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DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie)Kardiologie

Kardiovaskuläre Erkrankungen in der Schwangerschaft (DGK)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie) Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Risikobewertung vor und während der Schwangerschaft erfolgt standardisiert anhand der modifizierten WHO-Klassifikation (mWHO).
  • Hochrisiko-Patientinnen (ab mWHO II-III) müssen zwingend von einem interdisziplinären Schwangerschafts-Herzteam betreut werden.
  • Pulmonalarterielle Hypertonie (PAH) und bestimmte Aortenerkrankungen (z.B. vaskuläres Ehlers-Danlos-Syndrom) sind absolute Schwangerschafts-Kontraindikationen.
  • Bei mechanischen Herzklappen ist ein striktes Antikoagulations-Management mit VKA, LMWH oder UFH je nach Trimenon und Dosisbedarf erforderlich.
  • Die vaginale Entbindung ist bei den meisten Herzerkrankungen die Methode der Wahl; ein Kaiserschnitt ist nur bei spezifischen Indikationen empfohlen.
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Hintergrund

Die Schwangerschaft führt zu erheblichen physiologischen Veränderungen im Herz-Kreislauf- und Blutgerinnungssystem. Während angeborene Herzfehler in der westlichen Welt die häufigste kardiovaskuläre Erkrankung bei Schwangeren darstellen (75–82 %), dominieren in nicht-westlichen Ländern rheumatische Klappenvitien. Das individuelle Risiko hängt maßgeblich von der zugrunde liegenden Erkrankung und der kardiovaskulären Funktion ab.

Risikostratifizierung und Schwangerschafts-Herzteam

Die Risikoeinschätzung jeder Patientin sollte vor und während der Schwangerschaft individualisiert auf Basis der modifizierten WHO-Klassifikation (mWHO) erfolgen (I-C). Patientinnen der Klassen mWHO II-III, III und IV müssen von einem interdisziplinären Schwangerschafts-Herzteam (Kardiologie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Anästhesie) in einem spezialisierten Zentrum betreut werden (I-C).

mWHO-KlasseMütterliches RisikoBeispiele für Erkrankungen
IKein/sehr geringUnkomplizierte kleine Pulmonalstenose, PDA, Mitralklappenprolaps, erfolgreich operierte einfache Läsionen
IIGering erhöhtUnoperierter ASD/VSD, operierte Fallot-Tetralogie, die meisten Arrhythmien
II-IIIMäßig erhöhtLeichte LV-Einschränkung (EF >45%), HCM, Marfan ohne Aortendilatation, operierte Aortenisthmusstenose
IIIDeutlich erhöhtModerate LV-Einschränkung (EF 30-45%), mechanische Herzklappe, Fontan-Zirkulation, moderate Aortendilatation
IVExtrem hoch (Kontraindikation)PAH, schwere LV-Dysfunktion (EF <30%), schwere MS/AS, vaskuläres Ehlers-Danlos-Syndrom, schwere Aortendilatation

Angeborene Herzfehler und Pulmonale Hypertonie

  • Pulmonalarterielle Hypertonie (PAH): Geht mit einer hohen Müttersterblichkeit (16-30 %) einher. Eine Schwangerschaft wird nicht empfohlen (III-B). Tritt sie dennoch ein, sollte ein Abbruch diskutiert werden.
  • Eisenmenger-Syndrom: Extrem hohes Risiko durch Zyanose und paradoxe Embolien. Mütterliche Letalität liegt bei 20-50 %.
  • Fontan-Zirkulation: Hohes Risiko für Arrhythmien, Thromboembolien und Fehlgeburten (30 %). Eine therapeutische Antikoagulation sollte erwogen werden (IIa-C).

Aortenerkrankungen

Die Schwangerschaft ist eine Hochrisikophase für Aortendissektionen (meist im 3. Trimenon oder postpartal). Eine strikte Blutdruckkontrolle ist bei bekannter Dilatation oder Disposition essenziell (I-C).

ErkrankungDissektionsrisikoKontraindikation für Schwangerschaft bei
Marfan-SyndromHoch (1-10%)Aorta ascendens > 45 mm
Bikuspide AortenklappeNiedrig (<1%)Aorta ascendens > 50 mm (oder > 27 mm/m² KOF)
Turner-SyndromHoch (1-10%)Aortic Size Index (ASI) > 25 mm/m²
Vaskuläres Ehlers-DanlosHoch (1-10%)Generell kontraindiziert (mWHO IV)

Hinweis: Bei Marfan-Syndrom oder anderen genetischen Aortenerkrankungen sollte eine Betablockertherapie während der gesamten Schwangerschaft erwogen werden (IIa-C).

Herzklappenerkrankungen

Das erhöhte Herzzeitvolumen lässt transvalvuläre Gradienten um ca. 50 % ansteigen, was besonders bei stenotischen Vitien problematisch ist.

