Kopf-Hals-Tumoren (UADT): Aktuelle NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Ein systemisches Staging wird für alle Patienten empfohlen, ausgenommen bei T1N0- oder T2N0-Tumoren.
- •Bei oropharyngealen Plattenepithelkarzinomen ist eine p16-Immunhistochemie zur HPV-Testung obligatorisch.
- •Die Beurteilung des Therapieansprechens nach Radiochemotherapie sollte nach 3 bis 6 Monaten mittels FDG-PET-CT erfolgen.
- •Bei frühem Mundhöhlenkarzinom (T1-T2, N0) wird eine Sentinel-Lymphknoten-Biopsie anstelle einer elektiven Neck-Dissection empfohlen.
- •Eine De-Eskalation der kurativen Therapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen darf nur im Rahmen klinischer Studien erfolgen.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie behandelt die Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen des oberen Aerodigestivtraktes (Kopf-Hals-Tumoren) bei Personen ab 16 Jahren. Ziel ist es, die Überlebensraten zu verbessern und die klinische Praxis zu standardisieren. Die Stadieneinteilung basiert auf der TNM-Klassifikation:
| Stadium | Beschreibung |
|---|---|
| T0 | Kein Primärtumor, ggf. präkanzeröse Zellen |
| T1-T4 | Zunehmende Größe und/oder Ausdehnung des Primärtumors |
| N0 | Keine Lymphknotenmetastasierung |
| N1+ | Zunehmender Lymphknotenbefall |
Diagnostik und Staging
Bei Verdacht auf einen Kopf-Hals-Tumor durch eine Halsraumforderung sollte eine ultraschallgesteuerte Feinnadelaspiration oder Stanzbiopsie erwogen werden.
CUP-Syndrom (Occult Primary):
- FDG-PET-CT als erste Untersuchung zur Suche des Primärtumors bei metastasiertem Plattenepithelkarzinom unbekannten Ursprungs.
- Falls das PET-CT negativ ist: Einsatz von Narrow-Band-Imaging-Endoskopie und Biopsien.
- Chirurgische Diagnostik (z. B. Tonsillektomie, Zungengrundmukosektomie), falls der Primärtumor weiterhin unklar bleibt.
Klinisches Staging:
- Systemisches Staging für alle Patienten, außer bei T1N0- oder T2N0-Erkrankungen.
- FDG-PET-CT zwingend bei T4-Karzinomen des Hypopharynx oder Nasopharynx sowie bei N3-Status.
Therapie im Frühstadium
Die Wahl der Therapie richtet sich stark nach der genauen Lokalisation und dem Tumorstadium:
| Lokalisation | Stadium | Therapieempfehlung |
|---|---|---|
| Glottis | T1a | Transorale Lasermikrochirurgie |
| Glottis | T1b-T2 | Transorale Lasermikrochirurgie ODER Radiotherapie |
| Supraglottis | T1b-T2 | Transorale Chirurgie ODER Radiotherapie |
| Mundhöhle | T1-T2, N0 | Sentinel-Lymphknoten-Biopsie (statt elektiver Neck-Dissection) |
| Oropharynx | T1-T2, N0 | Transorale Resektion ODER primäre Radiotherapie |
Therapie im fortgeschrittenen Stadium
Für fortgeschrittene Tumoren ist oft ein multimodaler Ansatz erforderlich. Bei T3-Larynxkarzinomen haben Patienten die Wahl zwischen Radiochemotherapie oder Chirurgie mit adjuvanter Radiotherapie. Bei T4a-Larynxkarzinomen sollte primär operiert werden.
Bei lokal fortgeschrittenen Hypopharynxkarzinomen wird eine larynxerhaltende Therapie (Radiotherapie mit Chemotherapie) empfohlen, sofern keine tumorbedingte Dysphagie (die eine Ernährungssonde erfordert), keine Atemwegskompression und keine rezidivierenden Aspirationspneumonien vorliegen.
Systemische Therapieoptionen:
| Wirkstoff | Indikation | Voraussetzung / Bemerkung |
|---|---|---|
| Cetuximab + RT | Lokal fortgeschritten | Karnofsky-Index ≥90%, platinbasierte Therapie kontraindiziert |
| Pembrolizumab | Metastasiert / Inoperabel | PD-L1 CPS ≥1 (max. 2 Jahre Therapiedauer) |
| Nivolumab | Rezidiviert / Metastasiert | Progress innerhalb von 6 Monaten nach platinbasierter Chemo |
| Cetuximab + Chemo | Rezidiviert / Metastasiert | Nur bei primärem Mundhöhlenkarzinom |
HPV-assoziierte Erkrankungen
Alle Plattenepithelkarzinome des Oropharynx müssen mittels p16-Immunhistochemie getestet werden. Ein positives Ergebnis erfordert eine starke nukleäre und zytoplasmatische Färbung in >70% der Tumorzellen. Zur Bestätigung sollte eine High-Risk HPV DNA- oder RNA-In-situ-Hybridisierung erwogen werden.
Wichtig: Eine De-Eskalation der kurativen Therapie bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen wird außerhalb klinischer Studien nicht empfohlen.
Beurteilung des Therapieansprechens
Nach einer radikalen Radiochemotherapie ist die Bildgebung entscheidend für das weitere Vorgehen:
- FDG-PET-CT 3 bis 6 Monate nach Abschluss der Therapie durchführen.
- Indiziert bei Oropharynxkarzinomen mit ≥2 positiven Lymphknoten (<6 cm).
- Keine Neck-Dissection durchführen, wenn das PET-CT keine abnormale FDG-Aufnahme oder residuelle Weichteilmasse zeigt.
Rehabilitation
Der Bedarf an enteraler Ernährung (inkl. prophylaktischer Sondenanlage) muss bereits bei Diagnosestellung im interdisziplinären Team bewertet werden. Patienten unter Radiotherapie sollten frühzeitig Schluck- und Mundöffnungsübungen durchführen, um Spätfolgen zu minimieren.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie ein FDG-PET-CT zur Beurteilung des Therapieansprechens nach Radiochemotherapie frühestens nach 3 bis 6 Monaten durch, um falsch-positive Ergebnisse durch therapiebedingte Entzündungen zu vermeiden. Ist das PET-CT negativ, ersparen Sie dem Patienten eine unnötige Neck-Dissection.