Spielsucht & glücksspielbezogene Schäden: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Glücksspielbezogene Schäden sind ein dominanter Risikofaktor für Suizidgedanken und -versuche.
- •Bei Routineuntersuchungen oder Vorliegen von Risikofaktoren (z.B. psychische Erkrankungen, Substanzkonsum) sollte aktiv nach Glücksspiel gefragt werden.
- •Als psychologische Erstlinientherapie wird kognitive Verhaltenstherapie (CBT), bevorzugt im Gruppensetting, empfohlen.
- •Naltrexon kann als medikamentöse Off-Label-Therapie bei Therapieversagen oder rezidivierenden Rückfällen erwogen werden.
- •Angehörige leiden ebenfalls unter den Folgen und benötigen eigene Unterstützungsangebote.
Hintergrund
Glücksspielbezogene Schäden umfassen weitreichende negative Auswirkungen auf die Gesundheit, die Finanzen und die sozialen Beziehungen von Betroffenen und deren Angehörigen. Die NICE-Leitlinie (2025) betont, dass Stigmatisierung, Scham und die Angst vor Offenlegung wesentliche Barrieren darstellen, die Menschen davon abhalten, Hilfe zu suchen.
Risikofaktoren und Identifikation
Ärzte und medizinisches Personal sollten Patienten bei Routineuntersuchungen (ähnlich wie bei der Frage nach Alkohol oder Rauchen) auf Glücksspiel ansprechen. Bei bestimmten Risikofaktoren ist eine gezielte Anamnese zwingend erforderlich:
| Kategorie | Spezifische Risikofaktoren |
|---|---|
| Psychiatrisch | Depression, Angststörungen, Psychosen, bipolare Störungen, PTBS, ADHS, Suizidgedanken |
| Medikamentös | Dopaminagonisten (z.B. bei Parkinson), Aripiprazol |
| Substanzkonsum | Alkohol- oder Substanzabhängigkeit (insbesondere Kokain) |
| Sozial / Finanziell | Obdachlosigkeit, finanzielle Sorgen, familiäre Vorbelastung, häusliche Gewalt |
| Beruf / Lebensphase | Militärangehörige, Sportprofis, junges Erwachsenenalter (erster Auszug von zu Hause) |
- Beachte: Das Vorliegen mehrerer Risikofaktoren hat einen kumulativen Effekt.
Diagnostik und Assessment
Für die Beurteilung des Schweregrads sollten validierte Instrumente genutzt werden. Die Leitlinie nennt hier beispielhaft den Problem Gambling Severity Index (PGSI) oder den South Oaks Gambling Screen.
Das klinische Assessment muss folgende Punkte umfassen:
- Glücksspielhistorie (Art, Frequenz, Auslöser)
- Finanzielle Auswirkungen (Schulden, Beschaffungskriminalität)
- Auswirkungen auf soziale Funktionen und Beruf
- Überprüfung der aktuellen Medikation (ggf. Dosisreduktion von Aripiprazol oder Dopaminagonisten in Rücksprache mit Spezialisten)
Initiale Maßnahmen und Suizidrisiko
Glücksspiel ist ein dominanter Risikofaktor für Suizid, auch in Abwesenheit anderer Risikofaktoren. Das Risiko kann unmittelbar nach einer Glücksspiel-Episode am höchsten sein.
- Patienten müssen direkt nach Suizidgedanken und -absichten gefragt werden.
- Bei akuter Gefährdung ist eine sofortige Überweisung an psychiatrische Krisendienste erforderlich.
- Praktische Selbstsperren sollten diskutiert werden (z.B. Software-Blocker, Sperrung von Bankzahlungen, Selbstausschluss aus Casinos).
Psychologische Therapie
Die Behandlung zielt in der Regel auf Abstinenz ab. Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist die evidenzbasierte Grundlage der Behandlung.
| Therapieform | Setting | Empfehlung |
|---|---|---|
| Gruppen-CBT | 8-10 Sitzungen | Erste Wahl zur Reduktion von Schweregrad und Frequenz. |
| Einzel-CBT | 6-8 Sitzungen | Alternative, falls Gruppentherapie nicht möglich oder vom Patienten abgelehnt wird. |
| Motivational Interviewing | Individuell | Zur Steigerung der Therapiemotivation bei Unsicherheit oder Vorbehalten. |
- Wichtig: Die Therapie muss eine Komponente zur Rückfallprävention enthalten (Umgang mit Triggern).
Medikamentöse Therapie
Eine pharmakologische Behandlung ist keine Erstlinientherapie, kann aber in bestimmten Fällen indiziert sein.
| Wirkstoff | Indikation | Dosierung & Monitoring |
|---|---|---|
| Naltrexon (Off-Label) | Therapieversagen der CBT oder wiederholte Rückfälle trotz CBT | Initial 25 mg/d für 3 Tage, dann 50 mg/d für 4-6 Monate. |
Voraussetzungen für Naltrexon:
- Start nur durch erfahrene Spezialisten.
- Leber- und Nierenfunktion müssen im Normbereich liegen.
- Patienten dürfen keine Opioide einnehmen.
- Die psychologische Therapie sollte idealerweise parallel fortgeführt werden.
Angehörige (Affected Others)
Familienmitglieder und nahestehende Personen leiden massiv unter den Folgen der Glücksspielsucht. Behandler sollten Angehörigen eigene Unterstützungsangebote machen. Dies umfasst Techniken zur Bewältigung der eigenen Belastung sowie Hilfestellungen für eine nicht-wertende Kommunikation mit dem Betroffenen.
💡Praxis-Tipp
Fragen Sie bei Patienten mit Depressionen, Suizidgedanken oder Kokainabusus aktiv nach dem Thema Glücksspiel. Prüfen Sie zudem die Medikation auf Dopaminagonisten oder Aripiprazol, da diese die Impulskontrolle stören und Spielsucht triggern können.