Multiple Sklerose (MS): Aktuelle Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose der MS erfolgt durch einen Neurologen basierend auf den revidierten McDonald-Kriterien (2017).
- •Ein akuter Schub wird primär mit oralem Methylprednisolon (0,5 g/Tag für 5 Tage) behandelt.
- •Zur medikamentösen Behandlung der MS-Fatigue können Off-Label Amantadin, Modafinil oder SSRI erwogen werden.
- •Bei Spastik ist orales Baclofen die Therapie der ersten Wahl, gefolgt von Gabapentin.
- •MS-Patienten sollten mindestens einmal jährlich ein umfassendes multidisziplinäres Review erhalten.
Hintergrund
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die aktuelle NICE-Leitlinie fokussiert sich auf die Diagnostik, Symptomkontrolle und das Management von Schüben bei Erwachsenen.
Modifizierbare Risikofaktoren:
- Sport: Regelmäßige körperliche Aktivität wird empfohlen und hat keine schädlichen Auswirkungen auf die MS.
- Rauchen: Patienten sollten das Rauchen aufgeben, da es die Progression der Behinderung beschleunigt.
- Impfungen: Standardimpfungen sollten gemäß den aktuellen Empfehlungen durchgeführt werden.
Diagnostik
Die Präsentation der MS ist vielfältig. Häufige Erstsymptome sind Visusverlust auf einem Auge (mit schmerzhaften Augenbewegungen), Doppelbilder, aufsteigende Sensibilitätsstörungen, Lhermitte-Zeichen oder progrediente Gangstörungen.
Die Diagnose wird durch einen Neurologen anhand der revidierten McDonald-Kriterien (2017) gestellt. Dies umfasst:
- Anamnese und klinische Untersuchung
- MRT-Befunde (Nachweis der zeitlichen und räumlichen Dissemination)
- Liquordiagnostik (oligoklonale Banden), falls die MRT-Kriterien für die zeitliche Dissemination nicht erfüllt sind.
Wichtig: Die Diagnose darf nicht allein auf Basis von MRT-Befunden gestellt werden.
Schubtherapie
Ein Schub ist definiert als das Auftreten neuer oder die Verschlechterung bestehender Symptome über mehr als 24 Stunden (nach einer stabilen Phase von mindestens 1 Monat) und in Abwesenheit von Infektionen.
| Therapie | Dosierung | Indikation |
|---|---|---|
| Methylprednisolon p.o. | 0,5 g/Tag für 5 Tage | Primäre Schubtherapie |
| Methylprednisolon i.v. | 1 g/Tag für 3-5 Tage | Bei Versagen der oralen Therapie oder schwerem Schub |
Bemerkung: Patienten sollten keine Steroide zur Selbstverabreichung für zukünftige Schübe mit nach Hause bekommen.
Symptomkontrolle
Fatigue
Vor der Behandlung einer MS-assoziierten Fatigue müssen andere Ursachen (z. B. Schlafstörungen, Depressionen, Schilddrüsenfehlfunktionen) ausgeschlossen werden.
| Wirkstoff | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Amantadin | MS-Fatigue | Off-Label |
| Modafinil | MS-Fatigue | Off-Label, kontraindiziert bei (geplanter) Schwangerschaft |
| SSRI | MS-Fatigue | Off-Label, niedrigste wirksame Dosis |
Hinweis: Vitamin-B12-Injektionen und hyperbare Sauerstofftherapie werden zur Behandlung der Fatigue nicht empfohlen.
Spastik
Die Therapie der Spastik sollte individuell abgewogen werden, da einige Patienten den erhöhten Muskeltonus zur Erhaltung ihrer Haltung oder Mobilität benötigen.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | Baclofen p.o. | Dosis schrittweise in 2-Wochen-Intervallen steigern |
| 2. Wahl | Gabapentin | Off-Label, bei Unverträglichkeit/Wirkverlust von Baclofen |
| Kombination | Baclofen + Gabapentin | Wenn Monotherapie unzureichend ist |
Weitere Symptome
- Oszillopsie: 1. Wahl Gabapentin, 2. Wahl Memantin.
- Emotionale Labilität: Amitriptylin erwägen.
- Mobilität: Fampridin wird aufgrund mangelnder Kosteneffizienz nicht empfohlen. Vestibuläre Rehabilitation und überwachte Trainingsprogramme sind indiziert.
Schwangerschaft und Familienplanung
MS stellt kein Hindernis für die Familienplanung dar. Wichtige Beratungspunkte:
- Die Fruchtbarkeit wird durch MS nicht beeinträchtigt.
- Eine Schwangerschaft erhöht nicht das Risiko für eine Krankheitsprogression.
- Die Schubrate kann während der Schwangerschaft sinken, jedoch 3 bis 6 Monate postpartal ansteigen.
- Stillen ist sicher (sofern keine kontraindizierten krankheitsmodifizierenden Therapien eingenommen werden).
Jährliches Review
Alle Patienten sollten mindestens einmal jährlich ein umfassendes Review durch ein multidisziplinäres Team erhalten. Dieses umfasst die Beurteilung von MS-Symptomen (Mobilität, Blase/Darm, Kognition, Fatigue), dem Krankheitsverlauf (Schübe, Progression), der allgemeinen Gesundheit sowie sozialen und pflegerischen Bedürfnissen.
💡Praxis-Tipp
Schließen Sie bei Verdacht auf einen MS-Schub immer zuerst einen Infekt (insbesondere Harnwegs- oder Atemwegsinfekte) als Trigger aus, bevor Sie eine hochdosierte Steroidtherapie einleiten.