WHO-Leitlinie: Essenzielle Traumaversorgung (EsTC)
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie definiert essenzielle (E) und wünschenswerte (D) Ressourcen für vier Versorgungsstufen (Basic bis Tertiärzentrum).
- •Atemwegsmanagement und die Vermeidung von Hypoxie haben höchste Priorität zur Verhinderung sekundärer Schäden.
- •Die Entlastung eines Spannungspneumothorax sowie die Anlage einer Thoraxdrainage sind auf allen Krankenhausebenen essenziell.
- •Bei Kindern unter 5 Jahren ist ein intraossärer Zugang auf allen Krankenhausebenen essenziell.
- •Die Prävention sekundärer Hirnschäden durch Vermeidung von Hypoxie und Hypotension ist bei Schädel-Hirn-Traumata essenziell.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie zur essenziellen Traumaversorgung (Essential Trauma Care) adressiert die globalen Disparitäten in der Trauma-Mortalität. Während die Mortalität bei mittelschweren Verletzungen in einkommensstarken Ländern bei 6 % liegt, beträgt sie in einkommensschwachen Regionen bis zu 36 %. Ziel ist es, durch verbesserte Organisation und Planung kosteneffiziente Standards zu etablieren.
Ressourcen-Kategorien
Die Leitlinie teilt die Verfügbarkeit von Ressourcen und Fähigkeiten in vier Prioritäten ein, die auf verschiedene Versorgungsstufen (Basic-Klinik, GP-Krankenhaus, Spezialisten-Krankenhaus, Tertiärzentrum) angewendet werden:
| Priorität | Kürzel | Bedeutung |
|---|---|---|
| Essenziell | E | Muss auf der jeweiligen Versorgungsstufe immer gewährleistet sein |
| Wünschenswert | D | Erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit, ist aber kostenintensiv |
| Möglicherweise erforderlich | PR | In ressourcenschwachen Gebieten auf niedrigeren Stufen nötig |
| Irrelevant | I | Auf dieser Stufe nicht zu erwarten |
Atemwegsmanagement (Airway)
Die Sicherung der Atemwege hat höchste Priorität. Ein Versagen beim Atemwegsmanagement ist eine der Hauptursachen für vermeidbare Todesfälle bei Traumapatienten.
| Maßnahme / Ausrüstung | Basic | GP-Klinik | Spezialist | Tertiärzentrum |
|---|---|---|---|---|
| Manuelle Manöver (Kinnlift etc.) | E | E | E | E |
| Absaugung (manuell/Fußpumpe) | D | E | E | E |
| Beutel-Masken-Beatmung | D | E | E | E |
| Endotracheale Intubation | D | D | E | E |
| Krikothyreoidotomie | D | D | E | E |
- Essenziell auf allen Stufen: Erkennung einer Atemwegsverlegung und manuelle Freimachung unter HWS-Schutz.
- Qualitätssicherung: Bei fortgeschrittenem Atemwegsmanagement (Intubation) muss ein Ösophagus-Detektor zur Verifikation genutzt werden.
Atmung (Breathing)
- Sauerstoffgabe: Auf allen Krankenhausebenen essenziell.
- Spannungspneumothorax: Die klinische Erkennung und Nadelthorakostomie sind ab der GP-Klinik essenziell (im Basic-Setting wünschenswert).
- Thoraxdrainage: Die Anlage einer Thoraxdrainage (Tube Thoracostomy) ist auf allen Krankenhausebenen essenziell.
- Offener Pneumothorax: Ein Drei-Wege-Verband ist auf allen Stufen essenziell.
Kreislauf und Schockmanagement (Circulation)
Die Blutungskontrolle und Volumentherapie sind entscheidend für das Überleben.
| Maßnahme | Basic | GP-Klinik | Spezialist | Tertiärzentrum |
|---|---|---|---|---|
| Kompression zur Blutungskontrolle | E | E | E | E |
| Arterielles Tourniquet (Extremsituation) | E | E | E | E |
| Peripherer IV-Zugang & Kristalloide | D | E | E | E |
| Intraossärer Zugang (Kinder <5 J.) | D | D | E | E |
| Bluttransfusion | I | E | E | E |
- Blutungskontrolle: Manuelle Kompression und Frakturschienung sind auf allen Stufen essenziell.
- Volumentherapie: Kristalloide Lösungen sind ab der GP-Klinik essenziell, Kolloide lediglich wünschenswert.
- Monitoring: Blutdruckmessung, Stethoskop und Urinkatheter sind ab der GP-Klinik essenziell.
Schädel-Hirn-Trauma
Die Vermeidung von sekundären Hirnschäden durch Hypoxie und Hypotension ist die wichtigste therapeutische Maßnahme, da diese für 65 % der Mortalität bei Schädel-Hirn-Traumata verantwortlich sind.
- Diagnostik: Die Erhebung des Glasgow Coma Scale (GCS) und der Pupillenreaktion ist auf allen Stufen essenziell.
- Bildgebung: Ein CT ist aufgrund der Kosten auf allen Stufen nur wünschenswert (D), auch wenn es die Therapie massiv erleichtert.
- Chirurgie: Ein Bohrloch (Burr hole) zur Entlastung ist im Tertiärzentrum essenziell, beim Spezialisten wünschenswert und in isolierten GP-Kliniken möglicherweise erforderlich (PR).
- Ernährung: Die Aufrechterhaltung des Grundbedarfs (z. B. via Magensonde bei Komatösen) ist auf allen Krankenhausebenen essenziell.
Halsverletzungen
- Diagnostik: Die Erkennung einer Platysma-Penetration ist auf allen Krankenhausebenen essenziell.
- Therapie: Die externe Blutungskontrolle ist auf allen Stufen essenziell.
💡Praxis-Tipp
Sichern Sie bei Schädel-Hirn-Traumata primär die Oxygenierung und den Blutdruck. Sekundäre Hirnschäden durch Hypoxie und Hypotension sind für 65 % der Mortalität verantwortlich.