Essstörungen: Diagnostik und Therapie-Empfehlungen
Hintergrund
Die SIGN-Leitlinie 164 befasst sich mit der Behandlung von Essstörungen wie Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) und der Binge-Eating-Störung (BED). Diese Erkrankungen beginnen typischerweise in der frühen bis mittleren Adoleszenz und sind mit erheblichen psychosozialen und physischen Schäden verbunden.
Laut Leitlinie weisen Jugendliche höhere Raten an vollständiger Genesung und eine geringere Mortalität auf als Erwachsene. Eine frühzeitige Intervention wird stark betont, da sich Schäden durch unbehandelte Erkrankungen, insbesondere bei der Anorexia nervosa, akkumulieren können.
Die Leitlinie unterstreicht zudem die Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung. Dabei wird hervorgehoben, dass das Gewicht nicht als alleiniger Indikator für den Schweregrad oder die Genesung herangezogen werden sollte.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen:
Frühintervention und Diagnostik
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Die Leitlinie empfiehlt die Implementierung von Frühinterventionsmodellen für junge Erwachsene (16–25 Jahre) mit einer Krankheitsdauer von weniger als drei Jahren.
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Es wird eine formelle Unterstützung für Familien und Betreuer empfohlen, um den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
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Für Kinder und Jugendliche mit Anorexia nervosa wird primär eine familienbasierte Therapie (FBT) empfohlen.
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Bei Jugendlichen mit Bulimia nervosa sollte laut Leitlinie eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) oder eine adaptierte familienbasierte Therapie angeboten werden.
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Für Jugendliche mit Binge-Eating-Störung können CBT, interpersonelle Psychotherapie (IPT) oder familienbasierte Interventionen erwogen werden.
Therapie bei Erwachsenen
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Die Leitlinie empfiehlt für Erwachsene mit Anorexia nervosa als Erstlinientherapie eine erweiterte kognitive Verhaltenstherapie (CBT-E) oder andere Formen der CBT.
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Bei Erwachsenen mit Bulimia nervosa wird ebenfalls primär eine CBT (vorzugsweise CBT-E oder CBT-BN) empfohlen.
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Für Erwachsene mit Binge-Eating-Störung sollte eine CBT oder IPT in Betracht gezogen werden.
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Es wird betont, dass bei Anorexia nervosa ein Refeeding auf ein optimiertes gesundes Gewicht routinemäßig angeboten werden sollte, um Rückfälle zu reduzieren.
Besondere Patientengruppen
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Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes und einer Essstörung wird eine integrierte, intensive fachärztliche Versorgung durch Diabetologen und Experten für psychische Gesundheit empfohlen.
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Schwangere Frauen sollten laut Leitlinie routinemäßig und sensibel auf eine aktuelle oder frühere Essstörung untersucht werden.
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Es wird empfohlen, bei Patienten mit Anorexia nervosa zur Verbesserung der Knochendichte primär eine Gewichtsrestauration anzustreben.
Dosierung
Die Leitlinie äußert sich zu medikamentösen Therapieoptionen wie folgt:
| Wirkstoff | Indikation | Dosierung | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Fluoxetin | Bulimia nervosa (Erwachsene) | 60 mg/Tag | Kurzzeitbehandlung oder als Ergänzung zur Psychotherapie |
| Fluoxetin | Bulimia nervosa (16-18 Jahre) | 60 mg/Tag | Off-Label-Use; engmaschige Überwachung auf Suizidalität erforderlich |
| Olanzapin | Anorexia nervosa (Erwachsene) | Keine spezifische Angabe | Zur Unterstützung der Genesung, nicht als Monotherapie |
Für die Binge-Eating-Störung wird eine medikamentöse Therapie laut Leitlinie weder als Alternative noch als Ergänzung zur psychologischen Behandlung empfohlen.
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:
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Eine Behandlung mit Bisphosphonaten wird bei jüngeren Patienten aufgrund teratogener Nebenwirkungen und einer langen Halbwertszeit nicht empfohlen.
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Bei der Verordnung von Psychopharmaka an untergewichtige Patienten wird eine besonders engmaschige Überwachung (inklusive EKG) angemahnt, da ein erhöhtes Risiko für kardiale Komplikationen besteht.
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Bei Jugendlichen unter 25 Jahren, die Fluoxetin erhalten, wird vor einem erhöhten Risiko für Blutungen, Suizidgedanken und Aggressionen gewarnt.
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Praxis-Hinweis der Leitlinie betrifft Patienten mit Typ-1-Diabetes. Es wird darauf hingewiesen, dass eine unzureichende Blutzuckereinstellung (hoher HbA1c-Wert) oder rezidivierende diabetische Ketoazidosen auf eine bewusste Insulinweglassung zur Gewichtsreduktion hindeuten können. In solchen Fällen wird eine engmaschige interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Diabetologie und Psychiatrie dringend empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie sollte bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexia nervosa primär eine familienbasierte Therapie (FBT) angeboten werden. Bei Vorliegen von Komorbiditäten wie schweren Zwangsstörungen kann eine systemische Familientherapie erwogen werden.
Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz von Medikamenten zur Behandlung der Binge-Eating-Störung nicht. Psychologische Therapien haben sich als deutlich wirksamer erwiesen, um Essanfälle und psychopathologische Symptome zu reduzieren.
Die primäre und wirksamste Maßnahme zur Verbesserung der Knochendichte ist laut Leitlinie die Gewichtsrestauration. Medikamente wie Bisphosphonate oder Östrogene sollten bei Erwachsenen nur als unterstützende Maßnahme und nicht als Monotherapie eingesetzt werden.
Es wird empfohlen, spezialisierte und überwachte Sportprogramme in das multidisziplinäre Behandlungskonzept zu integrieren. Dies kann Patienten helfen, eine gesunde Einstellung zur körperlichen Aktivität zu entwickeln und zwanghaftes Bewegungsverhalten zu reduzieren.
Die Leitlinie empfiehlt Fluoxetin als Mittel der ersten Wahl bei Bulimia nervosa. Es wird in der Regel in einer Dosierung von 60 mg täglich als Kurzzeitbehandlung oder ergänzend zur Psychotherapie eingesetzt.
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Quelle: SIGN 164: Eating Disorders (SIGN, 2022). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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