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AWMFS32014Psychosomatik

Essstörungen: S3-Leitlinie Epidemiologie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Anorexia nervosa weist die höchste Mortalitätsrate aller psychischen Erkrankungen auf (SMR 5,35).
  • Die Inzidenz der Anorexia nervosa ist seit den 1970er Jahren stabil, während die der Bulimia nervosa tendenziell abnimmt.
  • Die Binge-Eating-Störung (BES) betrifft zu einem signifikanten Anteil auch Männer (Frauen 1,6 %, Männer 0,8 %).
  • Leistungssportler (v.a. in ästhetischen Sportarten) und Patienten mit Typ-1-Diabetes stellen besondere Risikogruppen dar.
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Hintergrund

Mit der Einführung des DSM-5 wurden die diagnostischen Kriterien für Essstörungen angepasst und erweitert. Neben der Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) und der Binge-Eating-Störung (BES) wurden neue Entitäten wie die "Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme" (ARFID) und "Andere näher bezeichnete Fütter- oder Essstörungen" (OSFED) aufgenommen. Die Leitlinie orientiert sich an den Empfehlungsgraden A (Soll), B (Sollte), O (Kann) und KKP (Klinischer Konsenspunkt).

Prävalenz und Inzidenz

Die Inzidenz der Anorexia nervosa stieg zwischen 1930 und 1970 deutlich an, verbleibt aber seit den 1970er Jahren auf einem relativ stabilen Niveau. Bei der Bulimia nervosa zeigt sich in Westeuropa in den letzten drei Dekaden eher eine abnehmende Tendenz.

Erkrankung12-Monats-Prävalenz (Frauen)12-Monats-Prävalenz (Männer)Bemerkung
Anorexia nervosa (AN)ca. 0,4 %Deutlich geringerHauptrisikoalter 15-35 Jahre
Bulimia nervosa (BN)ca. 1,5 %ca. 0,15 %Männer ca. 10-mal seltener betroffen
Binge-Eating-Störung (BES)1,6 %0,8 %Hoher Männeranteil (30-40 %)
ES-NNB (EDNOS)VariabelVariabelGrößte Gruppe (ca. 60 % aller Essstörungen)

Mortalität

Die Anorexia nervosa weist die höchste Mortalitätsrate aller psychischen Erkrankungen auf, deutlich höher als Schizophrenie oder Depression. Die Standardisierte Mortalitätsrate (SMR) vergleicht die beobachteten Todesfälle mit der erwarteten Todesrate der Normalbevölkerung.

EssstörungStandardisierte Mortalitätsrate (SMR)
Anorexia nervosa5,35
Binge-Eating-Störung1,50
Bulimia nervosa1,49

Spezielle Risikogruppen

Bestimmte Personengruppen weisen ein signifikant erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Essstörung auf:

  • Junge Frauen: Im Alter von 12 bis 35 Jahren ist das Risiko für AN oder BN mindestens 12-mal höher als bei Männern.
  • Leistungssportler: Insbesondere in Sportarten, die Schlankheit und Körperkontrolle fokussieren (z.B. Ballett, Tanzen, Jockeys, Kampfsport mit Gewichtsklassen). Es droht die "Female Athlete Triad" (niedrige Energieverfügbarkeit, Osteoporose, Amenorrhoe).
  • Patienten mit Typ-1-Diabetes: Hier tritt gehäuft das sogenannte "Insulin-Purging" auf (Reduktion der Insulindosis zur Gewichtsabnahme), was die Behandlung massiv verkompliziert.

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei Patientinnen mit Typ-1-Diabetes gezielt auf Hinweise für ein 'Insulin-Purging' (absichtliche Unterdosierung von Insulin zur Gewichtsreduktion), da dies ein hohes Risiko für schwere Stoffwechselentgleisungen birgt.

Häufig gestellte Fragen

Die Anorexia nervosa hat die höchste Mortalität aller psychischen Erkrankungen mit einer standardisierten Mortalitätsrate (SMR) von 5,35.
Ja, insbesondere bei der Binge-Eating-Störung (BES) ist der Männeranteil mit 30-40 % (Prävalenz 0,8 %) relativ hoch. An Anorexie und Bulimie erkranken Männer hingegen etwa 10- bis 12-mal seltener als Frauen.
Darunter versteht man die absichtliche Reduktion der Insulindosis bei Patienten mit Typ-1-Diabetes, um einen Gewichtsverlust herbeizuführen ('Erbrechen über die Niere').
Besonders gefährdet sind Athleten in Sportarten, bei denen ein niedriges Gewicht von Vorteil ist (z.B. Ballett, Jockeys) oder die in Gewichtsklassen eingeteilt werden (z.B. Ringen, Boxen).

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