  • Mitralstenose (MS): Bei Klappenöffnungsfläche < 1,0 cm² wird eine Intervention (bevorzugt perkutan) vor der Schwangerschaft empfohlen (I-C). Bei Symptomen in der Schwangerschaft: Betablocker (bevorzugt Metoprolol/Bisoprolol) (I-B).
  • Aortenstenose (AS): Bei schwerer AS und Symptomen, LV-Dysfunktion (EF < 50%) oder pathologischem Belastungstest ist eine Intervention vor der Schwangerschaft indiziert (I-B/C).

Mechanische Herzklappen und Antikoagulation

Schwangerschaften mit mechanischen Klappen sind absolute Hochrisiko-Schwangerschaften (mWHO III). Die Antikoagulation erfordert ein striktes, phasenadaptiertes Management:

ZeitraumEmpfehlung bei Niedrigdosis-VKA-Bedarf*Empfehlung bei Hochdosis-VKA-Bedarf*
1. TrimenonVKA fortsetzen (IIa-C) ODER LMWH/UFHWechsel auf LMWH/UFH (IIa-C)
2. & 3. TrimenonVKA fortsetzen (I-C)VKA fortsetzen (IIa-C) ODER LMWH
Ab 36. SSWWechsel auf UFH i.v. oder LMWH (I-C)Wechsel auf UFH i.v. oder LMWH (I-C)
Vor Entbindung36h vorher: UFH i.v. / 4-6h vorher: UFH absetzen36h vorher: UFH i.v. / 4-6h vorher: UFH absetzen

Niedrigdosis = Warfarin < 5 mg/d, Phenprocoumon < 3 mg/d. Hochdosis = Werte darüber.

Wichtig: Bei LMWH-Gabe ist eine wöchentliche Anti-Xa-Spiegel-Kontrolle mit Dosisanpassung zwingend erforderlich (I-C). Ohne diese Möglichkeit wird LMWH nicht empfohlen (III-C).

Kardiomyopathien und Herzinsuffizienz

  • Peripartale Kardiomyopathie (PPCM): Zeigt sich mit Herzinsuffizienzsymptomen gegen Ende der Schwangerschaft oder postpartal (LVEF meist < 45 %). Bei initialer LVEF < 30 % besteht eine ungünstige Prognose. Bromocriptin kann erwogen werden, um die Laktation zu beenden und die Erholung der LV-Funktion zu verbessern (IIb-B).
  • Medikamente: ACE-Hemmer, Angiotensinrezeptorblocker (ARB), ARNI, Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten (MRA) und Ivabradin sind fetotoxisch und müssen vor der Empfängnis abgesetzt werden.

Entbindungsmanagement

Die vaginale Entbindung ist bei den meisten Patientinnen die Methode der Wahl (I-C). Ein Kaiserschnitt sollte erwogen werden bei (IIa-C):

  • Aorta ascendens > 45 mm
  • Schwerer Aortenstenose
  • Eisenmenger-Syndrom
  • Schwerer Herzinsuffizienz
  • Vorzeitigen Wehen unter oraler Antikoagulation (VKA)

💡Praxis-Tipp

Betreuen Sie Hochrisiko-Patientinnen (ab mWHO-Klasse II-III) immer interdisziplinär im Schwangerschafts-Herzteam. Setzen Sie bei mechanischen Herzklappen niedermolekulares Heparin (LMWH) nur ein, wenn eine wöchentliche Anti-Xa-Spiegel-Kontrolle mit Dosisanpassung (innerhalb von 36 Stunden) logistisch sichergestellt ist.

Häufig gestellte Fragen

Absolute Kontraindikationen (mWHO IV) sind u.a. pulmonalarterielle Hypertonie (PAH), schwere systemische Ventrikeldysfunktion (LVEF < 30%), vaskuläres Ehlers-Danlos-Syndrom, schwere symptomatische Aortenstenose sowie schwere Aortendilatationen (z.B. Marfan > 45 mm).
Das Vorgehen hängt vom Trimenon und der benötigten VKA-Dosis ab. Im 2. und 3. Trimenon (bis zur 36. SSW) werden VKA empfohlen. Im 1. Trimenon sollte bei hohem VKA-Bedarf (> 5 mg Warfarin/Tag) auf LMWH oder UFH gewechselt werden. Ab der 36. SSW erfolgt generell die Umstellung auf UFH oder LMWH zur Vorbereitung der Entbindung.
Primär wird die vaginale Entbindung empfohlen, da sie mit geringerem Blutverlust und Infektionsrisiko einhergeht. Ein Kaiserschnitt ist indiziert bei schwerer Aortendilatation (> 45 mm), schwerer Aortenstenose, Eisenmenger-Syndrom, schwerer Herzinsuffizienz oder wenn die Wehen unter oraler Antikoagulation einsetzen.
ACE-Hemmer, Angiotensinrezeptorblocker (ARB), ARNI, Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten (MRA) und Ivabradin sind kontraindiziert und müssen vor der Empfängnis abgesetzt werden. Betablocker sollten auf beta-1-selektive Präparate (z.B. Metoprolol, Bisoprolol) umgestellt werden.
Eine MRT kann durchgeführt werden, wenn die Echokardiographie für eine eindeutige Diagnose nicht ausreicht (z.B. bei Aortendilatation). Es darf jedoch kein Gadolinium-Kontrastmittel verwendet werden.

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