Atopisches Ekzem bei Kindern: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert juckende Haut plus drei weitere Kriterien (z. B. Beugenekzem, trockene Haut).
- •Emollientien sind die Basistherapie und sollten in grossen Mengen (250-500 g/Woche) verordnet werden.
- •Emollientien-Badezusätze bieten keinen Zusatznutzen und werden nicht mehr empfohlen.
- •Die medikamentöse Therapie erfolgt nach einem Stufenschema (mild, moderat, schwer).
- •Bei Verdacht auf Eczema herpeticum ist eine sofortige fachärztliche Überweisung erforderlich.
Hintergrund
Das atopische Ekzem (Neurodermitis) ist eine chronisch-entzündliche, juckende Hauterkrankung, die meist in der frühen Kindheit beginnt. Sie verläuft typischerweise in Schüben. Die aktuelle NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik und zum Management bei Kindern unter 12 Jahren.
Diagnosekriterien
Die Diagnose eines atopischen Ekzems wird gestellt, wenn ein Kind an einer juckenden Hauterkrankung leidet und mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind:
| Kriterium | Beschreibung |
|---|---|
| Sichtbares Ekzem | Beugenekzem (z. B. Ellenbeugen, Kniekehlen). Bei Kindern ≤ 18 Monate: Wangen oder Streckseiten. |
| Anamnese Ekzem | Früheres Beugenekzem (bzw. Wangen/Streckseiten bei ≤ 18 Monaten). |
| Trockene Haut | Trockene Haut in den letzten 12 Monaten. |
| Atopie-Anamnese | Asthma oder allergische Rhinitis. Bei Kindern < 4 Jahren: Atopische Erkrankung bei Verwandten 1. Grades. |
| Manifestationsalter | Beginn der Symptome vor dem 2. Lebensjahr (nicht anwendbar bei Kindern < 4 Jahren). |
Wichtig: Bei asiatischen, schwarzafrikanischen und karibischen Kindern kann das Ekzem häufiger an den Streckseiten auftreten. Auch diskoide (kreisförmige) oder follikuläre Muster sind in diesen Gruppen häufiger.
Schweregrad und Lebensqualität
Die Beurteilung sollte ganzheitlich erfolgen und sowohl die physische Ausprägung als auch die psychosoziale Lebensqualität umfassen:
| Schweregrad | Hautbefund | Einfluss auf Lebensqualität |
|---|---|---|
| Erscheinungsfrei | Normale Haut, kein aktives Ekzem | Keiner |
| Mild | Trockene Haut, seltener Juckreiz, evtl. leichte Rötung | Geringer Einfluss auf Alltag und Schlaf |
| Moderat | Trockene Haut, häufiger Juckreiz, Rötung, evtl. Exkoriation/Verdickung | Moderater Einfluss, häufig gestörter Schlaf |
| Schwer | Ausgedehnte trockene Haut, unaufhörlicher Juckreiz, Rötung, Nässen, Risse | Starke Einschränkung, nächtlicher Schlafverlust |
Stufenschema der Therapie
Die Behandlung folgt einem Stufenschema, das je nach Schweregrad intensiviert oder reduziert wird. Emollientien bilden stets die Basistherapie, auch in erscheinungsfreien Phasen.
| Stufe | Therapieoptionen |
|---|---|
| Mildes Ekzem | Emollientien, milde topische Kortikosteroide |
| Moderates Ekzem | Emollientien, moderate topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände |
| Schweres Ekzem | Emollientien, potente topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände, Phototherapie, systemische Therapie |
Basistherapie: Emollientien
- Menge: Verschreiben Sie grosse Mengen an Leave-on-Emollientien (250 bis 500 g pro Woche).
- Anwendung: Auf den gesamten Körper auftragen, auch wenn das Ekzem abgeheilt ist. Die Emollientien sollten auf die Haut gestrichen und nicht eingerieben werden.
- Abstand: Bei gleichzeitiger Nutzung anderer topischer Produkte sollten zwischen den Anwendungen mehrere Minuten vergehen.
- Reinigung: Leave-on-Emollientien oder Emollientien-Seifenersatz anstelle von regulären Seifen verwenden.
- Badezusätze: Emollientien-Badezusätze sollen nicht angeboten werden, da sie keinen klinischen Zusatznutzen bieten (Update 2023).
Topische Kortikosteroide (TCS)
Die Potenz der TCS muss an den Schweregrad und die Körperregion angepasst werden:
- Gesicht und Hals: Milde TCS. Bei schweren Schüben kurzzeitig (3 bis 5 Tage) moderate TCS.
- Empfindliche Bereiche (Achseln, Leisten): Moderate oder potente TCS nur für kurze Zeiträume (7 bis 14 Tage).
- Kinder < 12 Monate: Keine potenten TCS ohne fachärztliche dermatologische Aufsicht.
- Anwendungshäufigkeit: Nur 1- bis 2-mal täglich auf aktive Ekzemareale (auch auf offene Haut) auftragen.
- Erhaltungstherapie: Bei häufigen Schüben (2-3 pro Monat) kann nach Kontrolle des Ekzems eine Anwendung an 2 aufeinanderfolgenden Tagen pro Woche erwogen werden.
Topische Calcineurininhibitoren (TCI)
Tacrolimus und Pimecrolimus sind keine First-Line-Therapien. Sie werden als Zweitlinientherapie bei Kindern ab 2 Jahren mit moderatem bis schwerem Ekzem eingesetzt, wenn TCS nicht ausreichend wirken oder ein hohes Risiko für Nebenwirkungen (z. B. Hautatrophie) besteht. Die Einleitung sollte nur nach fachärztlicher Beratung erfolgen.
Triggerfaktoren und Allergien
- Nahrungsmittelallergie: Daran denken bei unmittelbaren Symptomen nach dem Essen oder bei Säuglingen/Kleinkindern mit unkontrolliertem moderatem/schwerem Ekzem (besonders bei Gedeihstörung oder Koliken).
- Flaschenernährte Säuglinge < 6 Monate: Bei unkontrolliertem moderatem/schwerem Ekzem kann ein 6- bis 8-wöchiger Versuch mit einer extensiv hydrolysierten Formel oder Aminosäureformel erfolgen.
- Inhalationsallergene: Erwägen bei saisonalen Schüben, begleitendem Asthma/Rhinitis oder bei Gesichtsekzemen bei Kindern ab 3 Jahren.
Komplikationen: Eczema herpeticum
Eine Superinfektion mit Herpes-simplex-Viren (Eczema herpeticum) ist ein dermatologischer Notfall.
- Symptome: Rasch verschlechterndes, schmerzhaftes Ekzem, gruppierte Bläschen, ausgestanzte Erosionen (1-3 mm), Fieber, Lethargie.
- Massnahme: Sofortige systemische Therapie mit Aciclovir und taggleiche fachärztliche Überweisung.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie Emollientien in ausreichender Menge (250-500 g pro Woche) und weisen Sie die Eltern an, diese aufzustreichen statt einzureiben. Verzichten Sie auf Emollientien-Badezusätze, da diese keinen Zusatznutzen bieten.