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Komplexe Frakturen: NICE-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei Verdacht auf eine Beckenfraktur nach stumpfem Hochrasanztrauma soll präklinisch ein Beckenbinder angelegt und spätestens nach 24 Stunden entfernt werden.
  • Offene Frakturen dürfen weder präklinisch noch in der Notaufnahme vor der Wundexzision gespült werden.
  • Die Diagnose einer Gefäßverletzung stützt sich ausschließlich auf harte klinische Zeichen; Rekapillarisierungszeit und Doppler-Signale sind zum Ausschluss ungeeignet.
  • Bei Erwachsenen mit stumpfem Polytrauma ist eine Ganzkörper-CT indiziert, bei Kindern hingegen nur eine gezielte CT-Diagnostik.
  • Die Wundexzision bei offenen Frakturen muss je nach Kontaminationsgrad sofort, innerhalb von 12 oder spätestens nach 24 Stunden erfolgen.
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Hintergrund

Die NICE-Leitlinie "Fractures (complex): assessment and management" (NG37) behandelt die präklinische und klinische Versorgung von Beckenfrakturen, offenen Frakturen sowie schweren Sprunggelenksfrakturen (Pilonfrakturen und intraartikuläre distale Tibiafrakturen). Ziel ist die Reduktion von Mortalität und Langzeitfolgen durch eine optimierte Notfallversorgung.

Präklinisches Management

Beckenfrakturen

  • Beckenbinder anlegen: Bei Verdacht auf eine aktive Blutung aus einer Beckenfraktur nach stumpfem Hochrasanztrauma einen speziell gefertigten Beckenbinder verwenden.
  • Transport: Bei isoliertem Verdacht in das nächste Krankenhaus; bei weiteren Polytrauma-Indikationen direkt in ein überregionales Traumazentrum (Major Trauma Centre).

Offene Frakturen

  • Nicht spülen: Offene Frakturen der Röhrenknochen, des Rück- oder Mittelfußes präklinisch nicht spülen.
  • Wundversorgung: Anlage eines kochsalzgetränkten Verbands mit okklusiver Abdeckung erwägen.
  • Antibiose: Prophylaktische i.v.-Antibiose so früh wie möglich (vorzugsweise innerhalb 1 Stunde) erwägen, ohne den Transport zu verzögern.

Klinische Diagnostik und Bildgebung

Gefäßverletzungen

Die Diagnose einer Gefäßverletzung stützt sich auf harte klinische Zeichen. Verlassen Sie sich zum Ausschluss einer Gefäßverletzung nicht auf die Rekapillarisierungszeit oder ein Doppler-Signal.

Harte Zeichen einer GefäßverletzungMaßnahme
Fehlender tastbarer PulsSofortige chirurgische Exploration nach Reposition
Anhaltender BlutverlustKeine Verzögerung der Revascularisation durch Angiografie
Expandierendes HämatomBei devaskularisierter Extremität: Gefäßshunt als erste Maßnahme

Bildgebung (CT)

  • Erwachsene: Ganzkörper-CT (Vertex bis Zehen-Scanogramm, gefolgt von CT Vertex bis Mitte Oberschenkel) bei stumpfem Polytrauma. Patienten dabei nicht umlagern.
  • Kinder (<16 Jahre): Keine routinemäßige Ganzkörper-CT. Gezielte CT-Diagnostik nach klinischem Ermessen.

Management von Beckenfrakturen

MaßnahmeEmpfehlung
BildgebungCT als First-Line-Diagnostik bei Erwachsenen mit Hochrasanztrauma.
BlutungskontrolleInterventionelle Radiologie (wenn keine Notfall-Laparotomie nötig) oder Pelvic Packing (bei gleichzeitiger Laparotomie).
Log-RollingNicht vor der Becken-Bildgebung durchführen, außer bei Verdacht auf okkulte penetrierende Verletzung (bei Instabilität) oder zur Atemwegssicherung.
BeckenbinderSo früh wie möglich entfernen (spätestens nach 24 Stunden), wenn Fraktur ausgeschlossen, mechanisch stabil oder Blutung gestoppt ist.

Management offener Frakturen

Auch in der Notaufnahme dürfen offene Frakturen vor der Wundexzision nicht gespült werden. Eine i.v.-Antibiose ist sofort zu verabreichen, falls noch nicht geschehen.

Timing der Wundexzision (Debridement)

Kontaminationsgrad / FrakturtypZeitpunkt der Wundexzision
Hochgradig kontaminiertSofort
Hochenergietrauma (Gustilo-Anderson IIIA/IIIB), nicht hochgradig kontaminiertInnerhalb von 12 Stunden
Alle anderen offenen FrakturenInnerhalb von 24 Stunden

Fixation und Weichteildeckung

  • Fixation und definitive Weichteildeckung sollten idealerweise gleichzeitig mit der Wundexzision erfolgen.
  • Ist dies nicht möglich, muss die definitive Deckung innerhalb von 72 Stunden erfolgen.
  • Bis zur definitiven Deckung ist ein temporärer Verband zu wählen, der ein Austrocknen der Wunde verhindert und Verbandswechsel minimiert.

Pilon- und intraartikuläre distale Tibiafrakturen

  • Erwachsene (Pilonfrakturen): Definitiver Behandlungsplan und initiale Operation innerhalb von 24 Stunden. Bei Wundkomplikationen sofortige Verlegung in ein orthoplastisches Zentrum.
  • Kinder (Tibiafrakturen): Behandlungsplan unter Einbeziehung eines Kindertraumatologen innerhalb von 24 Stunden.

Kompartmentsyndrom

Bei Tibiafrakturen muss für 48 Stunden nach Verletzung oder Fixation aktiv auf ein Kompartmentsyndrom geachtet werden. Bei bewusstlosen oder analgetisierten Patienten (z. B. durch Nervenblockade) ist eine kontinuierliche Kompartmentdruckmessung zu erwägen.

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich zum Ausschluss einer Gefäßverletzung niemals auf die Rekapillarisierungszeit oder ein Doppler-Signal. Achten Sie stattdessen auf harte Zeichen wie fehlenden Puls, anhaltenden Blutverlust oder expandierende Hämatome.

Häufig gestellte Fragen

Ein Beckenbinder sollte so früh wie möglich entfernt werden, sobald eine Fraktur ausgeschlossen wurde, die Fraktur mechanisch stabil ist oder die Blutung gestoppt wurde. Spätestens nach 24 Stunden müssen alle Beckenbinder entfernt werden.
Nein. Offene Frakturen der Röhrenknochen, des Rück- oder Mittelfußes dürfen weder präklinisch noch in der Notaufnahme vor der Wundexzision gespült werden.
Sofort bei hochgradiger Kontamination, innerhalb von 12 Stunden bei Hochenergietraumata (Gustilo-Anderson IIIA/IIIB) und innerhalb von 24 Stunden bei allen anderen offenen Frakturen.
Es wird eine Ganzkörper-CT (Vertex bis Zehen-Scanogramm, gefolgt von CT Vertex bis Mitte Oberschenkel) empfohlen. Die Patienten dürfen währenddessen nicht umgelagert werden.

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