Polytrauma: ABCDE-Schema und Schockraummanagement
Hintergrund
Der Begriff Polytrauma beschreibt das Vorliegen multipler Verletzungen, die verschiedene Organe oder Organsysteme betreffen. Weltweit sind Verkehrsunfälle die häufigste Ursache, gefolgt von Suizid- und Tötungsversuchen.
Das Konzept der "Golden Hour" verdeutlicht, dass die überwiegende Mehrheit der traumabedingten Todesfälle innerhalb der ersten 60 Minuten nach der Verletzung auftritt. Die Mortalität bei Traumata folgt einer trimodalen Verteilung mit sofortigen, frühen und späten Todesfällen.
Sofortige und frühe Todesfälle machen fast 80 Prozent der Sterbefälle aus und sind meist auf ein Schädel-Hirn-Trauma oder massive Blutungen zurückzuführen. Späte Todesfälle treten Tage oder Wochen später auf und resultieren häufig aus Multiorganversagen oder Sepsis.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie empfiehlt für die Erstversorgung das standardisierte Advanced Trauma Life Support (ATLS) Protokoll. Die primäre Beurteilung erfolgt nach dem ABCDE-Schema, um lebensbedrohliche Zustände systematisch zu identifizieren und unmittelbar zu behandeln.
A - Airway (Atemweg und HWS)
Bei neurologischen Ausfällen, Nackenschmerzen oder Hochgeschwindigkeitsunfällen wird von einer Verletzung der Halswirbelsäule (HWS) ausgegangen. Die HWS-Immobilisation muss bis zum sicheren Ausschluss einer Verletzung aufrechterhalten werden.
Für apnoische Patienten oder solche mit einem Glasgow Coma Scale (GCS) von unter 8 wird die Sicherung des Atemwegs mittels orotrachealer Intubation empfohlen. Sollte eine Intubation nicht möglich sein, ist ein chirurgischer Atemweg (Koniotomie) indiziert.
B - Breathing (Beatmung)
Die Leitlinie fordert die sofortige Identifikation lebensbedrohlicher Thoraxverletzungen wie Spannungspneumothorax, massiver Hämatothorax oder Herztamponade. Bei Verdacht auf einen Spannungspneumothorax wird eine sofortige Nadeldekompression im zweiten Interkostalraum der Medioklavikularlinie empfohlen.
Sowohl bei einem Hämatothorax als auch bei einem Pneumothorax ist die Anlage einer großlumigen Thoraxdrainage indiziert.
C - Circulation (Kreislauf)
Ein hämorrhagischer Schock ist die häufigste Schockform bei Traumapatienten. Die initiale Volumentherapie sollte mit kristalloiden Lösungen beginnen.
Bei unzureichendem Ansprechen oder massiven Verletzungen wird die frühzeitige Gabe von Blutprodukten empfohlen. Die Leitlinie nennt folgende Kernmaßnahmen zur Blutungskontrolle:
-
Anlage einer Beckenschlinge (Pelvic Splint) zur Tamponade bei Beckenfrakturen
-
Direkte Kompression bei externen Blutungsquellen
-
Anlage eines proximalen Tourniquets bei unkontrollierbaren Extremitätenblutungen
D und E - Disability und Exposure
Es wird eine vollständige neurologische Beurteilung empfohlen, die den GCS, die Pupillenreaktion und eine periphere Untersuchung umfasst.
Zur vollständigen Untersuchung müssen Patienten komplett entkleidet werden. Gleichzeitig wird ein aktiver Wärmeerhalt empfohlen, um einer Hypothermie vorzubeugen.
Die Leitlinie fasst die Schritte der Primärversorgung im folgenden Schema zusammen:
| ATLS-Stufe | Fokus | Klinische Kernmaßnahmen |
|---|---|---|
| A (Airway) | Atemweg & HWS | HWS-Immobilisation, Intubation bei GCS < 8 |
| B (Breathing) | Beatmung | Auskultation, Entlastung eines Spannungspneumothorax |
| C (Circulation) | Kreislauf | Blutungskontrolle, Volumengabe, Transfusion |
| D (Disability) | Neurologie | GCS-Erhebung, Pupillenkontrolle, Wirbelsäulenschutz |
| E (Exposure) | Entkleidung | Vollständige Entkleidung, aktiver Wärmeerhalt |
Dosierung
Die Leitlinie nennt spezifische Dosierungen für den Einsatz von Tranexamsäure als Antifibrinolytikum bei Traumapatienten:
| Medikament | Dosis | Indikation |
|---|---|---|
| Tranexamsäure | 1 g als Bolus (innerhalb von 3 Stunden nach Trauma), gefolgt von 1 g über die nächsten 8 Stunden | Blutungskontrolle bei Polytrauma |
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert folgende Warnhinweise für die Akutversorgung:
-
Bei Verdacht auf einen Spannungspneumothorax darf die Behandlung nicht für eine radiologische Bestätigung verzögert werden.
-
Die klinische Stabilitätsprüfung des Beckens darf nur ein einziges Mal durchgeführt werden, da weitere Versuche Blutgerinnsel lösen und Blutungen reaktivieren können.
-
Tourniquets dürfen für maximal zwei Stunden angelegt bleiben, um ischämische Schäden an der Extremität zu vermeiden.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie wird davor gewarnt, die klinische Stabilitätsprüfung des Beckens mehrfach durchzuführen. Wiederholte Untersuchungen können bereits gebildete Blutgerinnsel an einer aktiven Blutungsquelle lösen und so eine lebensbedrohliche Blutung reaktivieren.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt eine orotracheale Intubation bei apnoischen Patienten oder bei einem Glasgow Coma Scale (GCS) von unter 8. Bei Hinweisen auf ein HWS-Trauma muss dies unter strenger Immobilisation der Halswirbelsäule geschehen.
Es wird ein Verhältnis von 1:1:1 für Erythrozytenkonzentrate, Fresh Frozen Plasma und Thrombozyten empfohlen. Laut Leitlinie bietet dieses Schema den größten Überlebensvorteil bei hämorrhagischem Schock.
Ein Tourniquet sollte für maximal zwei Stunden angelegt werden. Die Leitlinie betont, dass dadurch das Risiko für ischämische Schäden an der Extremität minimiert wird.
Die tödliche Trias bei schweren, unkontrollierten Blutungen besteht aus Hypothermie, Koagulopathie und Azidose. Es wird empfohlen, diese Faktoren durch schnelles Blutungsmanagement und aktiven Wärmeerhalt frühzeitig zu bekämpfen.
Nein, die Leitlinie warnt ausdrücklich davor, bei Verdacht auf einen Spannungspneumothorax auf eine radiologische Bestätigung zu warten. Es wird eine sofortige Nadeldekompression im zweiten Interkostalraum empfohlen.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: StatPearls: Polytraumatized Patient (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
StatPearls: Trauma Care Principles
StatPearls: Trauma Primary Survey
StatPearls: Trauma Assessment
StatPearls: EMS Chest Injury
StatPearls: Physiology, Trauma
StatPearls: Blunt Force Trauma
StatPearls: Trauma Secondary Survey
StatPearls: EMS Tactical Damage Control Resuscitation Protocol
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen