Rehabilitation bei komplexer Psychose: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Rehabilitation ist indiziert bei therapieresistenten psychotischen Symptomen und funktionellen Beeinträchtigungen.
- •Ein umfassendes biopsychosoziales Assessment muss innerhalb von 4 Wochen nach Aufnahme erfolgen.
- •Die Behandlung erfolgt durch ein multidisziplinäres Team im am wenigsten restriktiven Umfeld.
- •Bei unzureichendem Ansprechen auf Clozapin kann eine Augmentation mit Aripiprazol, Stimmungsstabilisierern oder Antidepressiva erwogen werden.
- •Ein jährlicher körperlicher Gesundheitscheck inklusive EKG und Laborkontrollen ist obligatorisch.
Hintergrund
Als komplexe Psychose wird eine primäre psychotische Erkrankung (z.B. Schizophrenie, bipolare affektive Störung, psychotische Depression, wahnhafte Störungen) bezeichnet, die mit schweren, therapieresistenten Symptomen und funktionellen Beeinträchtigungen einhergeht.
Zusätzlich weisen Betroffene häufig eine oder mehrere der folgenden Begleiterkrankungen auf:
| Kategorie | Beispiele |
|---|---|
| Kognitiv | Kognitive Beeinträchtigungen assoziiert mit der Psychose |
| Psychiatrisch | Substanzmissbrauch, Angststörungen, Depression |
| Neurodevelopmental | Autismus-Spektrum-Störung, ADHS |
| Somatisch | Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, COPD |
Indikation zur Rehabilitation
Eine Rehabilitation sollte so früh wie möglich angeboten werden, sobald therapieresistente Symptome und funktionelle Beeinträchtigungen im Alltag festgestellt werden. Dies gilt unabhängig vom aktuellen Wohnumfeld (stationär oder ambulant).
Besonders indiziert ist die Rehabilitation bei Personen, die:
- Wiederholte Aufnahmen oder verlängerte Aufenthalte in Akutpsychiatrien aufweisen.
- In 24-Stunden-betreuten Einrichtungen leben und deren Unterbringung zu scheitern droht.
Diagnostik und Assessment
Ein umfassendes biopsychosoziales Assessment durch ein multidisziplinäres Team muss innerhalb von 4 Wochen nach Eintritt in die Rehabilitation erfolgen. Neben der psychiatrischen und psychosozialen Anamnese ist ein initialer körperlicher Gesundheitscheck obligatorisch.
| Untersuchungsbereich | Parameter / Maßnahmen |
|---|---|
| Anthropometrie | BMI, Bauchumfang |
| Vitalparameter | Puls, Blutdruck |
| Labor | Blutbild, HbA1c, Lipidprofil, Leber-, Nieren- und Schilddrüsenwerte |
| Spezifisches Labor | Prolaktin (bei entsprechenden Medikamenten), Calcium (bei Lithium) |
| Apparativ | EKG |
| Lebensstil | Rauchen, Alkohol, illegale Substanzen, Ernährung, körperliche Aktivität |
| Weitere | Zahnstatus, Seh-/Hörvermögen, Schluckbeschwerden, sexuelle Gesundheit |
Therapieplanung und Interventionen
Die Behandlungsplanung basiert auf einer gemeinsamen Fallkonzeption (Team Formulation) und muss kollaborativ mit dem Patienten erstellt werden. Die Überprüfung der Care-Pläne erfolgt:
- Stationär: Mindestens monatlich
- Ambulant: Mindestens alle 6 Monate
Multidisziplinäres Team (MDT)
Die Rehabilitation erfordert ein MDT bestehend aus Psychiatern, Psychologen, Pflegekräften, Ergotherapeuten, Sozialarbeitern, Peer-Support-Workern und spezialisierten Apothekern.
Interventionen
- Alltagskompetenzen: Förderung von Selbstversorgung, Budgetierung, Kochen und Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
- Soziale Kompetenzen: Strukturierte Gruppenaktivitäten (stationär täglich, ambulant mind. wöchentlich).
- Berufliche Rehabilitation: Nutzung des Individual Placement and Support (IPS)-Ansatzes für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie sollte optimiert und Polypharmazie nach Möglichkeit vermieden werden. Bei unzureichendem Ansprechen auf eine optimierte Dosis von Clozapin kann eine Augmentation erwogen werden:
| Zielsymptomatik | Empfohlene Augmentation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Schizophrenie / Psychose | Antipsychotikum (z.B. Aripiprazol) | Auf Interaktionen achten |
| Affektive Symptome | Stimmungsstabilisierer | Spiegelkontrollen erforderlich |
| Depressive Symptome | Antidepressivum | Vorsicht bei Manie-Anamnese |
Monitoring von Medikamenten
- Clozapin und Stimmungsstabilisierer: Spiegelbestimmung mindestens jährlich und nach Bedarf.
- Lithium: Spiegelbestimmung alle 3 bis 6 Monate. Nierenfunktion, Schilddrüse und Calcium mindestens alle 6 Monate kontrollieren.
- Prolaktin: Jährlich (oder häufiger bei Symptomen), falls prolaktinsteigernde Medikamente eingenommen werden.
- EKG: Jährlich für alle Patienten in der Rehabilitation (häufiger bei QT-verlängernden Medikamenten).
Körperliche Gesundheit
Patienten mit komplexer Psychose haben eine erhöhte Mortalität durch somatische Begleiterkrankungen.
- Ein jährlicher Gesundheitscheck (analog zum initialen Assessment) ist obligatorisch.
- Rauchentwöhnung: Jedem rauchenden Patienten muss Hilfe angeboten werden.
- Impfungen: Jährliche Grippeimpfung für stationäre Patienten und solche in Gemeinschaftsunterkünften.
💡Praxis-Tipp
Beachten Sie bei Patienten unter Clozapin-Therapie, die das Rauchen reduzieren oder aufgeben, dass der Rauchstopp den Clozapin-Metabolismus signifikant verändert. Passen Sie die Dosis entsprechend an.