Atopisches Ekzem bei Kindern: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert eine juckende Hauterkrankung plus mindestens drei spezifische Nebenkriterien (z.B. Beugedermatitis, trockene Haut).
- •Emollientien sind die Basistherapie (250–500 g/Woche) und sollten auch in symptomfreien Intervallen angewendet werden. Badezusätze werden nicht mehr empfohlen.
- •Die Therapie erfolgt nach einem Stufenschema, das sich nach dem Schweregrad (mild, moderat, schwer) richtet.
- •Topische Kortikosteroide sind der Schwere anzupassen; im Gesicht und am Hals primär milde Präparate verwenden.
- •Bei Verdacht auf Eczema herpeticum muss eine sofortige Überweisung erfolgen und systemisches Aciclovir angesetzt werden.
Hintergrund
Das atopische Ekzem (Neurodermitis) ist eine chronisch-entzündliche, juckende Hauterkrankung, die meist in der frühen Kindheit beginnt. Sie verläuft typischerweise in Schüben. Ein genetisch bedingter Defekt der Hautbarriere macht die Haut anfällig für Triggerfaktoren wie Irritanzien und Allergene. Kinder mit atopischem Ekzem entwickeln häufig im Verlauf Asthma, allergische Rhinitis oder Nahrungsmittelallergien.
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Bei asiatischen, schwarzafrikanischen oder karibischen Kindern können häufiger die Streckseiten betroffen sein, zudem treten öfter diskoide oder follikuläre Muster auf.
| Kriterium | Beschreibung |
|---|---|
| Hauptkriterium | Juckende Hauterkrankung |
| Nebenkriterien (≥ 3 erforderlich) | 1. Sichtbare Beugedermatitis (bei <18 Mon. auch Wangen/Streckseiten)<br>2. Anamnestische Beugedermatitis (bei <18 Mon. auch Wangen/Streckseiten)<br>3. Trockene Haut in den letzten 12 Monaten<br>4. Asthma oder allergische Rhinitis (bei <4 J. atopische Erkrankung bei Verwandten 1. Grades)<br>5. Symptombeginn vor dem 2. Lebensjahr (nicht anwendbar bei <4 J.) |
Schweregrad und Assessment
Die Beurteilung sollte ganzheitlich erfolgen und neben dem Hautbefund auch die Lebensqualität und psychosoziale Aspekte berücksichtigen.
| Schweregrad | Hautbefund | Einfluss auf Lebensqualität |
|---|---|---|
| Erscheinungsfrei | Normale Haut, kein aktives Ekzem | Keiner |
| Mild | Trockene Haut, seltener Juckreiz, evtl. leichte Rötung | Geringer Einfluss auf Alltag und Schlaf |
| Moderat | Trockene Haut, häufiger Juckreiz, Rötung, evtl. Exkoriation/Verdickung | Moderater Einfluss, häufig gestörter Schlaf |
| Schwer | Ausgedehnte trockene Haut, ständiger Juckreiz, Rötung, Nässen, Risse | Starke Einschränkung, nächtlicher Schlafverlust |
Stufenschema der Therapie
Die Behandlung erfolgt nach einem Stufenschema. Emollientien bilden stets die Basis und werden bei Bedarf um weitere Therapien ergänzt.
| Stufe | Therapieoptionen |
|---|---|
| Mildes Ekzem | Emollientien, milde topische Kortikosteroide |
| Moderates Ekzem | Emollientien, moderate topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände |
| Schweres Ekzem | Emollientien, potente topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände, Phototherapie, systemische Therapie |
Basistherapie: Emollientien
- Menge: Großzügig verschreiben (250 bis 500 g pro Woche für die Anwendung in Kita/Schule und zu Hause).
- Anwendung: Täglich auf den gesamten Körper auftragen, auch wenn das Ekzem abgeheilt ist. Emollientien auf der Haut glattstreichen, nicht einreiben.
- Waschen: Leave-on-Emollientien oder Emollientien-Seifenersatz anstelle von Seifen und Detergenzien verwenden.
- Badezusätze: Emollientien-Badezusätze sollen nicht mehr angeboten werden (Update 2023).
Topische Kortikosteroide (TCS)
Die Potenz der TCS muss an den Schweregrad und die Körperregion angepasst werden. Die Anwendung erfolgt nur 1- bis 2-mal täglich auf aktive Ekzemareale.
- Gesicht und Hals: Milde Präparate verwenden. Ausnahme: Moderate Präparate für 3 bis 5 Tage bei schweren Schüben.
- Achseln und Leisten: Moderate oder potente Präparate nur kurzzeitig (7 bis 14 Tage).
- Kinder < 12 Monate: Keine potenten TCS ohne fachärztliche dermatologische Überwachung.
- Erhaltungstherapie: Bei häufigen Schüben (2-3 pro Monat) kann nach Kontrolle des Ekzems eine Anwendung an 2 aufeinanderfolgenden Tagen pro Woche erwogen werden.
Weitere Therapieoptionen
- Topische Calcineurininhibitoren (TCI): Tacrolimus und Pimecrolimus sind keine First-Line-Therapie. Sie sind als Zweitlinientherapie bei moderatem bis schwerem Ekzem indiziert (ab 2 Jahren), wenn TCS nicht ausreichen oder ein hohes Risiko für Hautatrophie besteht. Start nur nach fachärztlicher Beratung.
- Antihistaminika: Nicht routinemäßig einsetzen. Bei starkem Juckreiz/Urtikaria kann ein 1-monatiger Versuch mit nicht-sedierenden Antihistaminika erfolgen. Bei starken Schlafstörungen während eines akuten Schubs ist ein 7- bis 14-tägiger Versuch mit sedierenden Antihistaminika (ab 6 Monaten) möglich.
Infektionen und Komplikationen
Bei Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion (nässende Pusteln, Krusten, Fieber) ist eine gezielte Therapie notwendig. Nach Abklingen der Infektion müssen neue topische Medikamente bezogen werden, um Reinfektionen durch kontaminierte Tuben zu vermeiden.
Eczema herpeticum: Zeigt sich durch rasch verschlechterndes, schmerzhaftes Ekzem, gruppierte Bläschen oder ausgestanzte Erosionen (1-3 mm). Es erfordert den sofortigen Beginn mit systemischem Aciclovir und eine taggleiche fachärztliche Überweisung.
Überweisungskriterien
- Sofort (am selben Tag): Verdacht auf Eczema herpeticum.
- Dringlich (innerhalb 2 Wochen): Schweres Ekzem ohne Ansprechen auf optimale topische Therapie nach 1 Woche oder Versagen der Therapie eines bakteriell infizierten Ekzems.
- Regulär: Unklare Diagnose, unzureichende Kontrolle, Verdacht auf Kontaktallergie, signifikante psychosoziale Belastung oder Wachstumsverzögerung.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie Emollientien in ausreichender Menge (250–500 g/Woche) als Leave-on-Produkte oder Seifenersatz. Verzichten Sie auf reine Emollientien-Badezusätze, da diese laut aktueller Evidenz keinen Zusatznutzen bieten.