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Onkopedia/DGHOOnkologie

Sekundäre Immundefekte in der Onkologie (Onkopedia)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Onkopedia/DGHO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Sekundäre Immundefekte (SID) bei Tumorpatienten entstehen durch die Grunderkrankung, Therapien oder metabolische Störungen.
  • Die Basisdiagnostik umfasst ein Differenzialblutbild und die Bestimmung der Immunglobuline (IgG, IgM, IgA).
  • Zielgerichtete Therapien (z.B. Anti-CD20, BTK-Inhibitoren, CAR-T-Zellen) erzeugen spezifische Infektionsrisiken und erfordern ein engmaschiges Monitoring.
  • Eine Immunglobulinsubstitution ist indiziert bei schweren Infekten, IgG < 4 g/l und fehlender Impfantwort.
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Hintergrund

Sekundäre Immundefekte (SID) bei hämatologisch-onkologischen Patienten sind erworbene Funktionsstörungen des Immunsystems. Sie erhöhen das Risiko für Infektionen, Autoimmunerkrankungen und Malignome erheblich. Die Ursachen sind multifaktoriell:

UrsachenkategorieBeispiele
TumorerkrankungCLL, maligne Lymphome, Multiples Myelom
Iatrogene ImmunsuppressionChemotherapie, zielgerichtete Therapien, Immuntherapien
Metabolische StörungenEiweißverlust (Nephrotisches Syndrom, Enteropathie), Urämie
OrgandysfunktionLeberzirrhose, Nierenversagen, Splenektomie
BarrieredefekteMukositis, Venenkatheter

Klinisches Bild

Die klinischen Leitmotive sind Immundysregulationen (z.B. Autoimmunerkrankungen, Granulome) und eine pathologische Infektanfälligkeit. Letztere zeichnet sich aus durch:

  • Häufige und rezidivierende Infektionen mit demselben Erreger
  • Schwer verlaufende Infektionen
  • Ungewöhnliche Erreger und opportunistische Infektionen
  • Protrahierte Verläufe oder atypische Lokalisationen

Diagnostik

Bei klinischem Verdacht auf einen sekundären Immundefekt wird eine Stufendiagnostik im Serum empfohlen:

StufeUntersuchungFragestellung
BasisdiagnostikDifferenzialblutbildNeutropenie / Lymphozytopenie
BasisdiagnostikImmunglobuline (IgG, IgM, IgA)Hypogammaglobulinämie
Erweiterte DiagnostikIgG-Subklassen (bei normwertigem IgG)Hypogammaglobulinämie
Erweiterte DiagnostikDiagnostische Impfung mit Prevenar-13 (bei IgG 4-7 g/l)Spezifische Antikörperproduktion
Erweiterte DiagnostikCD4-positive T-ZellenZellulärer Immundefekt

Hinweis zur Impfantwort: Antikörpertiter erst 4-8 Wochen nach der Impfung im selben Labor bestimmen.

Therapie-induzierte Immundefekte

Mit der Einführung zielgerichteter Therapien hat sich das Spektrum der Immundefekte erweitert. Ein initiales Screening auf Hepatitis B (HBV) ist vor vielen dieser Therapien obligat.

SubstanzklasseTypische VertreterSpezifische Infektionsrisiken & ImmundefekteKernaussagen & Empfehlungen
Anti-CD20-AntikörperRituximabB-Zelldepletion, Hypogammaglobulinämie, späte Neutropenie, HBV-ReaktivierungHBV-Screening obligat. Monitoring der Immunglobuline.
BCL2-InhibitorenVenetoclaxNeutropenie (Grad ≥3 bei 37-41%), PneumonienEnges klinisches Monitoring. Dosisreduktion um 75% bei gleichzeitiger Azol-Therapie.
BTK-InhibitorenIbrutinibPneumonien, invasive Pilzinfektionen (Aspergillus), HBV-ReaktivierungPilzinfektionen treten oft in den ersten 3 Monaten auf. Ggf. Aspergillus-wirksame Prophylaxe erwägen.
CAR-T-ZellenTisagenlecleucelLanganhaltende Zytopenien, HypogammaglobulinämieHohe Rate an bakteriellen, viralen und mykotischen Infekten. IgG-Monitoring und ggf. Substitution.
Checkpoint-InhibitorenNivolumab, PembrolizumabAutoimmunreaktionen (Pneumonitis, Kolitis), opportunistische InfekteBei notwendiger Steroidtherapie (>4 Wochen) PjP-Prophylaxe erwägen.
JAK-STAT-InhibitorenRuxolitinibBakterielle Atemwegsinfekte, Tuberkulose, Herpes zoster, PjPPjP-Prophylaxe bei CD4 <200/µl oder hochdosierten Steroiden.
PI3Kδ-InhibitorenIdelalisibPjP, CMV-Reaktivierung, Pneumonitis, KolitisPjP-Prophylaxe obligat (bis 2-6 Monate nach Therapie). CMV-Monitoring alle 4 Wochen.

Allogene Blutstammzelltransplantation (SCT)

Nach einer allogenen SCT dauert die vollständige Immunrekonstitution in der Regel 1-3 Jahre.

  • Obligate PjP-Prophylaxe: Bis zum Ende der Immunsuppression und CD4+ >200/µl.
  • Obligate HSV-Prophylaxe: Ab Beginn der Konditionierung bis mindestens zum Ende der Immunsuppression.
  • Antimykotische Prophylaxe: Fluconazol (Niedrigrisiko) oder Schimmelpilz-aktive Prophylaxe wie Posaconazol (Hochrisiko).
  • Impfungen: Erneute Primärvakzinierung nach SCT erforderlich (frühestens 9 Monate nach B-Zell-depletierender Therapie).

Therapie und Immunglobulinsubstitution

Eine intravenöse oder subkutane Immunglobulinsubstitution (Ziel-Dosis: 0,2-0,4 g/kg KG alle 3-4 Wochen) ist bei sekundärer Hypogammaglobulinämie indiziert, wenn folgende drei Kriterien erfüllt sind:

  1. Pathologische Infektionsanfälligkeit (schwere/rezidivierende Infekte, ineffektive Antibiose)
  2. Immunglobulinmangel (IgG < 4 g/l)
  3. Pathologische Impfantwort (weniger als zweifacher Anstieg spezifischer IgG-Antikörper)

Wichtig: Bei akuter Klinik und Agammaglobulinämie darf der Beginn der Substitution nicht durch die Testung der Impfantwort verzögert werden.

💡Praxis-Tipp

Prüfen Sie vor Beginn einer immunsuppressiven oder zielgerichteten Therapie (wie Anti-CD20 oder BTK-Inhibitoren) stets den Hepatitis-B-Status (HBsAg und anti-HBc), um einer potenziell letalen Reaktivierung vorzubeugen.

Häufig gestellte Fragen

Bei normwertigem IgG sollten die IgG-Subklassen bestimmt werden. Bei milder Hypogammaglobulinämie (4-7 g/l) wird eine diagnostische Impfung mit Prevenar-13 empfohlen.
Es besteht ein erhöhtes Risiko für Pneumonien, Hepatitis-B-Reaktivierungen und invasive Pilzinfektionen (insbesondere Aspergillosen), meist in den ersten 3 Therapiemonaten.
Bei pathologischer Infektanfälligkeit, einem IgG-Wert < 4 g/l und einer pathologischen Impfantwort.
Eine PjP-Prophylaxe (bis CD4+ >200/µl) sowie eine HSV-Prophylaxe sind obligat. Bei Hochrisikopatienten zusätzlich eine Schimmelpilz- und CMV-Prophylaxe.

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