Schwangerschaftsabbruch: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Bei Abbrüchen bis einschließlich 11+6 SSW wird keine routinemäßige Anti-D-Prophylaxe mehr empfohlen.
- •Eine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe ist nur beim chirurgischen, nicht aber beim medikamentösen Abbruch indiziert.
- •Bis 23+6 SSW sollte den Patientinnen die Wahl zwischen einem medikamentösen und chirurgischen Abbruch angeboten werden.
- •Die Ausstoßung zu Hause kann beim medikamentösen Abbruch bis einschließlich 10+0 SSW erfolgen.
- •Langwirksame reversible Kontrazeptiva (LARC) sollten idealerweise am Tag des Abbruchs appliziert werden.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie zum Schwangerschaftsabbruch (Abortion care) zielt darauf ab, den Zugang zu Versorgungsangeboten zu erleichtern und Wartezeiten zu minimieren.
- Wartezeiten: Das Assessment sollte idealerweise innerhalb von 1 Woche nach Anfrage erfolgen, der Abbruch innerhalb von 1 Woche nach dem Assessment.
- Zugang: Eine Selbstüberweisung der Patientinnen muss möglich sein. Obligatorische Bedenkzeiten oder verpflichtende Beratungen werden nicht empfohlen.
- Methodenwahl: Bis 23+6 SSW sollte den Frauen die Wahl zwischen einem medikamentösen und chirurgischen Abbruch angeboten werden (sofern klinisch angemessen).
Diagnostik und Vorbereitung
Ein Abbruch kann bereits erwogen werden, bevor ein definitiver Ultraschallnachweis einer intrauterinen Schwangerschaft (Dottersack) vorliegt, sofern keine klinischen Zeichen einer Extrauteringravidität bestehen.
Anti-D-Prophylaxe
| Gestationsalter | Empfehlung zur Anti-D-Prophylaxe |
|---|---|
| ≤ 11+6 SSW | Keine Anti-D-Prophylaxe empfohlen (gemäß WHO-Leitlinie). |
| ≥ 12+0 SSW | Anti-D-Prophylaxe bei Rhesus-D-negativen Patientinnen zeitnah sicherstellen. |
Infektionsprävention
- Medikamentöser Abbruch: Keine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe.
- Chirurgischer Abbruch: Routinemäßige Antibiotikaprophylaxe anbieten.
- Regime-Beispiel: Orales Doxycyclin 100 mg 1-0-1 für 3 Tage. Metronidazol sollte nicht routinemäßig mit Breitbandantibiotika kombiniert werden.
- Allen Patientinnen sollte beim ersten Termin ein HIV-Test angeboten werden.
Medikamentöser Abbruch
Bis 10+0 SSW
Standard ist die Intervallbehandlung (meist 24-48 Stunden) mit Mifepriston und Misoprostol. Bis 9+0 SSW kann eine gleichzeitige Gabe angeboten werden, wobei über ein potenziell höheres Risiko einer intakten Schwangerschaft aufgeklärt werden muss. Die Ausstoßung zu Hause kann bei Einnahme von Mifepriston bis einschließlich 10+0 SSW angeboten werden.
Ab 10+1 SSW
Die Dosierung von Misoprostol wird mit zunehmendem Gestationsalter reduziert, da der Uterus empfindlicher auf Prostaglandine reagiert.
| SSW | Mifepriston | Misoprostol (Startdosis) | Misoprostol (Erhaltungsdosis) |
|---|---|---|---|
| 10+1 bis 23+6 | 200 mg p.o. | 800 µg vag. (oder 600 µg sublingual) nach 36-48h | 400 µg alle 3h bis Ausstoßung |
| 24+0 bis 25+0 | 200 mg p.o. | - | 400 µg alle 3h bis Ausstoßung |
| 25+1 bis 28+0 | 200 mg p.o. | - | 200 µg alle 4h bis Ausstoßung |
| > 28+0 | 200 mg p.o. | - | 100 µg alle 6h bis Ausstoßung |
Chirurgischer Abbruch (Zervix-Priming)
Ein Zervix-Priming reduziert das Risiko eines inkompletten Abbruchs und erleichtert die Dilatation.
| SSW | Empfohlenes Priming-Verfahren |
|---|---|
| ≤ 13+6 | Misoprostol 400 µg (sublingual 1h vorher ODER vaginal 3h vorher). Alternativ: Mifepriston 200 mg p.o. 24-48h vorher. |
| 14+0 bis 16+0 | Osmotische Dilatatoren ODER Misoprostol ODER Mifepriston 200 mg p.o. am Vortag. |
| 16+1 bis 19+0 | Osmotische Dilatatoren ODER Misoprostol. |
| 19+1 bis 23+6 | Osmotische Dilatatoren (ggf. plus Mifepriston 200 mg p.o. am Vortag). |
Hinweis zur Anästhesie: Es können Lokalanästhesie, bewusste Sedierung (bevorzugt i.v.), tiefe Sedierung oder Allgemeinanästhesie (bevorzugt Propofol + kurzwirksames Opioid) eingesetzt werden.
Kontrazeption nach Abbruch
Die gesamte Bandbreite an reversiblen Kontrazeptiva sollte am Tag des Abbruchs zur Verfügung stehen.
- Implantat: Einlage am Tag des chirurgischen Abbruchs oder am Tag der Mifepriston-Einnahme.
- Intrauterinpessar (IUP): Einlage zeitgleich mit dem chirurgischen Abbruch oder so bald wie möglich nach der Ausstoßung beim medikamentösen Abbruch.
- DMPA-Injektion: Kann zeitgleich mit Mifepriston verabreicht werden (Hinweis auf leicht erhöhtes Risiko einer intakten Schwangerschaft).
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Abbrüchen bis 11+6 SSW auf die routinemäßige Bestimmung der Blutgruppe und die Anti-D-Prophylaxe, um Verzögerungen im Ablauf zu vermeiden.