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Alkoholabhängigkeit Leitlinie: Entzug & Therapie (NICE)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Abstinenz ist das primäre Therapieziel bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sowie bei Vorliegen von Komorbiditäten.
  • Für das klinische Assessment werden validierte Tools wie AUDIT, SADQ und CIWA-Ar empfohlen.
  • Ein stationärer Entzug ist u.a. indiziert bei >30 Einheiten Alkohol/Tag, SADQ >30 oder anamnestischen Entzugskrampfanfällen.
  • Mittel der Wahl für den medikamentös gestützten Entzug sind Benzodiazepine (Chlordiazepoxid oder Diazepam).
  • Zur medikamentösen Rückfallprophylaxe werden Acamprosat oder orales Naltrexon in Kombination mit Psychotherapie eingesetzt.
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Hintergrund

Die NICE-Leitlinie definiert Standards für die Diagnostik, das Assessment und die Behandlung von schädlichem Alkoholkonsum (High-Risk Drinking) und Alkoholabhängigkeit bei Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen (10-17 Jahre). Ziel ist die Reduktion alkoholbedingter Schäden durch strukturierte Entzugs- und Therapieprogramme.

Diagnostik und Assessment

Für die Beurteilung der Schwere der Abhängigkeit und der Entzugssymptomatik sollen standardmäßig validierte klinische Scores verwendet werden:

ToolEinsatzgebiet
AUDITScreening, Identifikation und Routinemessung
SADQ oder LDQBestimmung des Schweregrads der Abhängigkeit
CIWA-ArBeurteilung der Schwere der Entzugssymptomatik
APQErfassung der Art und des Ausmaßes alkoholbedingter Probleme

Blutuntersuchungen sollen nicht routinemäßig zur Diagnose eingesetzt werden, können aber zur Identifikation physischer Begleiterkrankungen oder als Motivationshilfe (Leberwerte) dienen.

Therapieziele

  • Abstinenz: Ist das primäre Ziel bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sowie bei Patienten mit signifikanten psychiatrischen oder physischen Komorbiditäten (z.B. alkoholbedingte Lebererkrankung).
  • Kontrolliertes Trinken (Moderation): Kann bei schädlichem Gebrauch oder leichter Abhängigkeit ohne Komorbiditäten erwogen werden, sofern ein adäquates soziales Umfeld besteht.

Medikamentös gestützter Entzug

Der Entzug sollte in der Regel im ambulanten Setting stattfinden, sofern keine schweren Risikofaktoren vorliegen.

Kriterien für das Setting

SettingIndikation / Kriterien
AmbulantStandard bei leichter bis mittelgradiger Abhängigkeit (<30 Einheiten/Tag)
Stationär / Residentiell>30 Einheiten/Tag, SADQ >30, Epilepsie/Entzugskrämpfe/Delir in der Anamnese, simultaner Benzodiazepin-Entzug, schwere Komorbiditäten bei 15-30 Einheiten/Tag

Medikamentöse Therapie des Entzugs

WirkstoffIndikationBemerkung
Benzodiazepine (Chlordiazepoxid, Diazepam)Mittel der Wahl für den EntzugFestes Dosisschema (Ausschleichen über 7-10 Tage) oder symptomgetriggert
LorazepamEntzug bei LeberinsuffizienzGeringere hepatische Metabolisierung; Dosisreduktion beachten
ClomethiazolKontraindiziert im ambulanten SettingHohes Überdosierungs- und Missbrauchsrisiko

Rückfallprophylaxe (Post-Entzug)

Nach erfolgreichem Entzug bei mittelgradiger bis schwerer Abhängigkeit sollte eine medikamentöse Therapie in Kombination mit psychologischen Interventionen (z.B. kognitive Verhaltenstherapie) angeboten werden.

WirkstoffDosisIndikation / Bemerkung
Acamprosat1998 mg/d (1332 mg/d bei <60 kg)1. Wahl; Gabe für bis zu 6 Monate. Absetzen, falls Konsum 4-6 Wochen nach Start persistiert.
Naltrexon (oral)Start: 25 mg/d, Erhalt: 50 mg/d1. Wahl; Gabe für bis zu 6 Monate. Warnhinweis bzgl. Interaktion mit Opioid-Analgetika beachten.
Disulfiram200 mg/d2. Wahl; erfordert strenge Aufklärung über gefährliche Alkohol-Interaktionen. Regelmäßige Überwachung nötig.

Wichtig: Antidepressiva (inkl. SSRI) oder GHB sollen nicht routinemäßig zur reinen Behandlung des Alkoholmissbrauchs eingesetzt werden.

Kinder und Jugendliche (10-17 Jahre)

  • Assessment: Niedrigere Schwelle beim AUDIT-Score. Überweisung an die Kinder- und Jugendpsychiatrie (CAMHS) bei 10-15-Jährigen mit Komorbiditäten.
  • Entzug: Ein medikamentös gestützter Entzug muss bei dieser Altersgruppe immer im stationären Setting erfolgen.
  • Therapie: Abstinenz ist das primäre Ziel. Einsatz von multimodalen Familienprogrammen (z.B. Multidimensionale Familientherapie) bei fehlendem sozialem Support.

Komorbiditäten

  • Depression und Angststörungen: Zuerst den Alkoholmissbrauch behandeln. Persistieren die psychiatrischen Symptome nach 3-4 Wochen Abstinenz, sollte eine spezifische Behandlung eingeleitet werden.
  • Wernicke-Korsakoff-Syndrom: Zur Prophylaxe bei mangelernährten Patienten oder bei dekompensierter Lebererkrankung vor einem geplanten Entzug parenterales Thiamin, gefolgt von oralem Thiamin, verabreichen.

💡Praxis-Tipp

Behandeln Sie bei Patienten mit komorbider Depression oder Angststörung zunächst den Alkoholmissbrauch. Oft remittieren diese psychiatrischen Symptome nach 3-4 Wochen Abstinenz von selbst, ohne dass spezifische Antidepressiva nötig sind.

Häufig gestellte Fragen

Ein stationäres Setting wird empfohlen bei >30 Einheiten Alkohol/Tag, einem SADQ-Score >30, früheren Entzugskrämpfen oder Delirium tremens, gleichzeitigem Benzodiazepin-Entzug oder bei 15-30 Einheiten/Tag mit schweren physischen oder psychiatrischen Komorbiditäten.
Benzodiazepine (insbesondere Chlordiazepoxid oder Diazepam) sind die bevorzugten Medikamente. Sie sollten über 7 bis 10 Tage nach einem festen Dosisschema ausgeschlichen werden. Clomethiazol ist im ambulanten Setting kontraindiziert.
Üblicherweise werden sie für bis zu 6 Monate verschrieben. Wenn der Patient jedoch 4 bis 6 Wochen nach Therapiebeginn weiterhin Alkohol trinkt, sollten die Medikamente abgesetzt werden.
Die Leitlinie empfiehlt den AUDIT für das Screening, den SADQ oder LDQ für die Schwere der Abhängigkeit, den CIWA-Ar für die Schwere der Entzugssymptomatik und den APQ für alkoholbedingte Probleme.
Bei Leberinsuffizienz sollte ein Benzodiazepin mit geringerer hepatischer Metabolisierung (z.B. Lorazepam) in reduzierter Dosis verwendet werden. Bei schwerer Leberinsuffizienz sind Benzodiazepine zu vermeiden.

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