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Onkopedia/DGHOOnkologie

Haarzell-Leukämie (HZL): Leitlinie (Onkopedia)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf Onkopedia/DGHO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die klassische Haarzell-Leukämie (HZL) ist ein indolentes B-Zell-Lymphom, das durch Zytopenie und Splenomegalie gekennzeichnet ist.
  • Bei über 95 % der klassischen HZL liegt eine BRAF-V600E-Mutation vor, die diagnostisch und therapeutisch relevant ist.
  • Asymptomatische Patienten werden zunächst nur beobachtet (Watch & Wait).
  • Therapiestandard in der Erstlinie sind Purin-Analoga (bevorzugt Cladribin), die Remissionsraten von über 95 % erzielen.
  • Die HZL-Variante (HZL-V) ist BRAF-Wildtyp, verläuft aggressiver und spricht schlechter auf Standardtherapien an.
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Hintergrund

Die Haarzell-Leukämie (HZL) ist eine seltene, maligne Erkrankung der reifen B-Lymphozyten und zählt zu den indolenten Non-Hodgkin-Lymphomen. Sie macht etwa 3 % der lymphatischen Leukämien aus. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 62 und 65 Jahren, wobei Männer deutlich häufiger betroffen sind (4-5:1). Bei gutem Ansprechen auf die Therapie hat die Mehrzahl der Patienten eine nahezu normale Lebenserwartung.

Klinisches Bild

Charakteristisch für die HZL ist die Kombination aus Zytopenie und Splenomegalie. Die Zytopenie entsteht durch leukämische Infiltration, hämatopoese-supprimierende Zytokine und Retikulinfaservermehrung im Knochenmark.

  • Panzytopenie: Bei ca. 70 % der Patienten das Leitsymptom.
  • Symptome: Fatigue, vermehrte Infektionen (bei Neutropenie), Blässe (bei Anämie) und Blutungsneigung (bei Thrombozytopenie).
  • Splenomegalie: Kann zu einem Druckgefühl im linken Oberbauch führen.

Diagnostik

Die Diagnosesicherung erfordert eine Kombination aus Blut-, Knochenmarks- und molekulargenetischen Untersuchungen. Der Nachweis von Haarzellen im peripheren Blut allein reicht nicht aus.

MaterialBasisdiagnostikSpezialdiagnostik
Peripheres BlutDifferenzialblutbild (inkl. Retikulozyten)Durchflusszytometrie (Immunphänotypisierung)
Knochenmark-Aspirat (oft Punctio sicca), Biopsie (Histologie, Faserfärbung)
Molekulargenetik-BRAF V600E-Mutation (Therapie-steuernd)
BildgebungSonographie Abdomen (Milzgröße)-

Klassifikation

Es wird zwischen der klassischen HZL (ca. 95 %) und der HZL-Variante (HZL-V) unterschieden. Die Variante verläuft aggressiver und spricht schlechter auf Standardtherapien an.

MerkmalKlassische HZLHZL-Variante (HZL-V)
LeukozytenLymphozytose ≤ 10 %Lymphozytose ≥ 90 % (oft > 15.000/µl)
ImmunphänotypCD11c+, CD103+, CD25+CD11c+/-, CD103+/-, CD25-
GenotypBRAF V600E Mutation (>95 %)BRAF Wildtyp

Therapieindikationen

Die HZL wird erst bei Symptomatik oder ausgeprägter Zytopenie behandelt. Asymptomatische Patienten werden beobachtet (Watch & Wait). Kriterien für den Therapiebeginn sind:

  • HZL-assoziierte Symptomatik (Fatigue, B-Symptomatik, rezidivierende Infekte)
  • Neutrophile Granulozyten < 1.000/µl
  • Thrombozyten < 100.000/µl
  • Hämoglobin < 11 g/dl

Primärtherapie

Der Therapiestandard der klassischen HZL sind Purin-Analoga. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird primär Cladribin eingesetzt.

WirkstoffDosierung / ApplikationBemerkung
Cladribin0,14 mg/kg KG s.c. täglich über 5 TageRemissionsraten 95-98 %. Evaluation des Ansprechens erst nach 4-6 Monaten.
Pentostatini.v. alle 2-3 Wochen über mind. 3 MonateAlternative zu Cladribin, spezifischer ADA-Inhibitor.

Rezidivtherapie und besondere Situationen

Bei einem Rezidiv (oft erst nach Jahren) kann eine erneute Therapie mit Purin-Analoga erfolgen. Weitere Optionen umfassen:

  • Chemoimmuntherapie: Kombination von Cladribin oder Pentostatin mit dem Anti-CD20-Antikörper Rituximab (besonders bei frühem Rezidiv).
  • BRAF-Inhibitoren: Vemurafenib oder Dabrafenib bei Nachweis der BRAF V600E-Mutation. Führt zu raschem Ansprechen ohne transiente Verschlechterung der Zytopenie.
  • BTK-Inhibitoren: Ibrutinib als hochwirksame Option im Rezidiv.
  • Infektionen: Bei unbeherrschten Infekten sind Purin-Analoga relativ kontraindiziert. Hier kann ein BRAF-Inhibitor oder Rituximab als Bridging eingesetzt werden, bis der Infekt saniert ist.

💡Praxis-Tipp

Bei Patienten mit unbeherrschten Infektionen sollte die immunsuppressive Therapie mit Purin-Analoga verschoben werden. Als überbrückende Therapie (Bridging) kann hier der Off-Label-Einsatz von BRAF-Inhibitoren (z.B. Vemurafenib) erwogen werden, da diese die Zytopenie nicht transient verschlechtern.

Häufig gestellte Fragen

Eine Therapie ist erst bei symptomatischer Erkrankung oder ausgeprägter Zytopenie indiziert (Neutrophile <1.000/µl, Thrombozyten <100.000/µl, Hämoglobin <11g/dl). Asymptomatische Patienten werden nur beobachtet.
Der Standard sind Purin-Analoga. Im deutschsprachigen Raum wird bevorzugt Cladribin eingesetzt (z.B. subkutan über 5 Tage).
Die HZL-Variante weist keine BRAF-V600E-Mutation auf, ist CD25-negativ, geht oft mit einer deutlichen Leukozytose einher und hat eine schlechtere Prognose sowie ein schlechteres Ansprechen auf Standardtherapien.
Aufgrund der krankheitsbedingten Retikulinfaservermehrung im Knochenmark kommt es bei der Aspiration häufig zu einer sogenannten 'Punctio sicca' (trockenes Aspirat). Eine Knochenmarkbiopsie ist daher zwingend erforderlich.

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