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Onkopedia/DGHOOnkologie

Immunthrombozytopenie (ITP): Leitlinie (Onkopedia)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Onkopedia/DGHO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die ITP ist eine Ausschlussdiagnose bei wiederholter Thrombozytopenie < 100 x 10^9/L.
  • Die Therapieindikation richtet sich primär nach der klinischen Blutungsneigung, nicht isoliert nach der Thrombozytenzahl.
  • Erstlinientherapie bei Erwachsenen sind Kortikosteroide, deren Gabe auf maximal 6-8 Wochen limitiert werden sollte.
  • In der Zweitlinie kommen Thrombopoetin-Rezeptor-Agonisten (TRAs), Fostamatinib oder eine Splenektomie (frühestens nach 12 Monaten) zum Einsatz.
  • Bei Kindern ist die ITP oft selbstlimitierend, weshalb eine 'Watch & Wait'-Strategie häufig ausreichend ist.
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Hintergrund

Die Immunthrombozytopenie (ITP) ist eine erworbene Thrombozytopenie, die durch eine Autoimmunreaktion gegen Thrombozyten und Megakaryozyten verursacht wird. Man unterscheidet eine primäre Form (ca. 80 %, keine auslösende Ursache erkennbar) von sekundären Formen (ca. 20 %, z. B. induziert durch Autoimmunerkrankungen, Lymphome, Virusinfektionen oder Medikamente).

Diagnostik

Die ITP ist eine Ausschlussdiagnose. Ein spezifischer, beweisender Labortest existiert nicht.

Internationale Diagnose-Kriterien:

  • Wiederholte Thrombozytopenie < 100 x 10^9/L
  • Keine andere Ursache der Thrombozytopenie erkennbar
  • Normale Werte und Morphologie für Leukozyten und Erythrozyten (Ausnahme: Eisenmangelanämie)
  • Verdopplung der Thrombozytenzahl (mindestens Anstieg > 30 x 10^9/L) nach Gabe von Glukokortikoiden oder IVIG
Diagnostik-SchrittMaßnahmen und Bemerkungen
BasisdiagnostikAnamnese, körperliche Untersuchung (Milzvergrößerung ist untypisch!), Blutbild (EDTA und Citrat), Blutausstrich (zwingend!), Gerinnungsparameter, IgG/IgA/IgM (Ausschluss CVID).
KnochenmarkpunktionNur bei atypischen Befunden, Patienten >= 60 Jahre oder inadäquatem Therapieansprechen empfohlen.
H. pylori-TestungBei allen erwachsenen Patienten empfohlen (Eradikation bei positivem Nachweis).

Klassifikation nach Blutungsgrad

Die Therapieentscheidung basiert maßgeblich auf der klinischen Blutungsneigung, die bei Erwachsenen nach den WHO-Blutungsgraden eingeteilt wird:

WHO GradDefinition
Grad 0Keine Blutungszeichen
Grad IPetechien, kleine Hämatome (< 10 cm), Schleimhautblutungen (Mund, Nase)
Grad IIHämatome (> 10 cm), Epistaxis (> 1 Std.), Melaena, Hämaturie (nicht transfusionspflichtig)
Grad IIITransfusionspflichtige Blutungen (Schleimhaut, Magen-Darm, Muskeln, Gelenke)
Grad IVLebensbedrohliche Blutungen (ZNS, retinale Blutungen mit Visusminderung)

Therapieindikation

Die Indikation zur Therapie darf nicht allein von der Thrombozytenzahl abhängig gemacht werden. Das Blutungs- und Mortalitätsrisiko steigt signifikant bei Werten < 20-30 x 10^9/L. Bei asymptomatischen Patienten mit Werten darüber ist oft eine "Watch & Wait"-Strategie möglich. Krankheitsstadium, Alter, Komorbiditäten und Patientenpräferenz müssen berücksichtigt werden.

Stufenschema der Therapie (Erwachsene)

StufeTherapieBemerkung
ErstlinieKortikosteroide (Prednison oder Dexamethason)Therapiedauer auf maximal 6-8 Wochen limitieren, um Toxizität zu vermeiden.
ZweitlinieTRAs (Romiplostim, Eltrombopag, Avatrombopag)Zielwert: 50-150 x 10^9/L. Können nach Erreichen einer Remission oft ausgeschlichen werden.
ZweitlinieFostamatinib (SYK-Inhibitor)Zugelassen ab der 2. Linie bei chronischer ITP (> 12 Monate).
ZweitlinieSplenektomieHöchste Rate an dauerhaften Remissionen. Frühestens nach 12 Monaten erwägen.
DrittlinieRituximab (Off-label) oder ImmunsuppressivaEinsatz bei Versagen vorheriger Linien (z.B. Azathioprin, Ciclosporin).

Notfalltherapie

Bei schweren (WHO Grad III/IV) oder lebensbedrohlichen Blutungen sowie vor nicht aufschiebbaren Operationen:

  • Intravenöse Immunglobuline (IVIG): 0,8-1 g/kg KG für einen raschen, aber meist kurzfristigen Thrombozytenanstieg.
  • Kortikosteroide: Hochdosiert (z. B. Methylprednisolon).
  • Thrombozytenkonzentrate: Bei lebensbedrohlichen Blutungen zusätzlich indiziert.
  • Tranexamsäure: Supportiv, insbesondere bei Schleimhautblutungen.

Besondere Patientengruppen

Kinder und Jugendliche: Die pädiatrische ITP tritt oft akut nach Infekten auf und hat eine hohe Spontanremissionsrate. Bei fehlenden oder milden Blutungen ist eine medikamentöse Therapie meist verzichtbar ("Watch & Wait"). Bei schweren Blutungen kommen IVIG und Kortikosteroide zum Einsatz.

Schwangerschaft: Die ITP kann sich im Verlauf der Schwangerschaft verschlechtern. Thrombozytenwerte sollten alle 4 Wochen, bei Werten < 80 x 10^9/L in den letzten 4 Wochen vor der Entbindung wöchentlich kontrolliert werden. Das Risiko einer neonatalen Thrombozytopenie durch plazentaren Antikörperübertritt liegt bei 5-10 %.

💡Praxis-Tipp

Machen Sie die Therapieindikation primär von der klinischen Blutungsneigung abhängig, nicht isoliert von der Thrombozytenzahl. Begrenzen Sie die Erstlinientherapie mit Kortikosteroiden strikt auf maximal 6-8 Wochen.

Häufig gestellte Fragen

Es gibt keinen starren Schwellenwert. Das Blutungsrisiko steigt bei Werten < 20-30 x 10^9/L, jedoch richtet sich die Therapieindikation primär nach der klinischen Blutungsneigung und individuellen Risikofaktoren.
Die Therapiedauer mit Kortikosteroiden sollte auf maximal 6-8 Wochen limitiert werden, da längere Gaben die Remissionsrate nicht verbessern, aber zu erheblichen Nebenwirkungen führen.
Die Splenektomie bietet die höchste Rate an dauerhaften Remissionen, sollte aber frühestens 12 Monate nach Diagnosestellung (in der chronischen Phase) erwogen werden.
Nein. Eine Knochenmarkpunktion ist nur bei atypischen Befunden, unzureichendem Therapieansprechen oder bei Patienten ab 60 Jahren zum Ausschluss anderer Erkrankungen empfohlen.
Mit einer Kombination aus hochdosierten Kortikosteroiden, intravenösen Immunglobulinen (IVIG) und Thrombozytenkonzentraten. Supportiv kann Tranexamsäure gegeben werden.

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