Essstörungen bei Kindern & Jugendlichen: APA-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Ein regelmäßiges Screening auf Essstörungen wird in der pädiatrischen Primärversorgung und bei psychiatrischen Vorstellungen empfohlen.
- •Die ambulante Behandlung, insbesondere das Family-Based Treatment (FBT), ist die Therapie der ersten Wahl.
- •Das Zielgewicht sollte individuell anhand von Perzentilenkurven und dem Pubertätsstadium festgelegt werden, nicht rein nach dem BMI.
- •Eine stationäre Aufnahme ist bei medizinischer Instabilität (z. B. Bradykardie, Elektrolytstörungen) indiziert.
- •Die Behandlung erfordert zwingend ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Psychotherapeuten und Ernährungsfachkräften.
Hintergrund
Essstörungen weisen hohe Morbiditäts- und Mortalitätsraten auf und beginnen meist im Jugendalter. Eine frühzeitige Erkennung und die Überweisung zu evidenzbasierten Therapien verbessern die klinischen Ergebnisse signifikant. Die vorliegende Synthese fasst die Empfehlungen führender US-Fachgesellschaften (darunter die APA, AAP, SAHM und AACAP) zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen zusammen.
Screening und Warnsignale
Ein regelmäßiges Screening auf Essstörungen sollte in der pädiatrischen Primärversorgung sowie bei jeder psychiatrischen Erstuntersuchung erfolgen. Auch wenn aktuell validierte Screening-Tools für Kinder fehlen, sollten Behandler bei folgenden klinischen Warnsignalen den Verdacht auf eine Essstörung äußern:
| Kategorie | Klinische Warnsignale |
|---|---|
| Gewicht & Wachstum | Signifikante Gewichtsabweichungen (Wachstumskurve), rascher Gewichtsverlust |
| Verhalten | Restriktives Essen, Purging, Binge-Eating, Nahrungsvermeidung |
| Körperliche Symptome | Amenorrhö, sportbedingte Verletzungen (z. B. Stressfrakturen) |
| Vitalparameter & Labor | Ruhepuls < 50 bpm (Bradykardie), Hypokaliämie |
Therapie und Setting
Die Behandlung sollte im am wenigsten restriktiven Setting stattfinden, das die medizinischen und psychiatrischen Bedürfnisse des Patienten erfüllen kann.
| Setting / Therapie | Indikation / Zielgruppe | Bemerkung |
|---|---|---|
| Ambulante Therapie | Erste Wahl für die meisten Patienten | Fokus auf Normalisierung des Essverhaltens |
| Stationäre Aufnahme | Instabile Vitalparameter, EKG-Anomalien, schwere Mangelernährung, Elektrolytstörungen | Dient primär der akuten medizinischen Stabilisierung |
| Family-Based Treatment (FBT) | Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) | Stärkste Evidenz bei Kindern und Jugendlichen |
| CBT / DBT | Ältere Jugendliche und junge Erwachsene | Als ergänzende (adjunktive) Modalitäten |
| Pharmakotherapie | Komorbide psychiatrische Erkrankungen | Primär zur Behandlung von Begleiterkrankungen (z. B. Angst, Depression) |
Zielgewicht und Verlauf
Das Behandlungsziel umfasst die medizinische Stabilisierung und die Normalisierung des Essverhaltens. Bei Patienten mit Untergewicht ist eine Gewichtswiederherstellung erforderlich.
- Individuelles Zielgewicht: Der absolute BMI ist bei Kindern und Jugendlichen unzureichend. Das Zielgewicht muss individuell anhand von Wachstumsdiagrammen (Perzentilen), dem Pubertätsstadium und der bisherigen Wachstumstrajektorie festgelegt werden.
- Erhaltungstherapie: Zur Rückfallprävention ist eine fortgesetzte, essstörungsspezifische Behandlung über mehrere Monate nach Erreichen des Zielgewichts bzw. dem Stopp der Essstörungs-Symptomatik notwendig.
- Komorbiditäten: Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Zwangsstörungen müssen simultan mit evidenzbasierten Methoden behandelt werden.
Multidisziplinäres Team
Da Essstörungen Multisystem-Erkrankungen sind, wird ein multidisziplinäres Behandlungsteam dringend empfohlen. Dieses sollte mindestens umfassen:
- Medizinischer Behandler (Arzt/Pädiater)
- Psychotherapeut (Mental Health Provider)
- Psychiater
- Zertifizierte Ernährungsfachkraft (Registered Dietitian)
Besondere Herausforderungen (ARFID & Gewichts-Stigma)
- ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder): Diese Diagnose erfordert künftig spezifischere Leitlinien. Patienten präsentieren sich oft mit langjähriger Mangelernährung, ein Drittel benötigt eine stationäre Aufnahme.
- Gewichts-Stigma: Essstörungen treten über das gesamte Gewichtsspektrum hinweg auf. Die Schwere der Erkrankung wird oft besser durch die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Gewichtsverlusts bestimmt als durch ein absolut niedriges Körpergewicht. Auch bei Patienten mit höherem Ausgangsgewicht drohen bei rascher Abnahme schwere Komplikationen wie das Refeeding-Syndrom.
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei der Festlegung des Zielgewichts nicht auf den absoluten BMI, sondern nutzen Sie stets die individuellen Wachstums- und Perzentilenkurven des Kindes. Beachten Sie zudem, dass auch Patienten mit normalem oder hohem Körpergewicht lebensbedrohliche Komplikationen (z. B. Refeeding-Syndrom) entwickeln können, wenn der Gewichtsverlust sehr rasch erfolgte.