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Neu diagnostizierte ITP bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • ITP ist eine Ausschlussdiagnose; obligatorisch sind Blutbild und morphologische Beurteilung des Blutausstrichs.
  • Eine Knochenmarkpunktion ist vor einer Glukokortikoid-Therapie nicht generell erforderlich.
  • Die Therapieindikation richtet sich primär nach der klinischen Blutungsneigung (Buchanan-Score), nicht nach der Thrombozytenzahl.
  • Bei fehlenden oder milden Blutungen (Score 0-2) wird eine Watch-and-Wait-Strategie empfohlen.
  • Erstlinientherapie bei Behandlungsindikation sind Glukokortikoide oder intravenöse Immunglobuline (IVIG).
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Hintergrund

Die Immunthrombozytopenie (ITP) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Thrombozyten und Megakaryozyten immunologisch zerstört werden. Dies führt zu einer isolierten Thrombozytopenie (<100 x 10^9/l). Die ITP ist eine Ausschlussdiagnose. Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich typischerweise ein plötzlicher Beginn vermehrter Blutungen (Petechien, Hämatome) bei ansonsten unauffälligem Gesundheitszustand.

Die Erkrankung wird nach ihrem zeitlichen Verlauf eingeteilt:

  • Neu diagnostizierte ITP: innerhalb der ersten 3 Monate
  • Persistierende ITP: 4-12 Monate nach Diagnose
  • Chronische ITP: >12 Monate bestehend

Die Prognose ist gut: 90 % der Kinder zeigen eine spontane Remission innerhalb von 12 Monaten. Schwerwiegende oder lebensbedrohliche Blutungen (wie intrakranielle Blutungen) sind mit <1 % sehr selten.

Diagnostik

Bei Diagnosestellung sollen zeitnah ein Differentialblutbild und die morphologische Beurteilung des Blutausstrichs erfolgen, um hämatologisch-onkologische Systemerkrankungen auszuschließen.

Kernaussage zur Knochenmarkdiagnostik: Eine Knochenmarkdiagnostik soll nicht generell und nicht vor jeder Therapie mit Glukokortikoiden durchgeführt werden. Sie soll erwogen werden bei:

  • Untypischen Symptomen (Organvergrößerung, Lymphknotenschwellung, Knochenschmerzen)
  • Zusätzlichen Laborauffälligkeiten (unerklärte Anämie, Leukopenie/Leukozytose)
  • Vor Beginn einer Zweitlinientherapie

Blutungsscore und Risikoeinschätzung

Zur standardisierten Erfassung der Blutungsneigung wird der modifizierte Buchanan Score empfohlen:

GradRisikoBlutungszeichen
0KeineKeine frischen Blutungszeichen
1GeringfügigWenige Petechien (<100) und/oder <5 kleine Hämatome (<3cm). Keine Schleimhautblutungen.
2MildViele Petechien und >5 große Hämatome (>3cm).
3aModerat (niedriges Risiko)Mundschleimhautblutungen, Blutkrusten in der Nase, milde Epistaxis (<5 min).
3bModerat (hohes Risiko)Epistaxis >5 min, Makrohämaturie, rektale Blutungen, schmerzhafte Mundschleimhautblutungen, signifikante Menorrhagie.
4SchwerSchleimhautblutungen oder Blutungen innerer Organe mit Notwendigkeit zur umgehenden medizinischen Versorgung.
5LebensbedrohlichNachgewiesene intrakranielle Blutung oder lebensbedrohliche Blutung jeder Lokalisation.

Therapieindikation und Stufenschema

Die Indikation zur Therapie sollte zurückhaltend gestellt werden und sich primär an der Blutungsneigung orientieren. Nicht alle Kinder mit Thrombozyten <10 x 10^9/l müssen behandelt werden.

BlutungsscoreTherapieempfehlungBemerkung
0-2Beobachtung (Watch & Wait)Unabhängig von den Thrombozytenwerten.
3aIndividualisierte EntscheidungKeine generelle Empfehlung möglich.
3b & 4Prednison oder IVIGGgf. zusätzlich Tranexamsäure (3 x 20-25 mg/kg/d p.o.).
5Notfall-KombinationstherapieThrombozytenkonzentrate + Methylprednisolon i.v. + IVIG + ggf. Tranexamsäure. Ultima Ratio: Notfallsplenektomie.

Erstlinientherapie

Als Erstlinientherapie sind Glukokortikoide und intravenöse Immunglobuline (IVIG) etabliert. Es werden kurzzeitige Interventionen empfohlen. Eine langfristige hochdosierte Glukokortikoidtherapie soll vermieden werden.

WirkstoffDosierungDauerBemerkung
Prednison / Prednisolon4 mg/kg/d (max. 200 mg/d) p.o./i.v.4 TageStandardtherapie. Alternativ 1-2 mg/kg/d für bis zu 14 Tage.
Methylprednisolon30 mg/kg/ED i.v. (max. 1 g/ED)3 TageNotfalltherapie bei lebensbedrohlichen Blutungen.
IVIG0,8-1 g/kg/ED i.v.1-2 TageStandardtherapie. Alternativ 0,4 g/kg/ED für 2-5 Tage.

Thrombozytenkonzentrate sollen ausschließlich bei lebensbedrohlichen Blutungen oder nicht verschiebbaren operativen Eingriffen gegeben werden, da die transfundierten Thrombozyten eine stark verkürzte Halbwertszeit haben.

Zweitlinientherapie

Eine Zweitlinientherapie ist nur indiziert, wenn eine Behandlungsindikation besteht und die Erstlinientherapie unzureichend wirkt oder nicht toleriert wird. Zu den Optionen gehören (meist Off-Label bei neu diagnostizierter ITP):

  • Thrombopoetin-Rezeptor-Agonisten (TPO-RA): Eltrombopag (oral), Romiplostim (subkutan)
  • Rituximab: Anti-CD20-Antikörper
  • Splenektomie: Bei neu diagnostizierter ITP nur als Ultima Ratio bei unstillbaren Blutungen.

💡Praxis-Tipp

Behandeln Sie den Patienten, nicht den Laborwert: Kinder mit Thrombozyten <10 x 10^9/l, aber ohne oder mit nur milden Blutungen (ausschließlich Hautblutungen), können und sollten primär nur beobachtet werden (Watch & Wait).

Häufig gestellte Fragen

Eine Knochenmarkpunktion ist nicht routinemäßig erforderlich. Sie sollte bei untypischen Symptomen (Organvergrößerung, Knochenschmerzen), Auffälligkeiten anderer Zellreihen im Blutbild oder vor Beginn einer Zweitlinientherapie erfolgen.
Es gibt keinen festen Thrombozyten-Grenzwert für eine Therapie. Die Behandlungsindikation richtet sich primär nach der klinischen Blutungsneigung (ab Buchanan-Score 3b), nicht nach der Thrombozytenzahl.
Ja, normale Alltagsaktivitäten und Schulbesuch sind möglich. Es sollte jedoch auf Kontaktsportarten (Kampfsport, enger Ballsport) und Sportarten mit erhöhtem Risiko für Kopfverletzungen (Geräteturnen, Reiten) verzichtet werden.
Ausschließlich bei lebensbedrohlichen Blutungen (z.B. intrakraniell) oder bei nicht verschiebbaren operativen Eingriffen. Sie sollten immer in Kombination mit IVIG und Glukokortikoiden gegeben werden.

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