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Primäre Antikörpermangel: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Vor Beginn der Immunglobulinersatztherapie muss die Impfantwort geprüft werden (Ausnahme: Agammaglobulinämie).
  • Eine klare Indikation besteht bei Agammaglobulinämie und Hypogammaglobulinämie mit fehlender Impfantwort (z.B. CVID, HIGM).
  • Keine Immunglobulinsubstitution bei selektivem IgA-, IgM- oder isoliertem IgG4-Mangel.
  • Intravenöse (IVIg) und subkutane (SCIg) Applikationen sind gleichwertig; intramuskuläre Gaben sind obsolet.
  • Die Initialdosis beträgt mindestens 400 mg/kg KG/Monat, der IgG-Talspiegel sollte unter IVIg 4,5 g/L nicht unterschreiten.
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Hintergrund

Primäre Antikörpermangelerkrankungen stellen mit über 50 % die größte Gruppe der primären Immundefekte (PID) dar. Hauptmerkmal ist eine erhöhte Infektionsanfälligkeit, insbesondere der Atemwege und des Gastrointestinaltrakts. Die häufigste klinisch relevante Form ist die Common Variable Immunodeficiency (CVID). Neben Infektionen treten oft autoimmun vermittelte Zytopenien, Lymphoproliferationen oder Enteropathien auf.

Voraussetzungen zur Therapieeinleitung

Vor Beginn einer Immunglobulinersatztherapie muss ein sekundärer Antikörpermangel (z. B. durch Eiweißverlust, Medikamente, Malignome) ausgeschlossen werden.

  • Vor Therapiebeginn soll die Impfantwort geprüft werden (starker Konsens).
  • Bei klinischer Dringlichkeit darf der Therapiebeginn durch die Diagnostik nicht verzögert werden.
  • Bei Agammaglobulinämie kann auf die Testung der Impfantwort verzichtet werden.

Indikationen zur Immunglobulinsubstitution

Die Indikation richtet sich nach der zugrundeliegenden Störung und der klinischen Symptomatik.

NutzenErkrankungEmpfehlung
ErwiesenAgammaglobulinämieSoll erfolgen (Empfehlungsgrad A)
ErwiesenHypogammaglobulinämie mit fehlender Impfantwort (z.B. CVID, HIGM)Soll erfolgen (Empfehlungsgrad A)
WahrscheinlichHypogammaglobulinämie mit Immundysregulation (ohne Infektneigung)Sollte erwogen werden
WahrscheinlichHypogammaglobulinämie mit erhaltener Impfantwort + InfektneigungSollte erwogen werden
MöglichIgG1-3-Subklassenmangel mit InfektneigungKann erwogen werden (nach erfolgloser Antibiotikaprophylaxe)
UnwahrscheinlichSelektiver IgA-, IgM- oder isolierter IgG4-MangelSoll nicht erfolgen

Bei Antikörpermangelerkrankungen mit zusätzlichem zellulären Immundefekt (CID) ist eine alleinige Substitution unzureichend. Diese Patienten sollen an ein Zentrum für Stammzelltransplantation überwiesen werden.

Applikationsformen

Polyvalente Immunglobulinpräparate verschiedener Hersteller gelten als gleichwertig.

ApplikationBewertungBemerkung
Intravenös (IVIg)StandardNur unter ärztlicher Aufsicht zugelassen.
Subkutan (SCIg)Gleichwertig zu IVIgAls Heimtherapie zugelassen (Empfehlungsgrad A). Verbessert oft die Lebensqualität.
Intramuskulär (IMIg)ObsoletSoll nicht erfolgen (Empfehlungsgrad A).

Dosierung und Therapiesteuerung

Die Dosierung muss individuell nach Klinik (Infektionsfreiheit) gesteuert werden.

  • Initialdosis: Mindestens 400 mg/kg KG/Monat (IVIg oder SCIg).
  • Erhaltungsdosis: Sollte bei 0,4 - 0,6 g/kg KG/Monat liegen.
  • Talspiegel (IVIg): Soll 4,5 g/L nicht unterschreiten (Empfehlungsgrad B).
  • Adipositas: Die Dosis soll initial mit dem idealen bzw. angepassten Körpergewicht (adjusted body weight) kalkuliert werden.

Monitoring

  • Im ersten Jahr: Klinische Kontrolle und IgG-Talspiegel alle 3 Monate.
  • Danach (bei stabilen Werten): Mindestens alle 6 Monate.
  • Regelmäßige Kontrollen von Blutbild, Leber- und Nierenwerten sollen erfolgen.

Management von Komplikationen

Immunzytopenien (ITP, AIHA)

  • Betreuung gemeinsam mit Hämatologen.
  • Erstlinientherapie: Steroide und bei schwerer Ausprägung hochdosierte Immunglobuline.

Pulmonale Manifestationen

  • Bei CVID-Diagnose: Bodyplethysmographie inkl. Diffusionskapazität (jährliche Kontrolle) sowie Schnittbildgebung des Thorax (bei Erwachsenen).
  • Bei Bronchiektasen: Regelmäßige Sputumuntersuchungen und frühzeitige Atemphysiotherapie (Empfehlungsgrad A für Lungensport bei Belastungsluftnot).
  • Bei häufigen Exazerbationen trotz Ig-Therapie kann eine kontinuierliche Antibiotikaprophylaxe erwogen werden.

Gastrointestinale Manifestationen

  • Bei CVID-Diagnose: Abdomensonographie (jährliche Kontrolle).
  • Bei entsprechender Symptomatik: Endoskopie (ÖGD/Koloskopie).

💡Praxis-Tipp

Bestimmen Sie vor der ersten Immunglobulingabe unbedingt die Impfantwort (z.B. Pneumokokken), da diese unter laufender Substitution nicht mehr aussagekräftig beurteilbar ist. Berechnen Sie zudem die Immunglobulindosis bei adipösen Patienten stets nach dem idealen Körpergewicht, um Überdosierungen zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Bei Agammaglobulinämie sowie Hypogammaglobulinämie mit fehlender oder stark eingeschränkter Impfantwort und pathologischer Infektionsanfälligkeit.
Der IgG-Talspiegel sollte 4,5 g/L nicht unterschreiten. Die genaue Erhaltungsdosis richtet sich jedoch individuell nach der klinischen Infektionsfreiheit.
Nein. Die intramuskuläre Applikation von polyvalenten Immunglobulinen soll laut Leitlinie nicht mehr erfolgen.
Bei Adipositas soll die Dosis initial mit dem idealen bzw. angepassten Körpergewicht (adjusted body weight) kalkuliert werden.
Nein. Bei einem selektiven IgA-, IgM- oder isolierten IgG4-Mangel mit erhaltener IgG-Antikörperbildung soll keine Immunglobulinersatztherapie erfolgen.

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