Schwangerschaftsabbruch: Aktuelle WHO-Leitlinie (2025)
📋Auf einen Blick
- •Die WHO empfiehlt die vollständige Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und den Zugang auf Wunsch der Schwangeren.
- •Ein routinemäßiger Ultraschall vor dem Abbruch ist medizinisch nicht zwingend erforderlich.
- •Bei einem Abbruch < 12 Wochen wird die Gabe von Anti-D-Immunglobulin nicht empfohlen.
- •Eine Antibiotikaprophylaxe ist nur beim operativen, nicht aber beim medikamentösen Abbruch indiziert.
- •Für den operativen Abbruch < 14 Wochen ist die Vakuumaspiration (VA) Methode der Wahl; die scharfe Kürettage (D&C) wird nicht empfohlen.
- •Telemedizin und das Selbstmanagement des medikamentösen Abbruchs (< 12 Wochen) gelten als sichere und empfohlene Versorgungsansätze.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie "Abortion care guideline" (2. Edition, 2025) definiert evidenzbasierte Standards für den sicheren Schwangerschaftsabbruch (Comprehensive Abortion Care). Ziel ist eine qualitativ hochwertige, patientenzentrierte Versorgung, die medikamentöse und operative Verfahren, Post-Abortion-Care sowie rechtliche Rahmenbedingungen umfasst.
Rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen
Die WHO betont, dass rechtliche Barrieren den Zugang zu sicheren Abbrüchen verhindern und die Müttersterblichkeit erhöhen. Folgende Restriktionen sollten abgeschafft werden:
- Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs
- Indikationsbasierte Modelle (Zugang sollte auf Wunsch der Schwangeren erfolgen)
- Gestationsaltersgrenzen
- Verpflichtende Wartezeiten
- Zustimmungspflicht durch Dritte (z. B. Partner oder Eltern)
Prä-Abortion-Care (Vorbereitung)
| Maßnahme | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Ultraschall | Nicht routinemäßig empfohlen | Kein zwingendes Erfordernis zur Bestimmung des Gestationsalters vor einem Abbruch. |
| Anti-D-Immunglobulin | Nicht empfohlen bei < 12 Wochen | Standardversorgung gilt erst ab ≥ 12 Wochen. |
| Antibiotikaprophylaxe | Nur bei operativem Abbruch | Prä- oder perioperativ empfohlen. Beim medikamentösen Abbruch nicht indiziert. |
| Zervix-Priming | Empfohlen | Vor operativen Eingriffen (medikamentös oder mit osmotischen Dilatatoren ab ≥ 12 Wochen). |
Schmerztherapie
Eine adäquate Schmerztherapie muss routinemäßig angeboten werden:
- Basismaßnahme: NSAR (z. B. Ibuprofen) für alle medikamentösen und operativen Abbrüche.
- Operativer Abbruch: Parazervikaler Block empfohlen. Eine routinemäßige Vollnarkose wird nicht empfohlen. Bei Verfügbarkeit kann eine bewusste Sedierung (Conscious Sedation) ergänzt werden.
- Medikamentöser Abbruch ≥ 12 Wochen: Zusätzliche Methoden wie Antiemetika oder Epiduralanästhesie erwägen.
Methoden des Schwangerschaftsabbruchs
Medikamentöser Abbruch
| Gestationsalter | Empfohlenes Schema | Alternative |
|---|---|---|
| < 12 Wochen | Mifepriston 200 mg p.o., nach 24-48h Misoprostol 800 µg (vaginal/sublingual/bukkal) | Misoprostol 800 µg allein ODER Letrozol + Misoprostol |
| ≥ 12 Wochen | Mifepriston 200 mg p.o., nach 24-48h Misoprostol 400 µg alle 3h (vaginal/sublingual/bukkal) | Misoprostol 400 µg alle 3h |
Hinweis: Bei Missed Abortion (< 14 Wochen) und intrauterinem Fruchttod (IUFD, 14-28 Wochen) wird ebenfalls die Kombination aus Mifepriston und Misoprostol gegenüber Misoprostol allein bevorzugt.
Operativer Abbruch
| Gestationsalter | Methode der Wahl | Nicht empfohlen |
|---|---|---|
| < 14 Wochen | Vakuumaspiration (VA) | Dilatation und scharfe Kürettage (D&C) |
| ≥ 14 Wochen | Dilatation und Evakuierung (D&E) | - |
Post-Abortion-Care und Kontrazeption
Ein routinemäßiger Follow-up-Besuch nach einem unkomplizierten Abbruch ist medizinisch nicht erforderlich. Patientinnen müssen jedoch über Warnsignale (z. B. anhaltend starke Blutung, Fieber) aufgeklärt werden.
Mit der Kontrazeption kann unmittelbar begonnen werden:
- Hormonelle Methoden: Können sofort gestartet werden (z. B. am Tag der Mifepriston-Einnahme oder direkt postoperativ).
- Intrauterinpessare (IUD): Einlage direkt nach dem operativen Abbruch oder nach Feststellung des erfolgreichen medikamentösen Abbruchs.
Telemedizin und Selbstmanagement
Die WHO empfiehlt Telemedizin als vollwertige Alternative zu Vor-Ort-Terminen für die Beurteilung, Begleitung und Nachsorge des medikamentösen Abbruchs. Zudem wird das Selbstmanagement des medikamentösen Abbruchs bei < 12 Wochen (Selbsteinschätzung der Eignung, eigenständige Einnahme der Medikamente ohne direkte Aufsicht, Erfolgskontrolle) ausdrücklich als sichere Option empfohlen, sofern Zugang zu korrekten Informationen und bei Bedarf zu medizinischer Hilfe besteht.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei einem Schwangerschaftsabbruch < 12 Wochen auf die routinemäßige Gabe von Anti-D-Immunglobulin und fordern Sie keinen obligatorischen Ultraschall, sofern dies klinisch nicht zwingend notwendig ist.