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American Psychiatric Association (APA)2023Psychiatrie

Essstörungen bei Kindern & Jugendlichen: APA-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf American Psychiatric Association (APA) Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein regelmäßiges Screening auf Essstörungen wird in der pädiatrischen Primärversorgung und bei psychiatrischen Vorstellungen empfohlen.
  • Die ambulante Behandlung, insbesondere das Family-Based Treatment (FBT), ist die Therapie der ersten Wahl.
  • Das Zielgewicht sollte individuell anhand von Perzentilenkurven und dem Pubertätsstadium festgelegt werden, nicht rein nach dem BMI.
  • Eine stationäre Aufnahme ist bei medizinischer Instabilität (z. B. Bradykardie, Elektrolytstörungen) indiziert.
  • Die Behandlung erfordert zwingend ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Psychotherapeuten und Ernährungsfachkräften.
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Hintergrund

Essstörungen weisen hohe Morbiditäts- und Mortalitätsraten auf und beginnen meist im Jugendalter. Eine frühzeitige Erkennung und die Überweisung zu evidenzbasierten Therapien verbessern die klinischen Ergebnisse signifikant. Die vorliegende Synthese fasst die Empfehlungen führender US-Fachgesellschaften (darunter die APA, AAP, SAHM und AACAP) zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen zusammen.

Screening und Warnsignale

Ein regelmäßiges Screening auf Essstörungen sollte in der pädiatrischen Primärversorgung sowie bei jeder psychiatrischen Erstuntersuchung erfolgen. Auch wenn aktuell validierte Screening-Tools für Kinder fehlen, sollten Behandler bei folgenden klinischen Warnsignalen den Verdacht auf eine Essstörung äußern:

KategorieKlinische Warnsignale
Gewicht & WachstumSignifikante Gewichtsabweichungen (Wachstumskurve), rascher Gewichtsverlust
VerhaltenRestriktives Essen, Purging, Binge-Eating, Nahrungsvermeidung
Körperliche SymptomeAmenorrhö, sportbedingte Verletzungen (z. B. Stressfrakturen)
Vitalparameter & LaborRuhepuls < 50 bpm (Bradykardie), Hypokaliämie

Therapie und Setting

Die Behandlung sollte im am wenigsten restriktiven Setting stattfinden, das die medizinischen und psychiatrischen Bedürfnisse des Patienten erfüllen kann.

Setting / TherapieIndikation / ZielgruppeBemerkung
Ambulante TherapieErste Wahl für die meisten PatientenFokus auf Normalisierung des Essverhaltens
Stationäre AufnahmeInstabile Vitalparameter, EKG-Anomalien, schwere Mangelernährung, ElektrolytstörungenDient primär der akuten medizinischen Stabilisierung
Family-Based Treatment (FBT)Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN)Stärkste Evidenz bei Kindern und Jugendlichen
CBT / DBTÄltere Jugendliche und junge ErwachseneAls ergänzende (adjunktive) Modalitäten
PharmakotherapieKomorbide psychiatrische ErkrankungenPrimär zur Behandlung von Begleiterkrankungen (z. B. Angst, Depression)

Zielgewicht und Verlauf

Das Behandlungsziel umfasst die medizinische Stabilisierung und die Normalisierung des Essverhaltens. Bei Patienten mit Untergewicht ist eine Gewichtswiederherstellung erforderlich.

  • Individuelles Zielgewicht: Der absolute BMI ist bei Kindern und Jugendlichen unzureichend. Das Zielgewicht muss individuell anhand von Wachstumsdiagrammen (Perzentilen), dem Pubertätsstadium und der bisherigen Wachstumstrajektorie festgelegt werden.
  • Erhaltungstherapie: Zur Rückfallprävention ist eine fortgesetzte, essstörungsspezifische Behandlung über mehrere Monate nach Erreichen des Zielgewichts bzw. dem Stopp der Essstörungs-Symptomatik notwendig.
  • Komorbiditäten: Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Zwangsstörungen müssen simultan mit evidenzbasierten Methoden behandelt werden.

Multidisziplinäres Team

Da Essstörungen Multisystem-Erkrankungen sind, wird ein multidisziplinäres Behandlungsteam dringend empfohlen. Dieses sollte mindestens umfassen:

  • Medizinischer Behandler (Arzt/Pädiater)
  • Psychotherapeut (Mental Health Provider)
  • Psychiater
  • Zertifizierte Ernährungsfachkraft (Registered Dietitian)

Besondere Herausforderungen (ARFID & Gewichts-Stigma)

  • ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder): Diese Diagnose erfordert künftig spezifischere Leitlinien. Patienten präsentieren sich oft mit langjähriger Mangelernährung, ein Drittel benötigt eine stationäre Aufnahme.
  • Gewichts-Stigma: Essstörungen treten über das gesamte Gewichtsspektrum hinweg auf. Die Schwere der Erkrankung wird oft besser durch die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Gewichtsverlusts bestimmt als durch ein absolut niedriges Körpergewicht. Auch bei Patienten mit höherem Ausgangsgewicht drohen bei rascher Abnahme schwere Komplikationen wie das Refeeding-Syndrom.

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich bei der Festlegung des Zielgewichts nicht auf den absoluten BMI, sondern nutzen Sie stets die individuellen Wachstums- und Perzentilenkurven des Kindes. Beachten Sie zudem, dass auch Patienten mit normalem oder hohem Körpergewicht lebensbedrohliche Komplikationen (z. B. Refeeding-Syndrom) entwickeln können, wenn der Gewichtsverlust sehr rasch erfolgte.

Häufig gestellte Fragen

Das Family-Based Treatment (FBT) im ambulanten Setting weist die stärkste Evidenz für Kinder und Jugendliche mit Anorexia nervosa und Bulimia nervosa auf.
Eine stationäre Aufnahme zur medizinischen Stabilisierung ist indiziert bei instabilen Vitalparametern (z. B. Ruhepuls < 50 bpm), EKG-Anomalien, schweren Elektrolytstörungen (wie Hypokaliämie) oder schwerer Mangelernährung.
Es sollte individuell anhand von Wachstumsdiagrammen, dem Pubertätsstadium und der bisherigen Wachstumstrajektorie festgelegt werden. Der absolute BMI ist hierfür unzureichend.
Psychotrope Medikamente sollten primär zur Behandlung von psychiatrischen Komorbiditäten (wie Angststörungen oder Depressionen) eingesetzt werden, da die Evidenz für die medikamentöse Behandlung der Essstörung selbst bei Kindern fehlt.
Ein optimales Team besteht aus einem medizinischen Behandler (Arzt), einem Psychotherapeuten, einem Psychiater und einer zertifizierten Ernährungsfachkraft.

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