Rehabilitation nach Hirnverletzung: Leitlinie (SIGN)
📋Auf einen Blick
- •Patienten mit leichtem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) sollten beruhigt werden, da unspezifische Symptome meist innerhalb von drei Monaten abklingen.
- •Für die motorische Rehabilitation werden aufgabenspezifische und repetitive Trainingsmethoden empfohlen.
- •Zur Behandlung fokaler Spastik kann Botulinumtoxin (BoNT) im multidisziplinären Setting eingesetzt werden.
- •Bei kognitiven Defiziten (Gedächtnis, Aufmerksamkeit) stehen kompensatorische Strategien zur Bewältigung des Alltags im Vordergrund.
- •Medizinische Ursachen für Agitation (z. B. Schmerzen, Harnverhalt) müssen vor Beginn einer Verhaltenstherapie zwingend ausgeschlossen werden.
Hintergrund
Die erworbene Hirnverletzung (Acquired Brain Injury, ABI) umfasst Schädigungen des Gehirns, die nach der Geburt auftreten. Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Unterform, die durch äußere Krafteinwirkung entsteht. Die Schweregradeinteilung erfolgt klassischerweise über die Glasgow Coma Scale (GCS).
| Schweregrad | GCS-Score |
|---|---|
| Leicht (MTBI) | 13-15 |
| Mittelschwer | 9-12 |
| Schwer | 8 oder weniger |
Leichtes Schädel-Hirn-Trauma (MTBI)
Ein leichtes SHT macht 70-90 % aller SHT-Fälle aus. Häufig treten unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Fatigue, Schlafstörungen und Schwindel auf.
- Empfehlungsgrad B: Patienten mit unspezifischen Symptomen nach leichtem SHT sollten beruhigt werden, dass die Symptome gutartig sind und sich wahrscheinlich innerhalb von drei Monaten zurückbilden.
- Empfehlungsgrad B: Eine routinemäßige kranielle Bildgebung wird in der postakuten Phase nicht empfohlen, sollte aber bei atypischen Verläufen erwogen werden.
- Empfehlungsgrad B: Eine routinemäßige Überweisung zur kognitiven (psychometrischen) Beurteilung wird nach einem MTBI nicht empfohlen.
Körperliche Rehabilitation
Die Wiedererlangung der Mobilität ist ein zentrales Ziel der multidisziplinären Rehabilitation.
- Empfehlungsgrad B: Repetitive, aufgabenspezifische Aktivitäten (z. B. Aufstehen aus dem Sitzen, Feinmotorik) werden zur Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten empfohlen.
- Empfehlungsgrad C: Patienten mit SHT sollten kein Laufbandtraining bevorzugt gegenüber konventionellem Gangtraining auf dem Boden erhalten.
Spastikmanagement
Spastik kann nach einem SHT schwerwiegend sein und erfordert einen multidisziplinären Ansatz.
| Therapieoption | Indikation / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Gipse, Schienen, Dehnung | Bei fortschreitenden Kontrakturen und Deformitäten. | C |
| Botulinumtoxin (BoNT) | Zur Reduktion von Tonus und Deformität bei fokaler Spastik. Einsatz im multidisziplinären Setting. | B |
| Orale Antispastika | Baclofen oder Tizanidin können zur Behandlung der Spastik erwogen werden. | D |
Kognitive Rehabilitation
Kognitive Störungen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen) beeinträchtigen die Rückkehr in den Alltag erheblich. Der Fokus liegt oft auf kompensatorischen Ansätzen.
- Gedächtnis (Grad D): Training von kompensatorischen Gedächtnisstrategien mit klarem Fokus auf die Verbesserung der Alltagsfunktionen (z. B. externe Hilfsmittel bei schweren Defiziten).
- Lernen (Grad B): Techniken des fehlerfreien Lernens sollten bei mittelschweren bis schweren Gedächtnisstörungen erwogen werden.
- Aufmerksamkeit (Grad C): Strategietraining zur Bewältigung von Aufmerksamkeitsproblemen in persönlich relevanten Alltagssituationen.
- Exekutivfunktionen (Grad B): Training metakognitiver Strategien (Planung, Problemlösung, Zielmanagement).
Empfehlungsgrad D: Interventionen für kognitive Defizite sollten im Rahmen eines umfassenden/holistischen neuropsychologischen Rehabilitationsprogramms durch ein interdisziplinäres Team erfolgen.
Verhaltensstörungen und emotionale Probleme
Herausforderndes oder aggressives Verhalten ist eine häufige neurobehaviorale Folge der Hirnverletzung.
- Kernaussage: Vor Beginn einer Verhaltenstherapie müssen medizinisch behebbare Ursachen für Agitation (z. B. Schmerzen, Harnverhalt, Verstopfung, Medikamentenentzug) ausgeschlossen werden.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie bei Patienten mit Agitation oder herausforderndem Verhalten nach Hirnverletzung immer zuerst somatische Ursachen wie Schmerzen, Harnverhalt oder Obstipation ab, bevor Sie psychotrope Medikamente oder Verhaltenstherapien einsetzen.