Atopische Dermatitis (Neurodermitis): S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Basistherapie mit Emollienzien ist essenziell und soll auch im schubfreien Intervall angewendet werden.
- •Topische Glukokortikosteroide (TCS) und Calcineurin-Inhibitoren (TCI) bilden die First-Line-Therapie.
- •In Problemarealen wie dem Gesicht oder intertriginösen Bereichen sind TCI die bevorzugte Langzeittherapie.
- •Eine proaktive Therapie (zweimal wöchentlich) mit TCS oder TCI senkt das Rezidivrisiko signifikant.
- •Ein ungezieltes Allergie-Screening wird nicht empfohlen; Diagnostik nur bei klinischem Verdacht.
Hintergrund
Die atopische Dermatitis (AD), auch Neurodermitis oder atopisches Ekzem genannt, ist eine chronische oder chronisch-rezidivierende Hauterkrankung. In Deutschland weisen etwa 10 % der Kinder und Jugendlichen sowie 1,7 % der Erwachsenen eine Behandlungsprävalenz auf. Die Pathogenese ist polyätiologisch und polygenetisch, wobei Störungen der epidermalen Barriere (z. B. durch Filaggrin-Mutationen) und immunologische Faktoren (wie Th2-Zytokine) eine zentrale Rolle spielen.
Diagnostik
Die Diagnose erfordert eine gründliche Anamnese und die Untersuchung des gesamten Hautorgans.
- Schweregrad: Zur Objektivierung sollen validierte Scores wie SCORAD oder EASI verwendet werden. Laborparameter (wie IgE, TARC oder ECP) sollten nicht zur Erhebung des Schweregrades im klinischen Alltag bestimmt werden.
- Allergiediagnostik: Ein ungezieltes "Allergie-Screening" soll nicht erfolgen. Eine individuelle Diagnostik (Pricktest, spezifisches IgE) ist nur bei klinischem Verdacht oder suggestiver Anamnese indiziert.
Stufenschema der Therapie
Die Behandlung erfolgt stadienadaptiert nach einem Stufenplan, der je nach Lebensalter, Verlauf und Lokalisation angepasst wird:
| Stufe | Klinische Ausprägung | Therapieempfehlung |
|---|---|---|
| 1 | Trockene Haut | Basistherapie, Vermeidung von Provokationsfaktoren |
| 2 | Leichte bis moderate AD | Basistherapie + reaktive topische Therapie (TCS Klasse I-II oder TCI) |
| 3 | Moderate bis schwere AD | Basistherapie + proaktive topische Therapie (TCS Klasse II-III oder TCI), ggf. UV-Therapie |
| 4 | Schwere AD | Basistherapie + Systemtherapie (z.B. Biologika, JAK-Inhibitoren, Immunsuppressiva) |
Basistherapie
Die Basistherapie mit Emollienzien ist das Fundament der Behandlung und soll bedarfsgerecht auch im schubfreien Intervall angewendet werden, um die gestörte Hautbarriere zu stabilisieren.
- Anwendung: Unmittelbar nach dem Baden oder Duschen auf die nach dem Trockentupfen noch leicht feuchte Haut auftragen.
- Wirkstoffe: Zusätze wie Harnstoff oder Glycerin (Moisturizer) verbessern die Hydratation. Bei Säuglingen sollte Harnstoff wegen möglicher Hautreizungen gemieden werden; Kleinkinder benötigen niedrigere Konzentrationen als Erwachsene.
Topische antientzündliche Therapie
| Wirkstoffgruppe | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Topische Glukokortikosteroide (TCS) | Akute Schübe (First-Line) | Wirkstärke nach Niedner (Klasse I-IV) anpassen. |
| Topische Calcineurin-Inhibitoren (TCI) | Problemareale (Gesicht, Intertrigines, Anogenital), TCS-Unverträglichkeit | Bevorzugt als Langzeittherapie in sensiblen Bereichen. |
Zur Verringerung des Rezidivrisikos soll im Anschluss an die reaktive Therapie eine proaktive Therapie (in der Regel zweimal wöchentlich) mit einem geeigneten TCS oder TCI auf die zuvor entzündeten Areale durchgeführt werden.
Provokationsfaktoren
Individuelle Triggerfaktoren sollen identifiziert und gemieden werden:
- Textilien: Hautreizende Kleidung (z. B. Wolle oder raue Fasern) meiden.
- Allergene: Kontakt zu Aeroallergenen (z. B. Pollen, Hausstaubmilben) bei Sensibilisierung reduzieren.
- Lebensstil: Tabakrauch soll gemieden werden. Körperliche Aktivität soll nicht eingeschränkt werden, jedoch sollte Schweiß nach dem Sport abgewaschen und die Haut eingecremt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie die 'Fingertip-Unit-Regel' (FTU) zur Erklärung der korrekten Salbenmenge: 1 FTU (ca. 0,5 g) reicht für die Behandlung einer Fläche, die zwei Handflächen eines Erwachsenen entspricht.