Schwere psychische Erkrankung & Sucht: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die sekundäre psychiatrische Versorgung übernimmt die Federführung bei der Behandlungsplanung.
- •Patienten dürfen aufgrund ihres Substanzkonsums nicht von psychiatrischen oder somatischen Diensten ausgeschlossen werden.
- •Ein Care-Koordinator steuert die multidisziplinäre Zusammenarbeit (Wohnen, Soziales, somatische Gesundheit).
- •Verpasste Termine dürfen nicht zur automatischen Entlassung führen, sondern erfordern eine proaktive Kontaktaufnahme.
- •Es sollen keine separaten Doppeldiagnose-Dienste geschaffen werden; stattdessen sind bestehende Dienste anzupassen.
Hintergrund
Patienten mit einer schweren psychischen Erkrankung (SMI) und gleichzeitigem Substanzmissbrauch (Doppeldiagnose) stellen eine besonders vulnerable Patientengruppe dar. Die NICE-Leitlinie betont, dass diese Patienten häufig von Stigmatisierung betroffen sind und Schwierigkeiten haben, Zugang zu regulären Versorgungsstrukturen zu finden. Unbehandelte oder unerkannte Bedürfnisse können zu Rückfällen und einer massiven Verschlechterung der somatischen Gesundheit führen.
| Begleiterkrankungen | Beispiele / Risikofaktoren |
|---|---|
| Somatische Erkrankungen | Kardiovaskuläre, respiratorische und hepatische Komplikationen, Infektionskrankheiten, Krebs, Diabetes, schlechter Zahnstatus |
| Soziale Probleme | Soziale Isolation, Obdachlosigkeit, instabile Wohnverhältnisse, finanzielle Probleme, fehlende Sozialleistungen |
Erster Kontakt und Zuweisung
Jeder Kontakt mit dem Hilfesystem (Gesundheitswesen, Sozialdienste, Notaufnahmen, Justiz) muss genutzt werden, um unmittelbare Bedürfnisse zu identifizieren und Hilfe anzubieten.
- Kein Ausschluss: Patienten dürfen nicht aufgrund ihres Substanzmissbrauchs von psychiatrischen Diensten ausgeschlossen werden. Ebenso darf die psychische Erkrankung kein Ausschlusskriterium für Suchthilfen, somatische oder soziale Dienste sein.
- Federführung: Die sekundäre psychiatrische Versorgung übernimmt die primäre Verantwortung für das Assessment und die Behandlungsplanung.
Behandlungsplanung (Care Plan)
Nach der Aufnahme in die sekundäre psychiatrische Versorgung muss ein Care-Koordinator benannt werden. Dieser arbeitet multidisziplinär und bezieht den Patienten sowie (auf Wunsch) dessen Angehörige aktiv in die Planung ein.
| Bereich | Aufgaben des Care-Koordinators |
|---|---|
| Assessment | Umfassende Erhebung der psychiatrischen, somatischen und sozialen Bedürfnisse. |
| Koordination | Zusammenarbeit mit Suchthilfe, Hausärzten, Sozialarbeitern und Wohnungsämtern. |
| Review | Überprüfung des Care-Plans bei jedem Kontakt; formelles multidisziplinäres Review mindestens jährlich oder bei Bedarf häufiger. |
Anpassung der Versorgungsstrukturen
Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, keine separaten Spezialdienste für Doppeldiagnosen zu schaffen. Stattdessen müssen bestehende psychiatrische und Suchthilfe-Dienste angepasst werden, um beide Problembereiche integrativ zu behandeln.
- Dienste müssen an sicheren, diskreten und leicht zugänglichen Orten angeboten werden.
- Flexible Öffnungszeiten und aufsuchende Angebote (Drop-in) sind zu bevorzugen.
- Das Personal muss im Umgang mit traumatisierten Patienten geschult sein.
Umgang mit Kontaktabbruch und Entlassung
Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung und Sucht haben ein hohes Risiko, den Kontakt zum Hilfesystem zu verlieren. Ein verpasster Termin darf niemals zur automatischen Entlassung aus dem Care-Plan führen. Alle beteiligten Behandler müssen einen Kontaktabbruch als ernstzunehmendes Warnsignal werten.
| Situation | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|
| Verpasster Termin | Proaktive Kontaktaufnahme (Telefon, Hausbesuch), Information aller beteiligten Behandler. |
| Akutes Risiko | Bei Suizid- oder Selbstgefährdungsrisiko sofortige Kontaktaufnahme mit dem Care-Koordinator; bei bestehenden Bedenken innerhalb von 24 Stunden. |
| Entlassung / Transition | Multidisziplinäres Meeting vorab, Sicherstellung der Wohnsituation, Erstellung eines Krisen- und Notfallplans (inkl. Überdosis-Risiko). |
💡Praxis-Tipp
Schließen Sie Patienten mit psychischen Erkrankungen niemals wegen ihres Substanzkonsums von der Behandlung aus. Werten Sie verpasste Termine nicht als mangelnde Motivation, sondern suchen Sie proaktiv den Kontakt, um Behandlungsabbrüche zu verhindern.