Rehabilitation nach Intensivmedizin: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Koordination des Rehabilitationspfades durch eine kompetente Fachkraft ist für die Kontinuität der Versorgung essenziell.
- •Bereits auf der Intensivstation muss ein kurzes klinisches Assessment zur Risikoeinschätzung für physische und psychische Morbidität erfolgen.
- •Bei Risikopatienten ist ein umfassendes Assessment zur Festlegung kurz- und mittelfristiger Rehabilitationsziele erforderlich.
- •Vor jeder Verlegung (auf Normalstation oder nach Hause) müssen die Reha-Ziele und Assessments zwingend aktualisiert werden.
- •Eine funktionelle Reevaluation sollte 2 bis 3 Monate nach der Entlassung aus der Intensivpflege stattfinden.
Hintergrund
Jedes Jahr überleben viele Patienten einen Aufenthalt auf der Intensivstation (Critical Care), leiden danach jedoch oft an erheblichen physischen und nicht-physischen (psychologischen, emotionalen, kognitiven) Langzeitfolgen. Die Optimierung der Genesung rückt zunehmend in den Fokus. Die NICE-Leitlinie fordert einen strukturierten Rehabilitationspfad, der von einer kompetenten Fachkraft koordiniert wird, um die Genesung optimal zu unterstützen und Angehörige einzubinden.
Assessments und Definitionen
Die Leitlinie definiert drei zentrale Beurteilungsstufen, die im Verlauf der Genesung angewendet werden:
| Assessment-Typ | Ziel und Inhalt |
|---|---|
| Kurzes klinisches Assessment | Identifikation von Patienten mit Risiko für physische und nicht-physische Morbidität. |
| Umfassendes klinisches Assessment | Detaillierte Ermittlung des aktuellen Rehabilitationsbedarfs bei identifizierten Risikopatienten. |
| Funktionelles Assessment | Untersuchung der alltäglichen funktionellen Fähigkeiten des Patienten vor Entlassung und in der Nachsorge. |
Risikofaktoren für Morbidität
Ein kurzes klinisches Assessment sollte frühzeitig auf folgende Warnzeichen achten, die auf ein erhöhtes Risiko für Langzeitfolgen hindeuten:
| Kategorie | Beispiele für Risikofaktoren |
|---|---|
| Physisch | Unfähigkeit, selbstständig das Bett zu verlassen; erwartete lange Intensivdauer; offensichtliche schwere Verletzungen; Unfähigkeit zur Spontanatmung (≤35% O2); vorbestehende Mobilitätsprobleme. |
| Nicht-physisch | Wiederkehrende Albträume (Patient versucht wach zu bleiben); aufdrängende Erinnerungen/Flashbacks; neue Angst- oder Panikattacken; Weigerung, über die Krankheit zu sprechen. |
Phasen der Rehabilitation
Auf der Intensivstation
- Frühzeitiges kurzes Assessment zur Risikoeinschätzung durchführen.
- Bei Risiko: Umfassendes Assessment durchführen und kurz- sowie mittelfristige Rehabilitationsziele festlegen.
- Rehabilitation so früh wie klinisch möglich beginnen: Dies beinhaltet Maßnahmen zur Prävention, Ernährungsunterstützung und ein individualisiertes, strukturiertes Programm.
- Information: Patienten und Angehörige wiederholt über die kritische Erkrankung, Interventionen, verwendete Geräte und mögliche Langzeitfolgen aufklären.
Vor Verlegung auf die Normalstation
- Erneutes kurzes Assessment für bisherige Niedrigrisiko-Patienten.
- Für Risikopatienten: Umfassendes Re-Assessment mit besonderem Fokus auf physische, sensorische und kommunikative Probleme sowie psychische Symptome (z. B. Delir, Angst, Albträume).
- Reha-Ziele aktualisieren und eine strukturierte Übergabe (Handover) des Reha-Programms an das aufnehmende Stationsteam sicherstellen.
- Aufklärung über die Unterschiede zwischen Intensiv- und Normalstation (Umgebung, Personalbindung, Monitoring).
Auf der Normalstation
- Fortführung des individualisierten, strukturierten Reha-Programms durch ein multidisziplinäres Team.
- Erwägung eines strukturierten, unterstützten Handbuchs zur Selbst-Rehabilitation für mindestens 6 Wochen nach Entlassung aus der Intensivpflege (gesteuert durch eine Fachkraft).
- Bei Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entsprechende Präventionsstrategien einleiten.
Vor der Entlassung nach Hause oder in die Gemeinde
- Durchführung eines funktionellen Assessments zur Überprüfung von physischen, sensorischen und kommunikativen Problemen, Ängsten, Depressionen, Kognition und sozialem Bedarf.
- Reha-Ziele gemeinsam mit dem Patienten (und ggf. Angehörigen) anpassen und die Auswirkungen auf die Alltagsaktivitäten bewerten.
- Sicherstellen, dass alle Entlassungsdokumente und Überweisungen für die Nachsorge abgeschlossen sind.
- Umfassende Information zu Alltagsbewältigung, Ernährung, Rückkehr zur Arbeit, Fahreignung und lokalen Unterstützungsangeboten.
Nachsorge (2 bis 3 Monate nach Entlassung)
- Funktionelles Re-Assessment (Face-to-Face in der Klinik oder Gemeinde) der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse durch eine vertraute Fachkraft.
- Bei verzögerter Genesung oder neu aufgetretener Morbidität: Überweisung an Spezialisten oder Reha-Dienste.
- Gezielte Abklärung von Angststörungen, Depressionen oder PTBS nach dem Stufenmodell.
Symptome der Morbidität im funktionellen Assessment
| Dimension | Mögliche Symptome und Probleme |
|---|---|
| Physisch | Schwäche, Schmerzen, Atemnot, Schluckbeschwerden, Inkontinenz, Unfähigkeit zur Selbstversorgung. |
| Sensorisch / Kommunikation | Seh- oder Hörveränderungen, veränderte Wahrnehmung, Sprach- oder Schreibschwierigkeiten. |
| Psychisch / Kognitiv | Angst, Panik, Vermeidung, Albträume, Flashbacks, Gedächtnisverlust, Verwirrung, Apathie, mangelnde Einsicht. |
| Sozial / Psychosozial | Bedarf an Hilfsmitteln, Wohnraum- oder Finanzprobleme, geringes Selbstwertgefühl, Beziehungsprobleme. |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor jeder Verlegung (von der Intensiv- auf die Normalstation und vor der Entlassung) ein erneutes Assessment durch, da sich der Reha-Bedarf dynamisch ändert. Geben Sie dem Patienten bei Entlassung zwingend eine eigene Kopie des Intensiv-Entlassungsberichts mit.