Langzeitnachsorge nach Kinderkrebs: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Rund 70 % der Langzeitüberlebenden entwickeln 30 Jahre nach einer Krebserkrankung im Kindesalter chronische Spätfolgen.
- •Das Risiko für Zweitneoplasien ist 2- bis 10-fach erhöht, insbesondere nach Radiotherapie, Chemotherapie oder Stammzelltransplantation.
- •Nach thorakaler Bestrahlung wird für Frauen ein intensiviertes Brustkrebs-Screening ab dem 25. Lebensjahr empfohlen.
- •Kardiotoxische Spätfolgen durch Anthrazykline oder Bestrahlung erfordern ein lebenslanges, risikoadaptiertes Screening mittels Echokardiographie und Biomarkern.
- •Schilddrüsenfunktionsstörungen und Osteoporose sind häufige endokrine Spätfolgen, die regelmäßige Kontrollen (TSH, fT4, DXA-Scan) erfordern.
Hintergrund
Dank verbesserter multimodaler Therapien liegt die Langzeitüberlebensrate bei Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter heute bei ca. 85 %. Allerdings leiden rund 70 % der Überlebenden 30 Jahre nach der Erkrankung an chronischen Spätfolgen. Eine strukturierte, risikoadaptierte und lebenslange Nachsorge in interdisziplinären Zentren ist daher essenziell, um Spätfolgen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Zweitneoplasien und genetische Disposition
Langzeitüberlebende haben ein 2- bis 10-fach erhöhtes Risiko für Zweitneoplasien. Die kumulative Inzidenz beträgt nach 35 Jahren mindestens 8,3 %.
Risikofaktoren für Zweitneoplasien:
- Radiotherapie (RT): Latenz oft 10-20 Jahre. Erhöhtes Risiko für Sarkome, Brust-, Schilddrüsen- und Hirntumore.
- Chemotherapie: Alkylanzien, Epipodophyllotoxine, Anthrazykline und Platinderivate.
- Stammzelltransplantation (HSZT) & CAR-T-Zellen: Erhöhtes Risiko für hämatologische und solide Tumore (z. B. Plattenepithelkarzinome bei chronischer GvHD).
- Genetische Tumordisposition: Z. B. Li-Fraumeni-Syndrom, Retinoblastom-Disposition.
| Neoplasie-Risiko | Screening-Empfehlung | Indikation |
|---|---|---|
| Brustkrebs | Jährliche Mamma-MRT und Mammographie ab 25. Lebensjahr (oder >8 Jahre nach RT) | Frauen nach thorakaler RT (>10 Gy) |
| Kolorektales Karzinom | Test auf okkultes Blut (alle 3 Jahre) oder Koloskopie (alle 5 Jahre) ab 30. Lebensjahr | Nach abdomineller RT oder Ganzkörperbestrahlung (TBI) |
| Hautkrebs | Standardisiertes Hautkrebsscreening (Zeitintervall individuell) | Nach RT-Exposition oder HSZT |
Starker Konsens: Bei Überlebenden mit syn- oder metachronen Neoplasien vor dem 40. Lebensjahr soll zwingend eine Keimbahndiagnostik auf Vorliegen einer genetischen Tumordisposition angeboten werden.
Kardiologische Spätfolgen
Kardiovaskuläre Erkrankungen, insbesondere Kardiomyopathien und Herzinsuffizienz, treten häufig nach Therapie mit Anthrazyklinen oder kardialer Bestrahlung auf. Die Inzidenz einer linksventrikulären Dysfunktion liegt bei Kindern nach Anthrazyklin-Gabe bei ca. 10 %.
Diagnostik-Standard in der Nachsorge:
- Echokardiographie: 3D-EF (bevorzugt), Globaler longitudinaler Strain (GLS), diastolische Funktion.
- EKG: 12-Kanal-EKG (Rhythmus, PQ, QRS, QTc).
- Biomarker: Troponin und BNP/NT-pro-BNP (Ausgangswert bestimmen).
| Risikogruppe | Anthrazyklin-Äquivalent | Thorakale RT | Screening-Intervall |
|---|---|---|---|
| Hohes Risiko | > 250 mg/m² | > 30 Gy | Alle 2 Jahre |
| Hohes Risiko (Kombi) | > 100 mg/m² | > 15 Gy | Alle 2 Jahre |
| Moderates Risiko | 100 bis < 250 mg/m² | 15 bis < 30 Gy | Alle 5 Jahre |
| Niedriges Risiko | > 0 bis < 100 mg/m² | > 0 bis < 15 Gy | Kein Screening empfohlen |
Endokrinologische Spätfolgen
Endokrinopathien betreffen bis zu 50 % der Überlebenden und manifestieren sich oft mit jahrzehntelanger Latenz.
Schilddrüse
Nach zervikaler RT, TBI oder MIBG-Therapie besteht ein hohes Risiko für Hypothyreosen sowie benigne und maligne Schilddrüsenknoten.
- Funktionskontrolle: Jährlich (<18 Jahre) bzw. alle 2 Jahre (ab 18 Jahre) TSH und fT4 bestimmen.
- Knoten-Screening: Ab 5 Jahre nach RT-Exposition Aufklärung über Vor- und Nachteile von Palpation (alle 1-2 Jahre) oder Sonographie (alle 3-5 Jahre) im Sinne eines "Shared Decision Making".
Knochenstoffwechsel (Osteoporose)
Nach kranialer/kraniospinaler RT, TBI oder Glukokortikoidtherapie ist das Risiko für eine verminderte Knochendichte erhöht.
- Diagnostik: DXA-Scan zum Eintritt in die Langzeitnachsorge (2-5 Jahre nach Therapieende) und erneut im Alter von 25 Jahren.
- Prävention: Aufklärung über sportliche Aktivität (Krafttraining), Rauchverzicht sowie ausreichende Vitamin D3- und Kalzium-Versorgung.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei Patienten nach kranialer Radiotherapie vor der Einleitung einer Levothyroxin-Substitution zwingend die Nebennierenrindenfunktion, um eine unentdeckte corticotrope Insuffizienz nicht zu demaskieren. Nutzen Sie für das kardiale Screening bevorzugt den Globalen longitudinalen Strain (GLS) und die 3D-Echokardiographie.