WHO-Leitlinie 2022: Schwangerschaftsabbruch (Abortion Care)
📋Auf einen Blick
- •Die WHO empfiehlt die vollständige Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und den Zugang auf Wunsch der Schwangeren.
- •Routinemäßige Ultraschalluntersuchungen und die Anti-D-Prophylaxe bei <12 Wochen werden nicht empfohlen.
- •Für den medikamentösen Abbruch ist die Kombination aus Mifepriston und Misoprostol der Monotherapie überlegen.
- •Für den operativen Abbruch <14 Wochen wird die Vakuumaspiration empfohlen; die scharfe Kürettage (D&C) wird ausdrücklich abgelehnt.
- •Telemedizin und das Selbstmanagement des medikamentösen Abbruchs (bis 12 Wochen) sind sichere und empfohlene Versorgungsansätze.
Hintergrund
Weltweit enden 3 von 10 Schwangerschaften in einem induzierten Abbruch. Da schätzungsweise 45 % dieser Abbrüche unter unsicheren Bedingungen stattfinden, hat die WHO die "Abortion care guideline" (2022) veröffentlicht. Ziel ist es, eine sichere, evidenzbasierte und entkriminalisierte Versorgung (Comprehensive Abortion Care) zu gewährleisten.
Rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen
Die WHO positioniert sich klar zu den rechtlichen Rahmenbedingungen, da diese direkten Einfluss auf die Sicherheit und Gesundheit der Schwangeren haben:
- Empfohlen wird die vollständige Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.
- Nicht empfohlen werden gesetzliche Fristenregelungen (Gestational age limits).
- Nicht empfohlen werden obligatorische Wartezeiten oder die Notwendigkeit der Zustimmung Dritter (z. B. Partner, Eltern, Gerichte).
- Der Abbruch sollte auf Wunsch der Schwangeren zugänglich sein.
Prä-Abortion-Care und Diagnostik
Vor einem Abbruch sollten unnötige medizinische Hürden vermieden werden.
| Maßnahme | Empfehlung der WHO | Bemerkung |
|---|---|---|
| Ultraschall | Nicht routinemäßig empfohlen | Nur bei spezifischer klinischer Indikation erforderlich. |
| Anti-D-Prophylaxe | Nicht empfohlen bei <12 Wochen | Ab ≥12 Wochen gilt der Standard of Care. |
| Antibiotika-Prophylaxe | Empfohlen bei operativem Abbruch | Prä- oder perioperativ. |
| Antibiotika-Prophylaxe | Nicht empfohlen bei medikamentösem Abbruch | - |
Schmerzmanagement
Ein adäquates Schmerzmanagement ist essenziell. Die routinemäßige Gabe von Vollnarkosen wird nicht empfohlen.
- Medikamentöser Abbruch: Routinemäßiges Angebot von Schmerzmitteln (z. B. NSAR wie Ibuprofen). Bei ≥12 Wochen können zusätzlich Antiemetika oder Periduralanästhesie erwogen werden.
- Operativer Abbruch: Routinemäßiges Angebot von Schmerzmitteln (z. B. NSAR). Zusätzlich wird ein Parazervikalblock (ggf. in Kombination mit bewusster Sedierung) empfohlen.
Methoden des Schwangerschaftsabbruchs
Medikamentöser Abbruch
Die Kombinationstherapie ist wirksamer als Misoprostol allein. Das Gewebe sollte wie anderes biologisches Material behandelt werden, sofern die Patientin keinen anderen Wunsch äußert.
| Gestationsalter | Empfohlenes Regime | Alternative |
|---|---|---|
| < 12 Wochen | 200 mg Mifepriston oral, nach 24-48h 800 µg Misoprostol (vaginal, sublingual oder bukkal) | 800 µg Misoprostol allein ODER Letrozol (3 Tage 10 mg) + Misoprostol |
| ≥ 12 Wochen | 200 mg Mifepriston oral, nach 24-48h 400 µg Misoprostol alle 3h | 400 µg Misoprostol alle 3h allein |
Operativer Abbruch
| Gestationsalter | Empfohlene Methode | Nicht empfohlen |
|---|---|---|
| < 14 Wochen | Vakuumaspiration (manuell oder elektrisch) | Scharfe Kürettage (D&C) |
| ≥ 14 Wochen | Dilatation und Evakuierung (D&E) | - |
Hinweis zur Zervix-Priming: Vor operativen Abbrüchen <12 Wochen kann ein medikamentöses Priming (Mifepriston und/oder Misoprostol) erfolgen; osmotische Dilatatoren werden hier nicht empfohlen. Bei ≥14 Wochen wird ein Priming mit osmotischen Dilatatoren plus Medikation empfohlen.
Post-Abortion-Care und Kontrazeption
Nach einem unkomplizierten Abbruch ist ein routinemäßiger Follow-up-Besuch medizinisch nicht erforderlich. Patientinnen müssen jedoch über Warnsignale (z. B. anhaltend starke Blutungen, Fieber) aufgeklärt werden.
Kontrazeption:
- Hormonelle Kontrazeptiva (Pille, Pflaster, Ring, Implantat, Injektion) können sofort (MEC Kategorie 1) nach dem operativen Abbruch oder mit der ersten Pille des medikamentösen Abbruchs gestartet werden.
- Intrauterinpessare (IUDs) können sofort nach einem operativen Abbruch oder nach Feststellung des erfolgreichen medikamentösen Abbruchs eingelegt werden (Ausnahme: septischer Abort).
Telemedizin und Selbstmanagement
Die WHO empfiehlt Telemedizin als Alternative zu persönlichen Konsultationen für den medikamentösen Abbruch. Zudem wird für Abbrüche <12 Wochen das Selbstmanagement (Selbsteinschätzung der Eignung, Einnahme der Medikamente ohne direkte Aufsicht und Selbsteinschätzung des Erfolgs) ausdrücklich als Option empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Abbrüchen <12 Wochen auf die routinemäßige Anti-D-Prophylaxe und fordern Sie keinen routinemäßigen Ultraschall vor dem Eingriff, sofern keine spezifische klinische Indikation vorliegt.