Rehabilitation nach Trauma: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Schwere einer traumatischen Verletzung korreliert nicht zwingend mit der Komplexität des Rehabilitationsbedarfs.
- •Ein ganzheitliches, multidisziplinäres Assessment (physisch, kognitiv, psychologisch) sollte so früh wie möglich nach der Aufnahme erfolgen.
- •Die Rehabilitation muss individuell geplant werden und idealerweise bereits am Tag nach einer Operation beginnen.
- •Bei Rückenmarksverletzungen ist eine Beurteilung mittels ASIA-Klassifikation und die Überweisung an ein Spezialzentrum innerhalb von 24 Stunden obligatorisch.
- •Psychologische Unterstützung und adäquates Schmerzmanagement sind Grundvoraussetzungen für die physische Mobilisation.
Hintergrund
Die Rehabilitation nach traumatischen Verletzungen ist ein kontinuierlicher Prozess, der bereits am Tag der Krankenhausaufnahme beginnen sollte. Die vorliegende NICE-Leitlinie betont, dass die Schwere der Verletzung nicht zwangsläufig mit der Komplexität des Rehabilitationsbedarfs korreliert. Daher ist ein personenzentrierter, ganzheitlicher Ansatz in allen Phasen des Behandlungspfads erforderlich. Verzögerungen in der Akutbehandlung sollten vermieden werden, damit die Rehabilitation so schnell wie möglich starten kann.
Multidisziplinäres Assessment
Das multidisziplinäre Team (MDT) muss eine personalisierte Beurteilung der Rehabilitationsbedürfnisse vornehmen. Diese umfasst drei Hauptbereiche:
| Assessment-Bereich | Fokus der Beurteilung |
|---|---|
| Physisch | Schmerzmanagement, Gelenkbeweglichkeit, Muskelkraft, Sturzrisiko, Schluckbeschwerden, Ernährungszustand |
| Kognitiv | Orientierung, Gedächtnis, Kommunikationsfähigkeit, Verwirrtheit (auch ohne Schädel-Hirn-Trauma möglich) |
| Psychologisch | Angst, Depression, PTBS, soziales Umfeld, Substanzmissbrauch, akute Belastungsreaktion |
Zur Bestimmung, ob eine frühzeitige Überweisung in eine spezialisierte Rehabilitationseinrichtung notwendig ist, sollten validierte Tools verwendet werden:
| Tool / Score | Indikation |
|---|---|
| RCS, PCAT, CNC, PICUPS | Bestimmung des Bedarfs an spezialisierter Rehabilitation |
| STAMP | Beurteilung des Mangelernährungsrisikos bei Kindern (<16 Jahre) |
| MUST | Beurteilung des Mangelernährungsrisikos bei Erwachsenen |
Rehabilitationsplan und Zielsetzung
Basierend auf dem Assessment wird ein individueller Rehabilitationsplan (z.B. als "Rehabilitation Prescription") erstellt.
- Ziele: Es müssen kurz- und langfristige Ziele vereinbart werden, die für den Patienten bedeutsam sind (z.B. Rückkehr zur Arbeit oder Schule).
- Koordination: Innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme sollte ein namentlich benannter Rehabilitationskoordinator oder Key Worker zugewiesen werden.
- Entlassung: Die Entlassungsplanung muss frühzeitig und multidisziplinär erfolgen. Bei erheblichem Unterstützungsbedarf sind gemeinsame Hausbesuche von Klinik- und Gemeindeteams vor der Entlassung zu erwägen.
Physische Rehabilitation
Die physische Rehabilitation zielt darauf ab, Muskelfunktion, Kraft und Beweglichkeit zu erhalten und zu verbessern. Ein adäquates Schmerzmanagement ist essenziell, damit der Patient an den Therapien teilnehmen kann.
- Frühe Gewichtsbelastung: Das chirurgische Team muss den Status der Gewichtsbelastung frühestmöglich definieren. Belastungsübungen sollten so bald wie möglich beginnen.
- Aerobes Training: Ein maßgeschneidertes Übungsprogramm (inkl. Widerstandstraining und Rumpfstärkung) sollte unabhängig von Alter oder Verletzungskombination gestartet werden. Dies darf auch älteren Menschen nicht vorenthalten werden.
- Schwellungen und Narben: Zur Reduktion von Ödemen werden Hochlagerung und Zirkulationsübungen empfohlen. Bei der Narbenbehandlung ist eine Desensibilisierung (z.B. durch sanfte Berührung) wichtig.
Kognitive und Psychologische Rehabilitation
Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass kurzzeitige psychologische Probleme in Form einer akuten Belastungsreaktion (4 bis 6 Wochen) häufig sind. Symptome können Schlafstörungen, Albträume, Flashbacks und Angstzustände umfassen. Wenn psychologische Probleme die Rehabilitation beeinträchtigen, muss eine dringende Überweisung an psychologische Dienste erfolgen.
Spezifische Verletzungen
Für bestimmte Verletzungsmuster gelten besondere Empfehlungen, die zusätzlich zu den allgemeinen Maßnahmen angewendet werden müssen:
| Verletzungsart | Spezifische Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Amputation / Gliedmaßenverlust | Spiegeltherapie (Mirror Therapy) | Zur Behandlung von Phantomschmerzen erwägen |
| Amputation / Gliedmaßenverlust | Frühe Rollstuhlversorgung | Nicht auf die Prothesenanpassung warten; Rollstuhl mit Stumpfauflage ausstatten |
| Rückenmarksverletzung | ASIA-Klassifikation | Assessment durch geschultes Personal so schnell wie möglich |
| Rückenmarksverletzung | Überweisung Spezialzentrum | Zwingend innerhalb von 24 Stunden nach Diagnosestellung |
| Frakturen der unteren Extremität | Orthesen (z.B. Knöchel-Fuß-Orthese) | Bei Risiko des Verlusts der Sprunggelenksbeweglichkeit |
💡Praxis-Tipp
Warten Sie nach einer Amputation nicht auf die Anpassung der Prothese, um mit der Rehabilitation zu beginnen. Stellen Sie frühzeitig einen angepassten Rollstuhl (inkl. Stumpfauflage) zur Verfügung und beginnen Sie sofort mit dem Erhalt der Gelenkbeweglichkeit.