Wirbelsäulentrauma: Leitlinie zur Erstversorgung (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die klinische Beurteilung der Halswirbelsäule erfolgt primär nach der Canadian C-Spine Rule.
- •Zur Immobilisation werden Zervikalstütze, Schaufeltrage und Vakuummatratze empfohlen; Spineboards dienen nur der Rettung, nicht dem Transport.
- •Bei Verdacht auf eine Rückenmarksverletzung ist der direkte Transport in ein überregionales Traumazentrum indiziert.
- •Steroide (wie Methylprednisolon) zur Neuroprotektion in der Akutphase werden ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Bei Erwachsenen mit neurologischen Ausfällen ist nach dem CT zwingend ein MRT durchzuführen, auch wenn das CT unauffällig ist.
Hintergrund
Die Erstversorgung von Patienten mit einem potenziellen Wirbelsäulentrauma erfordert ein strukturiertes Vorgehen, um sekundäre neurologische Schäden zu vermeiden. Die Beurteilung beginnt bereits präklinisch nach dem <C>ABCDE-Schema (Catastrophic haemorrhage, Airway mit In-line-Immobilisation, Breathing, Circulation, Disability, Exposure).
Klinische Beurteilung und Canadian C-Spine Rule
Die Indikation zur Immobilisation und Bildgebung der Halswirbelsäule (HWS) wird bei wachen Patienten anhand der Canadian C-Spine Rule gestellt:
| Risikokategorie | Kriterien |
|---|---|
| High-Risk | Alter ≥ 65 Jahre, gefährlicher Unfallmechanismus (z. B. Sturz > 1m, Axialstauchung, Hochgeschwindigkeitsunfall), Parästhesien an den Extremitäten |
| Low-Risk | Leichter Auffahrunfall, sitzende Position, gehfähig, kein mittiger Druckschmerz, verzögerter Nackenschmerz |
| No-Risk | Low-Risk-Faktor vorhanden UND aktive Rotation des Halses um 45° nach links und rechts schmerzfrei möglich |
Bei Verdacht auf Verletzungen der Brust- oder Lendenwirbelsäule (BWS/LWS) gelten ähnliche Risikofaktoren (Alter ≥ 65, gefährlicher Mechanismus, Osteoporose, neurologische Ausfälle, lokaler Druckschmerz).
Immobilisation und Rettung
Die vollständige In-line-Immobilisation ist indiziert, wenn High-Risk-Faktoren vorliegen, die HWS-Rotation nicht möglich ist oder BWS/LWS-Kriterien zutreffen.
- Schrittweises Vorgehen bei Erwachsenen:
- Manuelle In-line-Stabilisierung des Kopfes.
- Anlage einer passenden Zervikalstütze (Ausnahme: kompromittierter Atemweg oder bekannte Deformitäten wie Morbus Bechterew).
- Umlagerung mittels Schaufeltrage.
- Fixierung mit Kopffixierset und Klebeband, idealerweise in einer Vakuummatratze.
Wichtig zur Rettung (Extrikation): Ein Spineboard (Longboard) darf nur zur Rettung verwendet werden. Patienten dürfen nicht auf einem Spineboard transportiert werden.
Schmerztherapie
Die Schmerzerfassung muss regelmäßig mit alters- und kognitionsentsprechenden Skalen erfolgen.
| Wirkstoff | Indikation / Stufe | Bemerkung |
|---|---|---|
| Morphin i.v. | 1. Wahl | Dosis nach Wirkung titrieren |
| Diamorphin / Ketamin intranasal | Fehlender i.v.-Zugang | Off-Label-Use beachten |
| Ketamin i.v. | 2. Wahl | In analgetischer Dosierung |
Bildgebung
Die Bildgebung muss notfallmäßig erfolgen und sofort von fachkundigem Personal befundet werden.
| Patientengruppe | Verdachtsdiagnose | 1. Wahl Bildgebung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Erwachsene | HWS-Verletzung (nach C-Spine Rule) | CT | Bei neurologischen Ausfällen zwingend MRT im Anschluss (auch bei unauffälligem CT) |
| Erwachsene | BWS/LWS (ohne Neuro-Defizit) | Röntgen | CT bei Auffälligkeiten oder klinischen Zeichen |
| Erwachsene | Stumpfes Polytrauma | Ganzkörper-CT | Keine Umlagerung während des Scans |
| Kinder (<16 J.) | Rückenmarksverletzung | MRT | Röntgen erwägen, falls MRT-Kriterien nicht erfüllt |
Medikamentöse Therapie und Neuroprotektion
Die Leitlinie spricht sich strikt gegen den Einsatz folgender Medikamente zur Neuroprotektion oder Prävention einer sekundären Verschlechterung in der Akutphase aus:
- Methylprednisolon
- Nimodipin
- Naloxon
Ebenso sollen in der Akutphase keine Medikamente zur Vorbeugung chronischer neuropathischer Schmerzen verabreicht werden.
Zielklinik und Dokumentation
- Patienten mit Verdacht auf eine Rückenmarksverletzung müssen direkt in ein überregionales Traumazentrum (Major Trauma Centre) transportiert werden.
- Bei Verdacht auf eine isolierte Wirbelsäulenverletzung ohne Rückenmarksbeteiligung reicht bei Erwachsenen die nächste geeignete Traumaklinik.
- Bei Patienten über 4 Jahren mit Verdacht auf Rückenmarksverletzung muss in der Notaufnahme schnellstmöglich ein ASIA-Score (American Spinal Injury Association) erhoben werden.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie das Spineboard (Longboard) ausschließlich zur schnellen Rettung aus Gefahrensituationen. Für den Transport in die Klinik muss der Patient zwingend auf eine Vakuummatratze umgelagert werden.