Chronische Neutrophilen-Leukämie (CNL): Leitlinie Onkopedia
📋Auf einen Blick
- •Die CNL ist eine sehr seltene myeloische Neoplasie, die meist durch aktivierende Mutationen im CSF3R-Gen (z.B. T618I) getrieben wird.
- •Das mediane Überleben beträgt nur etwa 2 Jahre, häufige Komplikationen sind fatale Blutungen und die Transformation in eine AML.
- •Die allogene Stammzelltransplantation ist die einzige kurative Therapieoption und sollte bei Hochrisikopatienten frühzeitig erwogen werden.
- •Zur palliativen Zytoreduktion werden Hydroxycarbamid oder in der Zweitlinie Ruxolitinib eingesetzt.
Hintergrund
Die chronische Neutrophilen-Leukämie (CNL) ist eine sehr seltene myeloproliferative Neoplasie (Inzidenz ca. 0,1/1 Mio./Jahr) mit einem medianen Diagnosealter von 66,5 Jahren. Sie ist gekennzeichnet durch eine anhaltende Neutrophilie, Knochenmarkhyperzellularität und Hepatosplenomegalie. Der charakteristische Treiber der klonalen Proliferation sind aktivierende Mutationen im G-CSF-Rezeptor (CSF3R), am häufigsten die membranproximale Mutation T618I.
Klinisches Bild und Komplikationen
Bei Diagnosestellung sind die Patienten meist asymptomatisch. Klinisch zeigt sich in ca. einem Drittel der Fälle eine Splenomegalie.
Zwei wesentliche Komplikationen bestimmen den Verlauf:
- Erhöhte Blutungsneigung: Es besteht ein hohes Risiko für klinische Blutungsereignisse, einschließlich potenziell fataler Hirnblutungen.
- Leukämische Transformation: In 10-21 % der Fälle kommt es zu einer Transformation in eine akute myeloische Leukämie (AML) nach median 21 Monaten.
Diagnostik
Die Diagnose erfordert eine sorgfältige Abgrenzung von reaktiven Neutrophilien und anderen myeloischen Neoplasien (wie CML oder atypische CML).
| Kriterium | Merkmale nach WHO |
|---|---|
| Peripheres Blut | Leukozytose ≥ 13 x 10^9/L (≥ 25 x 10^9/L bei CSF3R negativ) <br> ≥ 80% Neutrophile/Stabkernige <br> < 10% Vorläuferzellen <br> Monozyten < 1 x 10^9/L |
| Knochenmark | Hyperzellulär <br> Granulopoese vermehrt und ausreifend <br> < 5% Blasten |
| Ausschlusskriterien | Kriterien für CML, PV, ET, PMF nicht erfüllt <br> Kein Rearrangement von PDGFRA/B, FGFR1 oder PCM1-JAK2 |
| Genetik | Nachweis einer CSF3R-Mutation (z.B. T618I) |
Bemerkung: Fehlt eine CSF3R-Mutation, kann die Diagnose nur bei persistierender Neutrophilie (≥ 3 Monate), Splenomegalie und Ausschluss reaktiver Ursachen gestellt werden.
Prognose und Risikoscore
Die Prognose der CNL ist schlecht, das mediane Überleben beträgt etwa 2 Jahre. Zur Risikostratifizierung wurde ein Score entwickelt:
| Merkmal | Punktzahl |
|---|---|
| Thrombozytopenie < 160 x 10^9/L | 2 |
| Leukozytose > 60 x 10^9/L | 1 |
| ASXL1 Mutation | 1 |
- Niedrigrisiko (0-1 Punkte): Medianes Überleben nach 8 Jahren noch nicht erreicht.
- Hochrisiko (2-4 Punkte): Medianes Überleben 22,4 Monate.
Zusätzlich gelten Mutationen in NRAS, GATA2 oder DNMT3A als prognostisch ungünstig.
Therapie
Es existiert keine durch randomisierte Studien gesicherte Standardbehandlung. Die Therapieentscheidung richtet sich nach Risiko und Symptomlast.
| Therapie | Indikation / Stellenwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Allogene Stammzelltransplantation | Einzige kurative Option | Frühzeitig erwägen bei Hochrisikopatienten (z.B. Blastenvermehrung, Thrombozytopenie, Hochrisiko-Mutationen). |
| Hydroxycarbamid (HU) | Zytoreduktion | Indiziert bei ausgeprägter Leukozytose, Splenomegalie oder Symptomlast. Ansprechrate ca. 75%, Effekt meist zeitlich begrenzt. |
| Ruxolitinib | Zweitlinientherapie | Zeigt bei membranproximalen CSF3R-Mutationen (T618I) zeitlich begrenzte klinische Aktivität. |
| Interferon-alpha | Therapieversuch | In Einzelfällen lang anhaltende Remissionen beschrieben. |
Verlaufskontrolle
Nach Diagnosestellung und Therapieplanung sollte alle 3 Monate eine klinische Kontrolle sowie die Bestimmung von Blutbild und Differenzialblutbild erfolgen. Bei Progression (Zunahme der Leukozytose, Thrombozytopenie, Blasten) sollte eine erneute molekulargenetische Diagnostik erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei CNL-Patienten auf eine erhöhte Blutungsneigung (inklusive intrakranieller Blutungen) und berechnen Sie den Risikoscore zur frühzeitigen Indikationsstellung einer allogenen Stammzelltransplantation.