Alkoholabhängigkeit Leitlinie: Entzug & Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Abstinenz ist das primäre Therapieziel bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sowie bei Vorliegen von Komorbiditäten.
- •Für das klinische Assessment werden validierte Tools wie AUDIT, SADQ und CIWA-Ar empfohlen.
- •Ein stationärer Entzug ist u.a. indiziert bei >30 Einheiten Alkohol/Tag, SADQ >30 oder anamnestischen Entzugskrampfanfällen.
- •Mittel der Wahl für den medikamentös gestützten Entzug sind Benzodiazepine (Chlordiazepoxid oder Diazepam).
- •Zur medikamentösen Rückfallprophylaxe werden Acamprosat oder orales Naltrexon in Kombination mit Psychotherapie eingesetzt.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie definiert Standards für die Diagnostik, das Assessment und die Behandlung von schädlichem Alkoholkonsum (High-Risk Drinking) und Alkoholabhängigkeit bei Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen (10-17 Jahre). Ziel ist die Reduktion alkoholbedingter Schäden durch strukturierte Entzugs- und Therapieprogramme.
Diagnostik und Assessment
Für die Beurteilung der Schwere der Abhängigkeit und der Entzugssymptomatik sollen standardmäßig validierte klinische Scores verwendet werden:
| Tool | Einsatzgebiet |
|---|---|
| AUDIT | Screening, Identifikation und Routinemessung |
| SADQ oder LDQ | Bestimmung des Schweregrads der Abhängigkeit |
| CIWA-Ar | Beurteilung der Schwere der Entzugssymptomatik |
| APQ | Erfassung der Art und des Ausmaßes alkoholbedingter Probleme |
Blutuntersuchungen sollen nicht routinemäßig zur Diagnose eingesetzt werden, können aber zur Identifikation physischer Begleiterkrankungen oder als Motivationshilfe (Leberwerte) dienen.
Therapieziele
- Abstinenz: Ist das primäre Ziel bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sowie bei Patienten mit signifikanten psychiatrischen oder physischen Komorbiditäten (z.B. alkoholbedingte Lebererkrankung).
- Kontrolliertes Trinken (Moderation): Kann bei schädlichem Gebrauch oder leichter Abhängigkeit ohne Komorbiditäten erwogen werden, sofern ein adäquates soziales Umfeld besteht.
Medikamentös gestützter Entzug
Der Entzug sollte in der Regel im ambulanten Setting stattfinden, sofern keine schweren Risikofaktoren vorliegen.
Kriterien für das Setting
| Setting | Indikation / Kriterien |
|---|---|
| Ambulant | Standard bei leichter bis mittelgradiger Abhängigkeit (<30 Einheiten/Tag) |
| Stationär / Residentiell | >30 Einheiten/Tag, SADQ >30, Epilepsie/Entzugskrämpfe/Delir in der Anamnese, simultaner Benzodiazepin-Entzug, schwere Komorbiditäten bei 15-30 Einheiten/Tag |
Medikamentöse Therapie des Entzugs
| Wirkstoff | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Benzodiazepine (Chlordiazepoxid, Diazepam) | Mittel der Wahl für den Entzug | Festes Dosisschema (Ausschleichen über 7-10 Tage) oder symptomgetriggert |
| Lorazepam | Entzug bei Leberinsuffizienz | Geringere hepatische Metabolisierung; Dosisreduktion beachten |
| Clomethiazol | Kontraindiziert im ambulanten Setting | Hohes Überdosierungs- und Missbrauchsrisiko |
Rückfallprophylaxe (Post-Entzug)
Nach erfolgreichem Entzug bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sollte eine medikamentöse Therapie in Kombination mit psychologischen Interventionen (z.B. kognitive Verhaltenstherapie) angeboten werden.
| Wirkstoff | Dosis | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Acamprosat | 1998 mg/d (1332 mg/d bei <60 kg) | 1. Wahl; Gabe für bis zu 6 Monate. Absetzen, falls Konsum 4-6 Wochen nach Start persistiert. |
| Naltrexon (oral) | Start: 25 mg/d, Erhalt: 50 mg/d | 1. Wahl; Gabe für bis zu 6 Monate. Warnhinweis bzgl. Interaktion mit Opioid-Analgetika beachten. |
| Disulfiram | 200 mg/d | 2. Wahl; erfordert strenge Aufklärung über gefährliche Alkohol-Interaktionen. Regelmäßige Überwachung nötig. |
Wichtig: Antidepressiva (inkl. SSRI) oder GHB sollen nicht routinemäßig zur reinen Behandlung des Alkoholmissbrauchs eingesetzt werden.
Kinder und Jugendliche (10-17 Jahre)
- Assessment: Niedrigere Schwelle beim AUDIT-Score. Überweisung an die Kinder- und Jugendpsychiatrie (CAMHS) bei 10-15-Jährigen mit Komorbiditäten.
- Entzug: Ein medikamentös gestützter Entzug muss bei dieser Altersgruppe immer im stationären Setting erfolgen.
- Therapie: Abstinenz ist das primäre Ziel. Einsatz von multimodalen Familienprogrammen (z.B. Multidimensionale Familientherapie) bei fehlendem sozialem Support.
Komorbiditäten
- Depression und Angststörungen: Zuerst den Alkoholmissbrauch behandeln. Persistieren die psychiatrischen Symptome nach 3-4 Wochen Abstinenz, sollte eine spezifische Behandlung eingeleitet werden.
- Wernicke-Korsakoff-Syndrom: Zur Prophylaxe bei mangelernährten Patienten oder bei dekompensierter Lebererkrankung vor einem geplanten Entzug parenterales Thiamin, gefolgt von oralem Thiamin, verabreichen.
💡Praxis-Tipp
Behandeln Sie bei Patienten mit komorbider Depression oder Angststörung zunächst den Alkoholmissbrauch. Oft remittieren diese psychiatrischen Symptome nach 3-4 Wochen Abstinenz von selbst, ohne dass spezifische Antidepressiva nötig sind.