Schlaganfall-Rehabilitation: NICE-Leitlinie 2023
📋Auf einen Blick
- •Die Rehabilitation sollte mindestens 3 Stunden täglich an mindestens 5 Tagen pro Woche stattfinden.
- •Early Supported Discharge (ESD) ist indiziert, wenn Patienten sich mindestens mit Hilfe in einen Stuhl umsetzen können.
- •Robotik-gestütztes Armtraining wird für die obere Extremität nicht empfohlen.
- •Bei fokaler Spastik der oberen Extremität ist Botulinumtoxin A (Dysport oder Xeomin) eine Therapieoption.
- •Ein standardisiertes Screening auf Kommunikationsstörungen muss innerhalb von 72 Stunden erfolgen.
Hintergrund
Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall erfordert ein koordiniertes, multidisziplinäres Team (MDT). Ziel ist es, funktionelle Einschränkungen frühzeitig zu erkennen und durch zielgerichtete Therapien die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Patienten zu maximieren.
Organisation und Entlassung
Die Behandlung sollte in einer spezialisierten Stroke Unit oder einer neurologischen Rehabilitationsklinik beginnen. Für die Verlegung in das häusliche Umfeld wird das Early Supported Discharge (ESD) empfohlen.
- Voraussetzung für ESD: Der Patient kann sich selbstständig oder mit Hilfe vom Bett in einen Stuhl umsetzen.
- Bedingung: Die Therapie muss zu Hause in der gleichen Intensität fortgeführt werden wie im Krankenhaus.
Therapieintensität
Die Leitlinie fordert eine hohe Frequenz der Rehabilitationsmaßnahmen:
- Mindestens 3 Stunden täglich an mindestens 5 Tagen pro Woche.
- Die Zeit umfasst eine Kombination aus Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie.
- Die Einheiten müssen an die medizinischen Bedürfnisse (z. B. Fatigue) und die Tagesform angepasst werden.
Diagnostik und Assessments
Eine strukturierte Erfassung von Defiziten ist essenziell. Folgende Assessments und Zeitpunkte werden empfohlen:
| Bereich | Empfohlenes Assessment / Tool | Zeitpunkt |
|---|---|---|
| Kommunikation | Standardisiertes Screening-Protokoll | Innerhalb von 72 Stunden |
| Sehen | Orthoptistisches Assessment | So früh wie möglich (vor Entlassung) |
| Hören | Handicap Hearing Inventory, Amsterdam Inventory | Innerhalb der ersten 6 Wochen |
| Fatigue | Fatigue Severity Scale, Fatigue Assessment Scale, Modified Fatigue Impact Scale | Frühphase & 6-Monats-Review |
Motorische Rehabilitation
Die Behandlung motorischer Defizite sollte durch spezialisierte Physiotherapeuten und Ergotherapeuten erfolgen.
| Intervention | Indikation / Kriterien | Bemerkung |
|---|---|---|
| Constraint-induced movement therapy | 20° Handgelenksextension, 10° Fingerextension | Auf Nebenwirkungen (Stürze, Fatigue) achten |
| Spiegeltherapie | Muskelschwäche (obere/untere Extremität) | Start <6 Monate, 30 Min, 5x/Woche über 4 Wochen |
| Laufbandtraining | Gehfähige Patienten (mit/ohne Hilfe) | Auch als Gruppen-Zirkeltraining möglich |
| Robotik-gestütztes Armtraining | Nicht empfohlen | Sollte nicht routinemäßig angeboten werden |
Hinweis zu Orthesen: Handgelenks- und Handorthesen sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden, sondern nur bei spezifischen Risiken (z. B. Kontrakturgefahr bei hoher Spastik).
Management von Spastik und Schmerz
| Symptom | Therapieoptionen | Spezifische Dosierung / Hinweise |
|---|---|---|
| Fokale Spastik (Arm) | Botulinumtoxin A | Dysport (bis 1.000 U) oder Xeomin (bis 400 U) max. alle 3 Monate |
| Generalisierte Spastik | Orales Baclofen | Engmaschiges Monitoring auf Nebenwirkungen |
| Schulterschmerz | Taping, NMES, Corticosteroid-Injektion, Nervenblockade | Positionsanpassung als Basismaßnahme |
Schluckstörungen und Mundpflege
- Mundpflege: Mindestens zweimal täglich Zähne und Zahnfleisch putzen (ggf. elektrisch) zur Prävention von Aspirationspneumonien.
- Dysphagie: Verhaltensübungen (z. B. "Chin tuck") an mindestens 5 Tagen pro Woche anbieten. Medikamentenformen bei Schluckbeschwerden anpassen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie ein Screening auf Kommunikationsstörungen strikt innerhalb der ersten 72 Stunden durch. Planen Sie die Therapieintensität interdisziplinär so, dass der Patient auf mindestens 3 Stunden aktive Therapie pro Tag kommt.