schwindel | Bekannte funktionelle neurologische Störung | Keine Routine-Überweisung, wenn keine neuen Zeichen vorliegen |
Paresen und Schwäche (Erwachsene)
Bei der Beurteilung von Paresen ist die Progressionsgeschwindigkeit entscheidend.
| Verlauf / Art der Schwäche | Begleitsymptome | Überweisungsdringlichkeit |
|---|---|---|
| Plötzlicher Beginn | Auch bei isolierter Schwäche (z.B. Hand) | Sofort (Verdacht auf TIA/Schlaganfall) |
| Rasche Progression (Stunden bis Tage) | Monoparese oder Hemiparese | Dringend (Verdacht auf Tumor) |
| Rasche Progression (innerhalb 4 Wochen) | Symmetrische Schwäche, bulbäre/respiratorische Symptome | Sofort (Neuromuskuläre Notfälle) |
| Langsame Progression (Wochen bis Monate) | Gliedmaßen- oder Nackenschwäche | Regulär (bei Schluckstörung dringend, bei Atemnot sofort) |
- Bell-Parese: Bei unkomplizierter peripherer Fazialisparese ohne andere Erkrankungen ist keine routinemäßige Überweisung nötig.
- Kompression-Neuropathien: (z.B. Radialisparese) Zunächst Schienung und Vermeidung von Druck. Überweisung erst bei fehlender Besserung nach 6 Wochen.
Sensibilitätsstörungen (Erwachsene)
- Plötzliche einseitige Taubheit: Beurteilung nach lokalem Schlaganfall-Pfad.
- Rasch progrediente symmetrische Taubheit: Sofortige Überweisung (Verdacht auf akute Polyneuropathie/Myelitis).
- Persistierende distal betonte Sensibilitätsstörung:
- Mit lebhaften Reflexen: Abklärung auf Gehirn- oder Rückenmarkserkrankung.
- Mit abgeschwächten Reflexen: Verdacht auf periphere Neuropathie (Labor: B12, Schilddrüse, Zöliakie, Nierenwerte, Glukose, Blutsenkung, Alkoholanamnese).
Pädiatrische Red Flags (Kinder unter 16 Jahren)
Kinder erfordern bei bestimmten Symptomen eine sofortige pädiatrische oder neurologische Notfallvorstellung.
| Symptom | Warnzeichen (Red Flags) | Maßnahme |
|---|---|---|
| Kopfschmerzen (< 12 Jahre) | Nächtliches Erwachen, morgendliches Auftreten, Erbrechen, Ataxie, Verschlechterung | Sofortige Vorstellung am selben Tag |
| Akute Verwirrtheit | Unerklärlich, Verdacht auf Meningitis/Enzephalitis/Vergiftung | Notfalltransfer ins Krankenhaus, Blutzucker messen |
| Schielen (Strabismus) | Verlust des Rotreflexes, Ataxie, Erbrechen, Kopfschmerz | Sofortige Überweisung |
| Kopfumfang (< 4 Jahre) | Abweichung um ≥ 2 Perzentilen mit Zeichen des Hirndrucks (z.B. gespannte Fontanelle, Erbrechen) | Sofortige Überweisung |
| Hypotonie (Floppiness) (< 1 Jahr) | Akuter Beginn mit Zeichen von Herzinsuffizienz, Organvergrößerung, Fieber oder Bewusstseinsstörung | Sofortige Überweisung |
Gedächtnis und Kognition
- Unter 50 Jahre: Bei isolierten Gedächtnisproblemen und unauffälliger Kurztestung keine Routine-Überweisung. Oft bedingt durch Stress, affektive Störungen, Alkohol oder Medikamente.
- Transiente globale Amnesie: Eine einzelne Episode (< 8 Stunden) mit vollständiger Erholung und ohne Epilepsie-Zeichen erfordert keine Überweisung.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei akutem vestibulärem Syndrom den HINTS-Test, sofern Sie darin geschult sind. Ein negativer Test macht einen Schlaganfall sehr unwahrscheinlich. Bei fehlender Expertise weisen Sie den Patienten sofort nach lokalem Schlaganfall-Pfad ein.