Polytrauma-Versorgung: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die primäre Zielklinik für Polytrauma-Patienten ist in der Regel das Major Trauma Centre (MTC).
- •Trauma Units (TU) dienen nur der Stabilisierung bei lebensrettenden Maßnahmen (z.B. RSI), die prähospital nicht möglich sind.
- •Bei einer Verlegung muss der Patient die Notaufnahme innerhalb von 30 Minuten nach Indikationsstellung verlassen.
- •Ein strukturierter Pre-Alert an die Zielklinik mit definierten Parametern ist obligatorisch.
- •Für Kinder unter 16 Jahren muss ein spezielles pädiatrisches Trauma-Team sofort verfügbar sein.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG40 regelt die strukturellen und organisatorischen Anforderungen an die Versorgung von Polytrauma-Patienten. Ziel ist es, durch standardisierte Abläufe, klare Zuweisungskriterien und definierte Teamstrukturen die Überlebensrate und das Outcome von schwerverletzten Patienten zu verbessern.
Prähospitale Triage und Versorgung
Die prähospitale Phase sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Es darf nur so viel Zeit am Unfallort verbracht werden, wie für lebensrettende Sofortmaßnahmen zwingend erforderlich ist.
- Triage-Tool: Es muss ein prähospitales Triage-Instrument verwendet werden, das physiologische Parameter und anatomische Verletzungen bewertet.
- Risikogruppen: Das Tool muss spezielle Patientengruppen (Kinder, Ältere, Schwangere, antikoagulierte Patienten) berücksichtigen.
- Zielklinik: Das Major Trauma Centre (MTC) ist das primäre Ziel. Eine Trauma Unit (TU) darf nur angefahren werden, wenn eine lebensrettende Maßnahme (z.B. Narkoseeinleitung/RSI) erforderlich ist, die das prähospitale Team nicht selbst durchführen kann.
Pre-Alert (Voranmeldung)
Für die Voranmeldung des Patienten muss ein strukturiertes System verwendet werden. Folgende Informationen müssen zwingend übermittelt und dokumentiert werden:
| Kategorie | Erforderliche Informationen |
|---|---|
| Patientendaten | Alter, Geschlecht |
| Unfallhergang | Zeit des Vorfalls, Unfallmechanismus |
| Klinischer Status | Vermutete Verletzungen, Vitalparameter, Glasgow Coma Scale (GCS) |
| Management | Bisherige Therapie, geschätzte Ankunftszeit (ETA), spezielle Anforderungen |
Schockraum-Management und Teamstruktur
Die Anforderungen an das Schockraum-Team unterscheiden sich je nach Versorgungsstufe der Klinik:
| Einrichtung | Team-Antwort | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Trauma Unit (TU) | Sofortiges multisziplinäres Team | Kein gestuftes System (Tiered Response) zulässig. |
| Major Trauma Centre (MTC) | Gestuftes System möglich | Z.B. Standard-Team oder Standard-Team + Spezialisten (z.B. "Code Red" bei Massivblutung). |
Wichtig: Für Kinder unter 16 Jahren muss in beiden Einrichtungsarten sofort ein pädiatrisches Trauma-Team verfügbar sein.
Verlegung und Transfer
Wenn ein Patient von einer Notaufnahme in ein MTC verlegt werden muss, gelten strenge zeitliche Vorgaben:
- Zeitfenster: Patienten, die kritische Interventionen benötigen, müssen die abgebende Notaufnahme innerhalb von 30 Minuten nach der Entscheidung zur Verlegung verlassen.
- Informationsweitergabe: Bei Verlegung müssen Grund des Transfers, genauer Zielort und Kontaktdaten des initial behandelnden Arztes übergeben werden.
Kritische Interventionen
| Maßnahme | Zeitfenster / Ort | Indikation |
|---|---|---|
| RSI (Narkoseeinleitung) | < 45 Min. nach Notruf, präferiert am Unfallort | Atemweg/Beatmung nicht anders sicherbar |
| Interventionsradiologie / OP | Sofort verfügbar | Aktive Blutung (Haemorrhage Control) |
Krankenhausorganisation
Kliniken, die Polytrauma-Patienten versorgen, müssen über einen dedizierten Key Worker (oft eine erfahrene Pflegekraft) verfügen. Dieser fungiert als zentraler Ansprechpartner für Patienten und Angehörige, koordiniert den Behandlungsplan, nimmt an Visiten teil und organisiert die Entlassung sowie Rehabilitation.
💡Praxis-Tipp
Verbringen Sie am Unfallort und in peripheren Trauma Units (TU) nur so viel Zeit wie absolut nötig für lebensrettende Sofortmaßnahmen. Verzögern Sie den Transport in das Major Trauma Centre (MTC) nicht durch nicht-kritische Interventionen.