Kaiserschnitt (Sectio): Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Dringlichkeit der Sectio wird in vier Kategorien eingeteilt (Kategorie 1 erfordert eine Entbindung innerhalb von 30 Minuten).
- •Bei mütterlichem Wunsch nach einer Sectio ohne medizinische Indikation soll nach ausführlicher Beratung dem Wunsch entsprochen werden.
- •Die prophylaktische Antibiotikagabe muss zwingend vor dem Hautschnitt erfolgen (ohne Co-Amoxiclav).
- •Zur Hautdesinfektion wird alkoholbasiertes Chlorhexidin empfohlen, bei vorzeitigem Blasensprung zusätzlich eine vaginale Vorbereitung mit Povidon-Jod.
- •Die postoperative Schmerztherapie basiert primär auf intrathekalem/epiduralem Diamorphin oder Morphin sowie Paracetamol kombiniert mit NSAR.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie fasst die evidenzbasierten Empfehlungen zur Planung, Durchführung und Nachsorge der Sectio caesarea (Kaiserschnitt) zusammen. Sie zielt darauf ab, die Konsistenz und Qualität der Versorgung für Schwangere zu verbessern.
Indikationen und Planung
Die Entscheidung zum Geburtsmodus soll frühzeitig und partizipativ getroffen werden. Spezifische klinische Situationen erfordern ein differenziertes Vorgehen:
- Beckenendlage: Ab 36+0 SSW soll eine äußere Wendung angeboten werden. Vor einer geplanten Sectio ist ein Ultraschall zur Lagekontrolle durchzuführen.
- Placenta praevia/accreta: Bei Placenta praevia wird die Sectio empfohlen. Bei Verdacht auf Placenta accreta (Ultraschall in der 28.-29. SSW) muss die Überweisung in ein Spezialzentrum erfolgen.
- Mütterliche Infektionen: Ein primärer Herpes genitalis im 3. Trimenon sowie eine Koinfektion von HIV und Hepatitis C sind Indikationen zur Sectio. Hepatitis B oder C allein rechtfertigen keine geplante Sectio.
- Adipositas: Ein BMI > 50 kg/m² ist für sich allein keine Indikation zur geplanten Sectio.
Mütterlicher Wunsch nach Sectio
Besteht keine medizinische Indikation, sollen die Gründe für den Wunsch exploriert und Alternativen besprochen werden. Bei Tokophobie ist psychologische Unterstützung anzubieten. Bleibt der Wunsch bestehen, ist dieser zu respektieren und die Sectio in der eigenen Klinik durchzuführen.
Dringlichkeitskategorien
Zur klaren Kommunikation im interdisziplinären Team wird die Dringlichkeit standardisiert klassifiziert:
| Kategorie | Definition | Zielzeit (Entscheidung bis Geburt) |
|---|---|---|
| 1 | Unmittelbare Lebensgefahr für Mutter oder Fetus (z.B. Uterusruptur, Nabelschnurvorfall, fetale Bradykardie) | < 30 Minuten |
| 2 | Mütterliche oder fetale Gefährdung, nicht unmittelbar lebensbedrohlich | < 75 Minuten |
| 3 | Keine Gefährdung, aber frühe Entbindung erforderlich | - |
| 4 | Elektiv (angepasst an Mutter/Klinik) | - |
Präoperative Vorbereitung und Anästhesie
- Anästhesieverfahren: Die Regionalanästhesie ist der Allgemeinanästhesie vorzuziehen.
- Lagerung: Linksseitenlage (bis 15 Grad) zur Vermeidung eines Vena-cava-Kompressionssyndroms.
- Kreislaufmanagement: Bei Spinalanästhesie prophylaktische Phenylephrin-Infusion starten (Ziel: RR > 90% des Ausgangswerts).
- Medikation: Gabe von Antazida (z.B. PPI) und Antiemetika vor der Sectio.
- Wärmemanagement: IV-Flüssigkeiten auf 37°C und Spüllösungen auf 38-40°C anwärmen.
Operationstechnik
Die Leitlinie empfiehlt standardisierte chirurgische Schritte zur Reduktion von Morbidität und Infektionen:
| OP-Schritt | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Hautdesinfektion | Alkoholbasiertes Chlorhexidin | Reduziert Wundinfektionen |
| Vaginale Vorbereitung | Wässriges Povidon-Jod | Indiziert bei vorzeitigem Blasensprung |
| Hautschnitt | Tiefer, transversaler, gerader Schnitt | Bei BMI > 40 kg/m² ggf. höherer Schnitt |
| Uterusinzision | Stumpfe Erweiterung | Reduziert Blutverlust und Transfusionsbedarf |
| Plazentalösung | Kontrollierter Schnurzug | Keine manuelle Lösung (Infektionsrisiko) |
| Uterusverschluss | Ein- oder zweischichtig | Intraperitoneale Naht |
| Peritoneum | Nicht nähen | Weder viszeral noch parietal (spart OP-Zeit/Schmerzmittel) |
| Subkutangewebe | Nur bei > 2 cm Fettschicht nähen | Keine routinemäßigen Wunddrainagen |
| Antibiotika | Vor dem Hautschnitt | Kein Co-Amoxiclav verwenden |
Postoperative Überwachung und Schmerztherapie
Überwachung
Nach rückenmarksnaher Opioidgabe (Diamorphin oder Morphin) muss bei Patientinnen mit Risikofaktoren für eine Atemdepression eine stündliche Kontrolle von Atemfrequenz, Sedierung und O2-Sättigung für mindestens 12 Stunden erfolgen.
Schmerztherapie
| Medikament | Applikation | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Diamorphin | Intrathekal (bis 300 µg) / Epidural (bis 3 mg) | Mittel der 1. Wahl zur Reduktion des postoperativen Bedarfs |
| Morphin (ohne Konservierungsstoffe) + Fentanyl | Intrathekal (bis 100 µg Morphin + 15 µg Fentanyl) | Alternative bei Diamorphin-Mangel |
| Paracetamol + NSAR (z.B. Ibuprofen) | Oral | Basisschmerztherapie zur Opioid-Einsparung |
| Codein / Co-Codamol | Oral | Kontraindiziert in der Stillzeit (Gefahr der Atemdepression beim Neugeborenen) |
Vaginale Geburt nach Sectio (VBAC)
Frauen, die eine vaginale Geburt nach vorheriger Sectio planen, sollen kontinuierlich per CTG überwacht werden. Die Entbindung darf nur in Kliniken stattfinden, die über eine sofortige Sectio-Bereitschaft und eine Blutbank verfügen.
💡Praxis-Tipp
Verabreichen Sie die Antibiotikaprophylaxe zwingend vor dem Hautschnitt (ohne Co-Amoxiclav) und verzichten Sie auf den Verschluss des Peritoneums, um OP-Zeit und postoperativen Schmerzmittelbedarf zu reduzieren.