ESC-Leitlinie Kardio-Onkologie 2022: Zusammenfassung (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Vor jeder Krebstherapie wird eine kardiovaskuläre Risikostratifizierung mittels HFA-ICOS-Fragebögen empfohlen.
- •Die krebstherapiebedingte kardiale Dysfunktion (CTRCD) wird in symptomatische und asymptomatische Formen unterteilt.
- •Zur echokardiographischen Überwachung sollen bevorzugt die 3D-LVEF und der Global Longitudinal Strain (GLS) genutzt werden.
- •Bei Krebspatienten mit hohem Risiko unter Anthrazyklin- oder Anti-HER2-Therapie sollten ACE-Hemmer/Sartane und Betablocker erwogen werden.
- •Bei einer Immuncheckpoint-Inhibitor-assoziierten Myokarditis ist die sofortige Gabe von hochdosiertem Methylprednisolon (500-1000 mg i.v.) indiziert.
Hintergrund
Aufgrund des längeren Überlebens von Krebspatienten gewinnt die Kardio-Onkologie zunehmend an Bedeutung. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat 2022 in Kooperation mit weiteren Fachgesellschaften (EHA, ESTRO, IC-OS) die erste europäische Leitlinie zu diesem Thema veröffentlicht. Ziel ist die strukturierte Prävention, Diagnostik und Therapie der krebstherapiebedingten kardialen Dysfunktion (CTRCD).
Definition der CTRCD
Die Leitlinie übernimmt die Definition der IC-OS, welche die CTRCD in symptomatische (Herzinsuffizienz, HF) und asymptomatische Formen unterteilt:
| Form | Schweregrad | Kriterien |
|---|---|---|
| Symptomatisch | Sehr hochgradig | HF mit Notwendigkeit für inotrope/mechanische Unterstützung oder Transplantation |
| Hochgradig | Hospitalisierung wegen HF erforderlich | |
| Mäßig | Ambulante Intensivierung der Diuretika-/HF-Therapie nötig | |
| Mild | Leichte HF-Symptome, keine Therapieintensivierung nötig | |
| Asymptomatisch | Hochgradig | Neue LVEF-Reduktion auf < 40 % |
| Mäßig | Neue LVEF-Reduktion um > 10 Prozentpunkte auf 40–49 % ODER Reduktion um < 10 Prozentpunkte auf 40–49 % UND relativer GLS-Rückgang > 15 % ODER neuer Biomarker-Anstieg | |
| Mild | LVEF > 50 % UND relativer GLS-Rückgang > 15 % UND/ODER neuer Biomarker-Anstieg |
Risikostratifizierung und Diagnostik
Vor Beginn einer Krebstherapie wird bei jedem Patienten eine kardiovaskuläre Risikostratifizierung empfohlen (Klasse-I-Empfehlung). Hierfür sollen die HFA-ICOS-Risikostratifizierungs-Fragebögen genutzt werden (Klasse-IIa), um Patienten in geringes, mäßiges, hohes oder sehr hohes Risiko einzuteilen.
Zur Basisdiagnostik gehören:
- Ruhe-EKG: Inklusive Messung der QTcF-Zeit (Normalwerte: Männer bis 450 ms, Frauen bis 460 ms).
- Kardiale Biomarker: Bestimmung von BNP/NT-proBNP und/oder kardialem Troponin vor Therapiebeginn, wenn diese auch im Verlauf gemessen werden sollen.
- Echokardiographie: Primäres Bildgebungsverfahren. Es soll bevorzugt die 3D-Echokardiographie zur LVEF-Bestimmung sowie die Messung des Global Longitudinal Strain (GLS) genutzt werden (Klasse-I).
- Kardiales MRT: Sollte erwogen werden, wenn die Echokardiographie nicht aussagekräftig ist (Klasse-IIa).
Primärprävention
Die Einstellung kardiovaskulärer Risikofaktoren soll gemäß den ESC-Leitlinien zur Prävention erfolgen. Spezifische medikamentöse Empfehlungen bei hohem/sehr hohem Risiko für kardiovaskuläre Toxizität umfassen:
- ACE-Inhibitoren/AT1-Antagonisten und Betablocker (bevorzugt Carvedilol, alternativ Bisoprolol, Metoprololsuccinat, Nebivolol) unter Anthrazyklin-, Anti-HER2- oder zielgerichteter Therapie (Klasse-IIa).
- Statine bei allen erwachsenen Krebspatienten mit hohem/sehr hohem Risiko (Klasse-IIa).
- Liposomales Anthrazyklin oder Dexrazoxan bei Indikation für Anthrazykline und hohem/sehr hohem Risiko (Klasse-IIa).
Management der CTRCD unter Anthrazyklinen
Bei Auftreten einer kardiovaskulären Toxizität soll ein kardio-onkologisch erfahrener Kardiologe hinzugezogen werden. Die Therapieentscheidung erfolgt im multidisziplinären Team (MDT).
| CTRCD-Schweregrad | Onkologische Strategie | Kardiologische Strategie |
|---|---|---|
| Symptomatisch (Sehr hoch/hoch) | Anthrazykline beenden | HF-Therapie etablieren |
| Symptomatisch (Mäßig) | Anthrazykline unterbrechen | HF-Therapie etablieren |
| Asymptomatisch (Hoch/mäßig) | Anthrazykline unterbrechen | ACE-I/ARB und/oder Betablocker |
| Asymptomatisch (Mild) | Anthrazykline fortsetzen (mit Überwachung) | ACE-I/ARB und/oder Betablocker erwägen |
Immuncheckpoint-Inhibitor (ICI) assoziierte Myokarditis
Bei einer gesicherten ICI-bedingten Myokarditis muss sofort gehandelt werden:
- Absetzen des ICI, Krankenhauseinweisung und EKG-Überwachung (Klasse-I).
- Methylprednisolon: 500–1000 mg i.v. Bolus einmal täglich für mindestens 3 Tage (Klasse-I).
- Bei Therapieansprechen: Wechsel auf orales Prednisolon (1 mg/kg/Tag) mit schrittweiser Reduktion.
- Bei fulminanter/steroidrefraktärer Myokarditis: Intensivstation, mechanische Kreislaufunterstützung und Zweitlinien-Immunsuppression.
Schwangerschaft
Schwangere Krebspatientinnen mit geplanter kardiotoxischer Therapie sollen in spezialisierten Zentren (Schwangerschaft-Herz-Team) betreut werden. Wird während der Schwangerschaft eine Anthrazyklin-Therapie durchgeführt, sind vor Beginn und danach alle 4 bis 8 Wochen eine Echokardiographie und ein Ruhe-EKG indiziert (Klasse-I).
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie kardiale Biomarker (Troponin, BNP/NT-proBNP) stets vor Beginn der Krebstherapie als Ausgangswert. Ein einzelner Wert unter laufender Therapie hat ohne Baseline-Vergleich nur eine sehr begrenzte Aussagekraft.