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Infectious Diseases Society of America (IDSA)2017InfektiologiePain Medicine

Chronische Schmerzen bei HIV: IDSA-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Infectious Diseases Society of America (IDSA) Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Alle HIV-Patienten sollten standardisiert auf chronische Schmerzen gescreent werden.
  • Gabapentin (oral) und Capsaicin 8% (topisch) sind Erstlinientherapien bei HIV-assoziierter Neuropathie.
  • Opioide sind keine Erstlinientherapie bei chronischen neuropathischen Schmerzen.
  • Paracetamol und NSAR gelten als Mittel der ersten Wahl bei muskuloskelettalen Schmerzen.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und Yoga werden als nicht-pharmakologische Basistherapie stark empfohlen.
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Hintergrund

Chronische Schmerzen sind bei Menschen mit HIV (PLWH) sehr häufig (Prävalenz 39-85 %) und beeinträchtigen die Lebensqualität sowie die Therapieadhärenz erheblich. Die häufigsten Schmerzarten sind neuropathische und muskuloskelettale Schmerzen. Die IDSA empfiehlt einen biopsychosozialen Ansatz und die Einbindung interdisziplinärer Teams zur Behandlung.

Screening und Assessment

Alle PLWH sollten standardisiert auf chronische Schmerzen gescreent werden. Ein positives Screening liegt vor, wenn in der letzten Woche mindestens moderate Schmerzen bestanden, die seit über 3 Monaten anhalten (stark, niedrig).

Für das Assessment wird ein biopsychosozialer Ansatz empfohlen. Zur Evaluierung können multidimensionale Instrumente wie das Brief Pain Inventory (BPI) oder der 3-Item-Fragebogen PEG (Pain, Enjoyment, General activity) genutzt werden.

Nicht-pharmakologische Therapie

Nicht-medikamentöse Ansätze bilden eine wichtige Säule der Schmerztherapie und zielen auf die funktionelle Wiederherstellung ab.

TherapieIndikationEmpfehlungsgrad
Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)Chronisches Schmerzmanagementstark, moderat
YogaNacken-/Rückenschmerzen, Rheuma, muskuloskelettalstark, moderat
Physio- & ErgotherapieChronische Schmerzen allgemeinstark, niedrig
HypnoseNeuropathischer Schmerzstark, niedrig
AkupunkturChronische Schmerzenschwach, moderat

Pharmakotherapie: Neuropathischer Schmerz

Eine frühe Initiierung der antiretroviralen Therapie (ART) wird zur Prävention und Behandlung der HIV-assoziierten distalen symmetrischen Polyneuropathie empfohlen (stark, niedrig).

WirkstoffDosis / AnwendungIndikationEvidenz
GabapentinTitration bis 2400 mg/Tag1. Wahl (oral)stark, moderat
Capsaicin (8%)30 Min. Applikation (Pflaster/Creme)1. Wahl (topisch)stark, hoch
SNRI / Trizyklika-2. Wahl bei Gabapentin-Versagenschwach, moderat
Pregabalin-Post-Zoster-Neuralgieschwach, moderat
Alpha-Liponsäure-Periphere Neuropathiestark, niedrig
Medizinisches Cannabis-Neuropathie (bei ausgewählten Patienten)schwach, moderat
Lamotrigin-KONTRAINDIZIERTstark, moderat (dagegen)

Pharmakotherapie: Nicht-neuropathischer Schmerz

Für die Behandlung von muskuloskelettalen Schmerzen sind Paracetamol und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) die Mittel der ersten Wahl (stark, hoch). Bei Paracetamol ist eine Dosisreduktion bei Lebererkrankungen zu beachten (Standardstudien nutzten 4 g/Tag). Tramadol kann für bis zu 3 Monate bei Osteoarthrose erwogen werden (schwach, moderat).

Opioid-Therapie und Sicherheit

Opioide sollten nicht als Erstlinientherapie für das Langzeitmanagement chronischer neuropathischer Schmerzen verschrieben werden (stark, moderat). Sie kommen nur als zeitlich begrenzter Versuch in Frage, wenn Erstlinientherapien versagen und moderate bis schwere Schmerzen vorliegen.

MaßnahmeBeschreibungEmpfehlungsgrad
Behandlungsvertrag (PPA)Shared Decision Making vor Opioid-Startstark, niedrig
Urin-Drogenscreening (UDT)Monitoring, nicht isoliert zum Therapieabbruch nutzenstark, niedrig
Naloxon-KitAufklärung von Patient und Angehörigen über Überdosierungstark, moderat
Sichere LagerungSchutz vor Missbrauch/Überdosierung im Umfeldstark, niedrig

Komorbiditäten: Sucht und psychische Gesundheit

Eine Suchtanamnese ist keine absolute Kontraindikation für die Verschreibung von Betäubungsmitteln, erfordert jedoch eine sorgfältige Risikostratifizierung (stark, niedrig).

  • Methadon-Patienten: EKG-Screening auf QTc-Verlängerung (stark, niedrig). Zur Schmerzkontrolle sollte die Methadondosis auf 6- bis 8-stündliche Gaben aufgeteilt werden (stark, niedrig).
  • Buprenorphin-Patienten: Dosiserhöhung in aufgeteilten Dosen (alle 8 Stunden) als erster Schritt (stark, sehr niedrig).
  • Psychiatrisches Screening: Alle Patienten müssen auf Depressionen (z.B. mit dem PHQ-9) gescreent werden (stark, hoch). Vor einer Langzeit-Opioidtherapie ist zudem ein Screening auf neurokognitive Störungen erforderlich (stark, niedrig).

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie das ultra-kurze PEG-Tool (Pain, Enjoyment, General activity) für das Schmerz-Screening im stressigen Klinikalltag. Bei Patienten unter Methadon-Substitutionstherapie sollte die Dosis zur Schmerzkontrolle zwingend auf 6- bis 8-stündliche Gaben aufgeteilt werden.

Häufig gestellte Fragen

Gabapentin (oral, Titration bis 2400 mg/Tag) und Capsaicin 8% (topisch, 30-minütige Applikation) gelten als Erstlinientherapie.
Ja, aber ausdrücklich nicht als Erstlinientherapie. Sie sollten nur als zeitlich begrenzter Versuch bei moderaten bis schweren Schmerzen und Versagen anderer Therapien erwogen werden.
Paracetamol und NSAR gelten als Mittel der ersten Wahl. Bei Paracetamol muss die Dosis bei bestehenden Lebererkrankungen angepasst werden.
Nein, sie ist keine absolute Kontraindikation. Sie erfordert jedoch eine sorgfältige Risikostratifizierung, engmaschiges Monitoring (z.B. Urin-Screenings) und idealerweise die Einbindung von Suchtmedizinern.
Die Leitlinie spricht sich stark gegen den Einsatz von Lamotrigin zur Behandlung von HIV-assoziierten neuropathischen Schmerzen aus.

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