Trauma-Rehabilitation: Aktuelle NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Rehabilitation sollte so früh wie möglich beginnen, idealerweise spätestens am Tag nach einer Operation.
- •Ein multidisziplinäres Team muss eine ganzheitliche Beurteilung der physischen, kognitiven und psychologischen Bedürfnisse durchführen.
- •Innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme ist ein fester Rehabilitationskoordinator oder Key Worker zu benennen.
- •Die Therapieziele müssen individuell, patientenzentriert und an den Lebensumständen ausgerichtet sein.
- •Bei der Entlassung ist ein strukturierter Übergang mit einem festen Ansprechpartner für die ersten Monate essenziell.
Hintergrund
Die Rehabilitation nach traumatischen Verletzungen erfordert einen ganzheitlichen, patientenzentrierten Ansatz. Die Schwere der Verletzung korreliert nicht zwingend mit der Komplexität des Rehabilitationsbedarfs. Daher ist eine frühzeitige und kontinuierliche Beurteilung durch ein multidisziplinäres Team (MDT) essenziell, um die bestmögliche Rückkehr in den Alltag zu gewährleisten.
Initiales Assessment und Frühintervention
Die Rehabilitation sollte so früh wie möglich beginnen, um Verzögerungen zu vermeiden und Funktionen zu erhalten.
- Vor Operationen: Atemfunktion und funktionelle Fähigkeiten erhalten (falls sich die OP verzögert).
- Nach Operationen: Schnellstmöglich beginnen, idealerweise spätestens am Folgetag.
- Ernährung: Risiko für Mangelernährung frühzeitig screenen (z. B. MUST-Score bei Erwachsenen, STAMP-Score bei Kindern).
- Psychologische Unterstützung: Sofortige emotionale Unterstützung bei mentaler Belastung oder kognitiver Beeinträchtigung anbieten.
Multidisziplinäres Assessment
Das MDT sollte eine umfassende Bedarfsermittlung durchführen. Dabei muss immer der Unfallmechanismus berücksichtigt werden (Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma).
| Assessment-Bereich | Fokus der Untersuchung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Physisch | Schmerzmanagement, Gelenkbeweglichkeit, Muskelkraft, Schwindel/Gleichgewicht, Seh-/Hörvermögen | Bei Bedarf Überweisung an Spezialisten (z. B. für Orthesen oder Nervenverletzungen). |
| Kognitiv | Verwirrtheit, verlangsamtes Denken, Gedächtnisprobleme, Agitation | Andere Ursachen (Delir, Demenz, Hypoxie) müssen ausgeschlossen werden. |
| Psychologisch | Vorbestehende psychische Erkrankungen, Suchtmittelkonsum, soziale Isolation, Trauma-Umstände | Bei Bedarf Überweisung an Psychologen oder Konsiliarpsychiatrie. |
Rehabilitationsplan und Zielsetzung
Die Rehabilitationsziele müssen kurz- und langfristig definiert und regelmäßig überprüft werden. Sie basieren auf den Werten, Hobbys und beruflichen Zielen des Patienten.
Der Rehabilitationsplan sollte als zentrales Dokument geführt und mit dem Patienten, Angehörigen und weiterbehandelnden Ärzten geteilt werden. Er umfasst:
- Verletzungsinformationen und Therapieziele
- Geplantes Therapieprogramm
- Informationen zur Rückkehr in Beruf/Schule und Fahreignung
- Kontaktdaten des Rehabilitationskoordinators
Physische Rehabilitation
Die physische Therapie muss individuell angepasst werden. Eine adäquate Analgesie ist Voraussetzung für die Teilnahme.
| Maßnahme | Zeitpunkt | Ziel / Evidenz |
|---|---|---|
| Frühe Gewichtsbelastung | Sobald klinisch möglich | Erhalt von Muskelmasse, Kraft und Haltungsreflexen. |
| Aerobes & Krafttraining | Schnellstmöglich | Verbesserung von Kondition, Rumpfstabilität und Gleichgewicht. Auch bei Immobilität (z. B. Sitzgymnastik). |
| Gangschulung | Sobald Gewichtsbelastung erlaubt | Wiederherstellung des Gangbildes, Reduktion der Folgen von Nichtbelastung. |
| Manuelle Therapie | Kontinuierlich | Erhalt der Gelenkbeweglichkeit (passiv, assistiv oder aktiv). |
Koordination und Entlassungsmanagement
Eine lückenlose Koordination ist für den Rehabilitationserfolg entscheidend.
- Innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme muss ein benannter Rehabilitationskoordinator oder Key Worker zugewiesen werden.
- Bei Verlegungen: Detaillierte mündliche und schriftliche Übergabe (inkl. Verletzungen, Ziele, psychologischer Ansätze und Plänen für Alltag/Beruf).
- Entlassung: Frühzeitige MDT-Planung. Bei komplexen Bedürfnissen sollte eine stufenweise Rückkehr in die Gemeinschaft (z. B. Wochenendbesuche zu Hause) erwogen werden.
- Nachsorge: Bereitstellung eines zentralen Ansprechpartners im Krankenhaus für eine begrenzte Zeit (z. B. 3 Monate) nach der Entlassung.
💡Praxis-Tipp
Benennen Sie für jeden Traumapatienten innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme einen festen Rehabilitationskoordinator. Beginnen Sie mit der Rehabilitation (z. B. passive Bewegungsübungen) idealerweise schon am Tag nach der Operation, sofern eine adäquate Schmerztherapie sichergestellt ist.