Neurologische Symptome: Überweisung & Diagnostik (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Plötzlicher Schwindel mit fokalen Ausfällen erfordert den sofortigen Ausschluss eines posterioren Schlaganfalls (z. B. mittels HINTS-Test).
- •Rasch progrediente symmetrische Paresen oder Sensibilitätsstörungen sind neurologische Notfälle und erfordern eine sofortige Überweisung.
- •Bei Kindern unter 12 Jahren mit Synkopen (Blackouts) ist immer eine dringende pädiatrische Vorstellung indiziert.
- •Funktionelle neurologische Störungen können rezidivierende Symptome wie Schwindel oder Paresen erklären und erfordern bei bekannten Patienten oft keine Neuüberweisung.
- •Ein neu aufgetretenes Schielen mit Verlust des Rotreflexes bei Kindern muss sofort ophthalmologisch abgeklärt werden.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG127 bietet eine umfassende Hilfestellung für die primärärztliche Erkennung und Überweisung von Patienten mit Verdacht auf neurologische Erkrankungen. Sie unterscheidet zwischen Erwachsenen (ab 16 Jahren) und Kindern und definiert klare Zeitfenster für die fachärztliche Vorstellung, um lebensbedrohliche Pathologien rechtzeitig zu erkennen und unnötige Überweisungen bei benignen Ursachen zu vermeiden.
Überweisungskategorien
Die Leitlinie definiert folgende Dringlichkeitsstufen für die Überweisung:
| Kategorie | Zeitfenster | Bedeutung |
|---|---|---|
| Sofortige Überweisung (Refer immediately) | Innerhalb weniger Stunden | Akuter Notfall, sofortige Vorstellung erforderlich |
| Dringende Überweisung (Refer urgently) | Innerhalb von 2 Wochen | Zeitnahe fachärztliche Abklärung notwendig |
| Routine-Überweisung (Refer) | Reguläre Wartezeit | Nicht-akute, aber abklärungsbedürftige Symptomatik |
Schwindel und Vertigo (Erwachsene)
Die Differenzierung von Schwindel ist essenziell, um lebensbedrohliche zentrale Ursachen von benignen peripheren Störungen abzugrenzen.
- Plötzlicher Schwindel mit fokalen Defiziten: (z. B. vertikaler Nystagmus, neue Hörminderung). Bei Diabetikern Hypoglykämie ausschließen. Sonst sofortige Überweisung zum Ausschluss eines posterioren Schlaganfalls.
- Akutes vestibuläres Syndrom: Durchführung des HINTS-Tests (Head-Impulse, Nystagmus, Test-of-Skew) durch geschultes Personal.
- Lagerungsschwindel: Bei Verdacht Hallpike-Manöver durchführen. Bei Bestätigung (BPPV) Epley-Manöver anbieten.
| HINTS-Test Befund | Klinische Konsequenz |
|---|---|
| Negativ | Schlaganfall sehr unwahrscheinlich |
| Positiv (normaler Kopfimpulstest, richtungswechselnder Nystagmus oder Skew Deviation) | Sofortige Überweisung zur Neurobildgebung (Verdacht auf Schlaganfall) |
Paresen und Gangunsicherheit (Erwachsene)
- Plötzliche Paresen: Auch bei isolierter Handparese an Schlaganfall oder TIA denken.
- Rasch progrediente symmetrische Schwäche: (innerhalb von 4 Wochen) Sofortige Überweisung zur Beurteilung der bulbären und respiratorischen Funktion.
- Rasch progrediente Gangataxie: (Tage bis Wochen) Überweisung über den Verdacht-auf-Krebs-Pfad.
- Allmählich progrediente Gangataxie: Alkoholanamnese erheben, Schilddrüsenfunktion, Vitamin B12/Folsäure und Zöliakie-Serologie prüfen.
Gesichtsschmerz und Sensibilitätsstörungen (Erwachsene)
- Gesichtsschmerz mit Taubheit: Bei persistierender Taubheit oder neurologischen Ausfällen Überweisung über den Verdacht-auf-Krebs-Pfad.
- Verdacht auf Arteriitis temporalis: Bei Kopfhautempfindlichkeit oder Kieferclaudicatio lokale Pfade folgen. Wichtig: Eine normale BSG schließt die Diagnose nicht aus!
- Rasch progrediente symmetrische Taubheit/Schwäche: (Stunden bis Tage) Sofortige Überweisung (Verdacht auf Guillain-Barré-Syndrom oder Myelitis).
Funktionelle neurologische Störungen
Bei Patienten mit fachärztlich gesicherter funktioneller neurologischer Störung können Symptome wie Schwindel, Paresen, Gedächtnisprobleme oder Kribbeln rezidivieren.
- Keine routinemäßige Neuüberweisung erforderlich, wenn keine neuen neurologischen Zeichen vorliegen.
- Patienten aufklären, dass Symptome fluktuieren, sich im Laufe der Zeit verändern und bei Stress zunehmen können.
Pädiatrische Neurologie (Kinder unter 16 Jahren)
Kopfschmerzen bei Kindern
| Alter / Symptom | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|
| Unter 4 Jahre | Dringende Überweisung zur neurologischen Beurteilung |
| Unter 12 Jahre mit Red Flags* | Sofortige Überweisung (Am selben Tag) |
| Rezidivierende Kopfschmerzen | Fundoskopie durchführen/veranlassen. Blutdruck messen. |
Red Flags bei Kindern < 12 Jahren: Nächtliches Erwachen durch Schmerz, morgendlicher Schmerz, Verschlimmerung durch Husten/Niesen/Bücken, Fieber/Meningismus, Erbrechen, Ataxie, Bewusstseinsveränderung, Auftreten < 5 Tage nach Schädeltrauma, Schielen.
Blackouts und Synkopen (Kinder)
- Kinder < 12 Jahre: Bei jedem Blackout dringende Überweisung zur pädiatrischen Beurteilung.
- Kinder > 12 Jahre: Bei klaren Zeichen einer vasovagalen Synkope (auch mit kurzen Myoklonien) keine Routineüberweisung nötig.
Kopfumfang und Kopfform (Kinder < 4 Jahre)
| Befund | Maßnahme |
|---|---|
| < 2. Perzentile | Pädiatrische Überweisung |
| Abweichung um ≥ 2 Perzentilenlinien | Pädiatrische Überweisung + Bildgebung (Ausschluss Hydrozephalus/Mikrozephalie) |
| > 98. Perzentile (stabil, normal entwickelt) | Familiäre Makrozephalie prüfen, keine Routineüberweisung |
Schielen (Strabismus)
- Neu aufgetretenes Schielen + Verlust des Rotreflexes: Sofortige Überweisung in die Ophthalmologie (Verdacht auf Retinoblastom).
- Neu aufgetretenes Schielen + Ataxie/Erbrechen/Kopfschmerz: Sofortige Überweisung in die Akutpädiatrie.
- Paralytisches Schielen: Dringende Überweisung zur neurologischen Abklärung.
💡Praxis-Tipp
Eine normale Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) schließt eine Arteriitis temporalis bei älteren Patienten mit neu aufgetretenem Gesichtsschmerz oder Kieferclaudicatio nicht aus. Führen Sie zudem bei Kindern mit rezidivierenden Kopfschmerzen immer eine Fundoskopie durch und messen Sie den Blutdruck.