Lungenkarzinom: Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (SIGN)
📋Auf einen Blick
- •Ein sofortiger Rauchstopp senkt die Mortalität signifikant; kurative Operationen dürfen dafür jedoch nicht verschoben werden.
- •Vor jeder radikalen Therapie sollte ein Staging mittels FDG-PET-CT erfolgen.
- •Die endoskopische Abklärung (EBUS-FNA/EUS-FNA) ist die Methode der Wahl beim mediastinalen Lymphknoten-Staging.
- •Patienten mit NSCLC im Stadium I und II sollten primär operiert (Lobektomie) oder mittels radikaler Strahlentherapie (SABR) behandelt werden.
- •Bei fortgeschrittenem NSCLC mit EGFR-Mutation ist eine Monotherapie mit Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) in der Erstlinie indiziert.
- •Eine prophylaktische Schädelbestrahlung (PCI) wird bei SCLC nach Ansprechen auf die Systemtherapie empfohlen.
Hintergrund
Das Lungenkarzinom erfordert eine präzise Diagnostik und interdisziplinäre Therapieplanung. Ein entscheidender Faktor ist der Rauchstopp: Er kann das relative Sterberisiko um 45 % senken, da er das Risiko für Rezidive und Komplikationen reduziert. Eine kurative Operation darf jedoch nicht verschoben werden, um einen Rauchstopp zu ermöglichen.
Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst bei allen Patienten mit Verdacht auf ein Lungenkarzinom ein Röntgen-Thorax sowie ein kontrastmittelverstärktes CT von Thorax und Abdomen. Die Wahl der Biopsiemethode richtet sich nach der Lokalisation:
| Methode | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Flexible Bronchoskopie | Zentrale Läsionen | Kombination mehrerer Techniken (Biopsie, Bürste) erhöht die Sensitivität |
| Perkutane FNA-Biopsie | Periphere Läsionen | Bevorzugte Methode bei peripheren Rundherden |
| Thorakoskopie (VATS) | Pleuraergüsse, periphere Läsionen | Einsatz, wenn weniger invasive Methoden erfolglos waren |
Zytologische Proben eignen sich bei korrekter Verarbeitung sowohl für die Subtypisierung des NSCLC als auch für molekularpathologische Analysen.
Staging
Das Staging erfolgt nach der TNM-Klassifikation. Ein akkurates Staging ist essenziell für die Therapieentscheidung.
| Untersuchung | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| FDG-PET-CT | Vor radikaler Therapie (NSCLC) | Standard zum Ausschluss okkulter Fernmetastasen |
| EBUS-FNA / EUS-FNA | Verdächtige mediastinale Lymphknoten | Methode der Wahl vor einer chirurgischen Mediastinoskopie |
| Ultraschall-FNA des Halses | Verdacht auf supraklavikuläre LK | Schnelle, strahlungsfreie Staging-Methode (N3-Nachweis) |
| MRT / CT Schädel | N2-Stadium vor kurativer Therapie | Nicht empfohlen bei asymptomatischen Patienten im Stadium I-II |
Therapie des Nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC)
Chirurgische Therapie
Patienten im Stadium I und II sollten primär einer kurativen Operation zugeführt werden. Die Lobektomie ist das Verfahren der Wahl. Bei klinischem Stadium I kann eine videoassistierte thorakoskopische Chirurgie (VATS) angeboten werden. Intraoperativ ist eine systematische Lymphknotendissektion erforderlich; ein einfaches "Sampling" reicht nicht aus.
Strahlentherapie
Für Patienten im Stadium I und II, die inoperabel sind oder eine Operation ablehnen, ist die radikale Strahlentherapie indiziert. Bei peripheren Tumoren im Frühstadium sollte eine stereotaktische ablative Radiotherapie (SABR) erwogen werden. Bei radikaler Bestrahlung ist das CHART-Schema (Continuous Hyperfractionated Accelerated Radiation Therapy) einer konventionellen Fraktionierung überlegen.
Systemtherapie
Die molekulare Testung (insbesondere EGFR) ist Standard. Die Erstlinientherapie im Stadium IIIB/IV richtet sich nach Histologie und Mutationsstatus:
| Histologie / Marker | Empfohlene Erstlinientherapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| EGFR-Mutation positiv | Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Monotherapie | Kombination mit Chemotherapie bringt keinen Zusatznutzen |
| Nicht-plattenepithelial, EGFR-negativ | Cisplatin + Pemetrexed | Signifikanter Überlebensvorteil gegenüber Cisplatin/Gemcitabin |
| Plattenepithelkarzinom | Platin-Doublette + Drittgenerations-Wirkstoff | Z.B. Docetaxel, Gemcitabin, Paclitaxel oder Vinorelbin |
Die Platin-Doublette sollte über vier (maximal sechs) Zyklen gegeben werden. Eine Erhaltungstherapie (z.B. mit Pemetrexed oder Erlotinib) kann das progressionsfreie Überleben verlängern.
Therapie des Kleinzelligen Lungenkarzinoms (SCLC)
Eine routinemäßige Operation wird beim SCLC nicht empfohlen. Ausnahmen bilden lediglich streng selektierte Patienten im Frühstadium (T1-2 N0) nach sehr ausführlichem Staging.
Ein zentraler Baustein der SCLC-Therapie ist die prophylaktische Schädelbestrahlung (PCI). Sie sollte allen Patienten (sowohl bei "Limited Disease" als auch bei "Extensive Disease") angeboten werden, die auf die initiale systemische Therapie ansprechen, da sie das Risiko für Hirnmetastasen signifikant senkt und das Überleben verbessert.
Palliative Interventionen
Bei symptomatischer, lokal fortgeschrittener Erkrankung ist eine palliative thorakale Strahlentherapie indiziert (z.B. 39 Gy in 13 Fraktionen bei gutem Allgemeinzustand). Symptomatische Knochenmetastasen sollten mit einer Einzeldosis von 8 Gy bestrahlt werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei allen Patienten, die für eine kurative Therapie in Frage kommen, ein FDG-PET-CT durch. Verschieben Sie eine geplante Tumorresektion niemals, um dem Patienten Zeit für einen Rauchstopp zu geben.